Hirnforschung : Macht Musik wirklich klüger?

Wer ein Instrument lernt, wird dadurch allgemein leistungsfähiger, behaupten viele Studien. Doch an denen muss man zweifeln.

Dieser Artikel erschien am 17.12.2019 in DIE ZEIT
Christoph Drösser
Klavier
IQ-Doping per Musik: Klingt plausibler, als es ist.
©dpa

Schlau durch Musik: Das Erlernen eines Instruments fördert nicht nur die Musikalität eines Kindes, sondern auch die abstrakte Vorstellungs­kraft, seine Mathematik- oder Sprach­fähig­keiten. Solche Sätze liest man immer wieder, und tatsächlich behaupten diverse wissenschaftliche Studien, den allgemeinen Bildungs­effekt des Musik­unterrichts zu belegen – sehr zur Freude von Musik­lehrern und bildungs­bürgerlichen Eltern. Dabei geht es um sogenannte Transfer­leistungen unseres Gehirns, also darum, dass Übung auf einem Gebiet die Leistungen auf einem anderen fördert. Meist vergleichen die wissenschaftlichen Unter­suchungen Kinder, die Musik­unterricht hatten, mit Nicht­musikern. Finden sich Unter­schiede, seien diese – so die Schluss­folgerung – durch die Musik­stunden zustande gekommen.

Dem kanadischen Psychologen und Komponisten Glenn Schellenberg sind solche Studien ein Dorn im Auge. Denn sie begehen einen klassischen wissenschaftlichen Fehler: Sie verwechseln eine Korrelation (Kinder, die Klavier spielen, sind klüger) mit einer Kausalität (die Kinder sind klüger, weil sie Klavier spielen). Dieser logische Fehl­schluss sollte Studenten eigentlich schon im ersten Semester aus­getrieben werden. Wenn zwei Größen (X und Y) sich auf die gleiche Weise verändern, kann die eine Veränderung die Ursache für die andere sein – „es kann aber auch sein, dass beide von einer dritten Größe Z abhängen“, erläutert Schellenberg. Wer zum Beispiel Klavier spielt (X) und bessere Schul­noten hat (Y), ist vielleicht einfach allgemein leistungs­bereiter (Z).

Trotzdem machen auch angesehene Forscher den Fehler, Korrelation und Kausalität gleich­zu­setzen. Und zwar ziemlich oft, wie Schellenberg heraus­fand, als er sich die Literatur zum Thema ansah. Besonders peinlich: Gerade Neuro­wissenschaftler, die ihre Ergebnisse oft mit vermeintlich objektiven Hirnscans belegen, behaupten häufig kausale Zusammen­hänge, ohne diese beweisen zu können.

Mozart schien die Babys schlauer zu machen – und Blur ebenfalls

Der 61-jährige Schellenberg grantelt schon seit mehr als 25 Jahren gegen auf­geblasene Forschungs­ergebnisse zur angeblichen Wirkung von Musik. So behauptete im Jahr 1993 ein Forschungs­artikel in der angesehenen Zeitschrift Nature, dass Probanden ihren Intelligenz­quotienten (IQ) um bis zu neun Punkte steigern konnten, indem sie zehn Minuten lang eine Mozart-Klavier­sonate anhörten. Die Autoren der Studie vermarkteten ihre Ergebnisse auch per Buch und gründeten gar ein eigenes Institut. Ihre Botschaft führte dazu, dass in zwei US-Bundes­staaten jedes neugeborene Baby mit einer Mozart-CD beglückt wurde. Doch wie Schellenberg mit eigenen Experimenten zeigte, hatte der Effekt mit Mozarts Musik wenig zu tun: Die Probanden waren durch das Musik­hören einfach wacher und aufmerksamer geworden – ein ähnlicher Effekt ließ sich mit Musik der Popgruppe Blur erzielen, aber ebenso durch die Lektüre eines Thrillers von Stephen King.

Noch heikler ist die Messung der langfristigen Auswirkungen des Musik­machens. Schließlich kann man nicht zufällig ausgewählte Kinder dazu zwingen, zum Nutzen der Forschung jahre­lang zum Klavier­lehrer zu gehen. Statt­dessen vergleichen die Forscher eben Kinder, die Musik­stunden nehmen, mit anderen, die keinen Unterricht haben. Anspruchs­vollere Studien versuchen zumindest zu berücksichtigen, aus welchem Eltern­haus die Kinder stammen, ob sie also mit Büchern und anregenden Gesprächen aufwachsen und die Familie vermögend oder eher bedürftig ist. Doch auch dann lassen sich eben nur Korrelationen finden – und keine Beweise für ursächliche Zusammenhänge.

