Einstellung von Lehrkräften : Macht den Arbeitsplatz Schule attraktiver!

Sicherheit und gutes Geld reichen nicht – der Staat sollte mit fairen Arbeitszeiten und Fortbildungen um Lehrkräfte werben

Dieser Artikel erschien am 13.07.2022 in DIE ZEIT
Bernhard Straub
Grundschulunterricht
©dpa

Bernhard Straub ist Geschäftsführer der Robert Bosch Stiftung

In diesen Wochen endet das dritte Corona-Schuljahr. Bei Lehrern und Lehrerinnen in ganz Deutschland hat es deutliche Spuren hinterlassen. Ausbau der Digitalisierung, Corona-Maßnahmen, pandemiebedingte Lernrückstände, dazu aktuell die Inklusion von geflüchteten ukrainischen Kindern: All das kommt zu den bestehenden Aufgaben hinzu, ohne dass es dafür eine Entlastung oder ausreichend Personal gibt.

Kein Wunder, dass viele Lehrkräfte arbeitsmüde sind. Die permanente Überlastung macht auch krank. Dies spiegelt die jüngste Ausgabe des Deutschen Schulbarometers der Robert Bosch Stiftung wider. Die Folge: Mehr als jeder Zehnte überlegt, im kommenden Schuljahr weniger zu unterrichten. Gleichzeitig sinkt das Interesse am Lehramtsstudium. Allein in Berlin fehlen im kommenden Schuljahr bis zu 1000 Lehrer und Lehrerinnen.

Es besteht also dringender Handlungsbedarf, um den Arbeitsplatz Schule attraktiver zu machen. Nur wie – ist der Lehrerberuf doch ein Beispiel dafür, dass Jobsicherheit und eine gute Bezahlung allein offensichtlich nicht ausreichen. Studien zur Arbeitgeberattraktivität von Unternehmen zeigen immer wieder: Neben diesen beiden Faktoren sind andere Dinge wichtig, nämlich Entwicklungschancen, gute Führung, Arbeit im Team sowie eine betriebliche Gesundheitsförderung.

So ist auch an Schulen ein professionelles Gesundheitsmanagement nötig – mit allen Bausteinen, die dazugehören: Maßnahmen für Arbeits- und Gesundheitsschutz, Rehabilitation sowie Angebote für Sport, zum Erlernen von Entspannungstechniken und Selbstführung. Dies ist entscheidend, um es Lehrkräften zu ermöglichen, gesund bis ins Rentenalter in ihrem Beruf zu bleiben.

Gleichzeitig könnten Arbeitszeitmodelle ein Weg sein. Hamburg zum Beispiel beschreitet ihn schon seit 2003, dort werden auch Aufgaben außerhalb des Unterrichts wie Konferenzen, Netzwerkarbeit und Fortbildungen berücksichtigt. Der Staat sollte als Arbeitgeber stärker darauf hinwirken, die Belastung und die entgrenzte Arbeit – spätabends oder am Wochenende – einzudämmen. Denn im internationalen Vergleich ist in Deutschland die Anzahl der Unterrichtsstunden pro Lehrkraft sehr hoch, die Anwesenheitszeit in der Schule über den Unterricht hinaus dagegen sehr gering und nicht verbindlich geregelt.

Gute Schule braucht aber Zeit und Raum für gemeinsames Planen, den gegenseitigen Austausch über Unterricht und Schülerinnen und Schüler, für die Schulentwicklung. In Ländern wie Kanada oder Dänemark, die eine verbindliche Lehrerarbeitszeit eingeführt haben, ist die Zahl der Krankentage deutlich geringer als bei uns.

Die Werte und Ansprüche ändern sich, für die um die Jahrtausendwende Geborenen spielt die Trennung von Beruf und Privatleben eine wichtige Rolle. Private Arbeitgeber müssen ihre Zielgruppen kennen, verstehen und passgenaue Angebote bereithalten, wie zum Beispiel Sabbaticals. Um attraktiv zu sein, sollte auch der Staat so etwas anbieten, so unbürokratisch wie möglich und mit fairen Lösungen etwa in Bezug auf reduzierten Lohn oder Anrechnung der Arbeitszeit.

Darüber hinaus sollten die Länder ihren Lehrkräften systematische Entwicklungsmöglichkeiten eröffnen. Auf zusätzliche Aufgaben wie Oberstufenkoordination, Berufsberatung oder Schulleitung und Schulaufsicht sollten motivierte und fähige Kandidaten und Kandidatinnen gezielt vorbereitet werden. Gleichzeitig müssen diese Sonderaufgaben auch finanziell kompensiert werden oder in anderer Form Anerkennung finden.

Denn nur wenn es gelingt, dem Lehrerberuf eine zeitgemäße Attraktivität zu verleihen, können Schulen die Herausforderungen meistern, vor denen sie heute stehen.