Genau solche kausalen Effekte werden aber in vielen Forschungs­arbeiten behauptet. Laut einer Analyse von Schellenbergs Team, das 114 einschlägige Artikel von Psychologen und Neuro­wissenschaftlern unter die Lupe nahm, wurden in der Mehr­zahl der Fälle die Ergebnisse über­interpretiert. Besonders unkritisch zeigten sich dabei die Neuro­forscher, die ihre Studien mit Bildern von EEGs oder Kern­spin­tomografien unter­mauerten: Drei Viertel von ihnen behaupteten kausale Zusammen­hänge, obwohl sie nachweislich nur Korrelationen gemessen hatten.

Die Zunft verstand Schellenbergs Studie zu Recht als Angriff auf die Hirn­forschung. Während Psychologen schon immer mit dem Vorurteil kämpfen mussten, keine exakte Wissenschaft zu betreiben, trat die Neuro­forschung bislang mit dem Anspruch auf, mit beeindruckenden Apparaturen objektive Sachverhalte zu messen. Tatsächlich verspricht die Disziplin, so Schellenberg, mehr, als sie halten kann.

Das wollen die Hirnforscher nicht auf sich sitzen lassen. Robert Zatorre von der kanadischen McGill-Universität, einer der Protagonisten der musikalischen Hirn­forschung, polemisiert zurück. „Die meisten Hirn­forscher sind nicht so blöd, wie Glenn anscheinend denkt“, erklärt Zatorre gegenüber der ZEIT. Es sei unfair, nur die Überschriften und Zusammen­fassungen der Artikel aus­zu­werten, im Klein­gedruckten würden die meisten Autoren ihre Aussagen differenzieren. Außerdem seien Korrelationen sehr wohl ein Anzeichen dafür, dass ein gewisser Zusammenhang existiert. „Die Ansicht, dass es null Evidenz für kausale Effekte gebe, ähnelt ein bisschen der von Klima­leugnern. Die sagen, man müsse sich keine Sorgen machen, dass Treib­haus­gase das Klima veränderten, weil die Behauptung sich nur auf eine Korrelation gründe.“

Besonders gern polemisiert Schellenberg gegen die „Plastizität“, von der Hirnforscher häufig reden – die Tatsache, dass unser Hirn sich bei jeder Aktivität verändert. Oft heißt es, das Gehirn müsse trainiert werden wie ein Muskel. Eine ganze Industrie vertreibt heute Ratgeber­bücher und Gehirn­trainings­kurse und vermittelt die Vorstellung, man könne mit genügend Übung dem Denkorgan allerlei gewünschte Fähigkeiten verleihen.

Nun stimmt es zwar grundsätzlich, dass sich das Gehirn trainieren lässt. Bei einem Kind, das Geige übt, verändert sich zum Beispiel jene Gehirn­region, die für die Feinmotorik der linken Hand zuständig ist. Gerade haben Forscher der Universität Bochum gezeigt, dass sich die Fähigkeit zur Koordination der Hände, die ein Schlagzeuger besitzen muss, auch in der Hirn­substanz nieder­schlägt. Und zahl­reiche Experimente haben demonstriert, dass musikalisches Training das Hör­vermögen schult, was wiederum nützlich ist, wenn man gesprochene Sprache verstehen will. Fragwürdig ist dagegen die Behauptung, dass solche neu gewonnenen Fähigkeiten sich auf andere Hirn­bereiche übertragen lassen. Als Faustregel gilt: Je weiter der angebliche Transfer vom ursprünglichen Training weg­führt, desto skeptischer muss man ihn begutachten.

„Ich bin nie der Meinung gewesen, dass Flöten­unterricht dazu führt, dass man besser Differential­gleichungen lösen kann. Das halte ich für absurd“, sagt Lutz Jäncke, ein Neuro­psychologe von der Universität Zürich, der sich schon lange mit der Wirkung von Musik­unterricht beschäftigt. Er bezeichnet Schellenbergs Arbeit als einen „tollen Artikel“. Und er betont: Die einzige Methode, um solche Wirkungen zu untersuchen, sind sogenannte Längs­schnitt­studien, bei denen man Gruppen von Kindern mit und ohne Musik­unterricht über Jahre verfolgt.

Einer, der genau das tut, ist Peter Schneider von der Universität Heidelberg. Sein Team begleitet eine Gruppe von Kindern seit mittler­weile zehn Jahren. Dabei hat er fest­gestellt, dass Kinder, die begeistert an ihrem Instrument üben, nicht nur ihre Hörfähig­keit verbessern, sondern ebenso allgemeine Fähigkeiten wie etwa die zur Konzentration. Bei Kindern, die nur wider­willig zum Unterricht gehen, zeigte sich dieser Effekt nicht. Doch welche Ursache hat der Lern­erfolg bei den engagierten Musik­schülern? Waren sie nur von vornherein sehr motiviert, haben deshalb viel Zeit in ihr Hobby gesteckt und so nebenbei etwas anderes geschult? Und: Hätten sie ihre Anlagen nicht genauso gut fürs Schachspielen oder Gedichte­schreiben nutzen können – mit ähnlichen Effekten?

„Hirnforscher sagen gerne, Persönlichkeit interessiere sie nicht“

„Ich habe mit fünf Jahren angefangen, Klavier zu spielen, und bin jeden Morgen um sieben auf­gestanden, um zu üben“, erzählt der Kritiker Glenn Schellenberg. „Natürlich hat mich das verändert.“ Aber die Frage sei doch, ob eine solche Veränderung bei jedem Menschen auf die gleiche Weise statt­finden könne – oder ob sie auf Unterschiede zurück­zu­führen sei, die schon vorher da waren. Möglicher­weise hatte Schellenberg ein musikalisches Talent, das andere nicht haben? Oder er zeigte schon früh eine größere Leistungs­bereitschaft als seine Alters­genossen? „Hirn­forscher sagen gerne, Persönlichkeit interessiere sie nicht – aber die muss im Gehirn verankert sein, sie steckt ja nicht im Knie!“, spottet Schellenberg. Zwar versuchen Forscher beim Vergleich von zwei Gruppen immer, die unter­schiedlichen Start­bedingungen und Voraus­setzungen zu berücksichtigen. Aber wenn sie nicht wissen, wo im Gehirn Talent oder Durchhaltevermögen sitzen und wie sie zu messen sind, können sie diese auch nicht „heraus­rechnen“, wie es im wissenschaftlichen Jargon heißt, also bei ihren Schluss­folgerungen berücksichtigen.

Doch was ist mit jenem Artikel aus dem Jahr 2004, der behauptete: „Musik­unterricht verbessert den IQ“, und dessen Autor niemand anderer war als Glenn Schellenberg selbst? War er demselben Fehl­schluss wie seine Kollegen erlegen? Keinesfalls, sagt der Forscher. Die Studie sei sauber angelegt gewesen, ein Experiment mit 36 Kindern, die in vier zufällig aus­gewählte Gruppen eingeteilt wurden: Eine lernte ein Jahr lang Keyboard spielen, eine zweite bekam Gesangsunterricht, die dritte Schauspielunterricht, eine Kontrollgruppe machte keine außer­schulischen Kurse. Ergebnis: In den beiden musikalischen Gruppen nahm innerhalb eines Jahres der IQ um etwa sieben Punkte zu, bei den beiden anderen Gruppen stieg er nur um drei Punkte. Also doch ein Beweis für die Transfer­leistung des Musik­unterrichts? Leider nein. Vor ein paar Jahren hat das britische Erziehungs­ministerium in einer groß angelegten Studie versucht, das Ergebnis zu reproduzieren: Es war kein Effekt nachweisbar. Offenbar, das gibt Schellenberg selbst zu, war seine Probanden­gruppe zu klein.

Dass viele Musik­forscher die klassischen Fehlschlüsse ziehen, könnte auch daran liegen, dass sie oft selbst Musiker sind und gern an die trans­formierende Wirkung der Musik glauben möchten, vermutet Schellenberg. „Nur: Wenn man Wissenschaftler ist, muss man seinen Glauben außen vor lassen.“