Dieser Artikel erschien am 27.08.2018 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Autorin: Livia Gerster

Schul-Debatte : Lob des quer einsteigenden Lehrers

An deutschen Schulen werden Tausende Quer­einsteiger eingestellt – und alle beschweren sich. Auch die Politiker, die den Mangel selbst zu verantworten haben. Aber hat die Entwicklung nicht auch etwas Gutes?

Schülerinnen an der Tafel
Quereinsteiger bringen frischen Wind in die Klassen.
©dpa

Franz Beckenbauer, Vitali Klitschko und Arnold Schwarzen­egger sind Quer­ein­steiger. Obwohl Becken­bauer nie einen Trainer­schein gemacht hat, verhalf er der National­mann­schaft 1990 zum Welt­meister­titel. Klitschko, der fast jeden Gegner k.o. schlug, wurde als Politiker ein Hoffnungs­träger der Ukraine. Und Arnold Schwarzen­egger wurde Governator. Auch an deutschen Schulen gibt es jetzt Zehn­tausende Quer­ein­steiger, weil aus­gebildete Lehrer fehlen. Und alle beschweren sich. Die Lehrer, die Wissen­schaftler und die Politiker, die den Mangel selbst zu verantworten haben. Der Lehrer­beruf werde ent­professional­isiert, heißt es. Ignoranten würden auf Kinder los­gelassen. Da könne einem künftig ja auch der Tier­arzt den Katheter legen.

Weil Klassen überquellen und Unterricht ausfällt, melden sich Zehn­tausende, um aus­zuhelfen. Sie sind Sozial­arbeiter, Architekten, Manager oder Wissen­schaftler, sie sind dreißig, vierzig oder fünfzig Jahre alt. Sie entscheiden sich aus den verschiedensten Gründen dafür, wieder zur Schule zu gehen – aber sie tun es bewusst. Und nehmen dafür einiges an Ungemach in Kauf. In Windes­eile müssen sie sich in Crash­kursen drauf­schaffen, wofür andere ein ganzes Studium hatten. Zusätzlich zu Beruf und Familien­leben belegen sie Seminare und holen das Referendariat nach.

Natürlich bleibt da vieles auf der Strecke. Aber so wichtig die Didaktik sein mag: „Grau, teurer Freund, ist alle Theorie, doch grün des Lebens goldner Baum.“ Die Note im Staats­examen entscheidet nicht darüber, ob man ein guter Lehrer wird. Das Wesentliche lernt man erst, wenn man vor dreißig Kindern steht, die rasen und toben oder einen mit großen Augen anschauen. Keiner bereitet einen darauf vor, was man macht, wenn ein Kind plötzlich anfängt zu weinen. Oder einfach sagt: „Nö, da mach ich nicht mit.“ Oder wie man reagiert, wenn eine Klasse keine Notiz von einem nimmt und eine Schülerin dann so gnädig ist, dem Lehrer die Sache zu erläutern: „Sie sind einer, und wir sind dreißig, da können Sie nix machen.“ In solchen Momenten entscheidet sich, ob einer Lehrer will und kann.

Auch und gerade an Brennpunktschulen. Quer­ein­steiger haben Lebens­erfahrung. Die bereitet sie in mancher Hinsicht besser als ein noch so gründliches Studium auf die Wirklich­keit an solchen Schulen vor. Wo Eltern Analphabeten sind. Oder ihre Kinder schlagen. Der Vater der Lehrerin nicht die Hand geben will. Wo Kinder in der Früh­stücks­pause rufen: „Ihh, wenn du dieses Schinken­brot isst, stirbst du.“ Oder eine Drei­zehn­jährige erzählt, dass sie im Schwimm­bad wohnt. Ein Lehrer, der seine Schüler liebt und in die Schranken weist, kann Wunder voll­bringen.

Natürlich brauchen Quereinsteiger Rat von erfahrenen Kollegen: Wie viel Striche kratze ich an die Tafel, bevor es einen Eintrag im Klassen­buch gibt? Wieso zappelt Lena in der zweiten Reihe so, und warum kann Amir immer noch nicht schreiben? Dass man nicht nur auf das Gekrakel schaut, sondern auch auf die Haltung des Stiftes, muss einem erst mal jemand sagen.

Wenn mehr als ein Drittel der Lehrer quer einsteigen, wie an manchen Schulen in Berlin, ist das für die alten Hasen schwer zu händeln. Wenn die Neuen dann auch noch in Stein gemeißelte Rituale in den Noten­konferenzen in Frage stellen, wird es für ein Kollegium sogar richtig unbequem. Doch statt die Novizen nur als Zumutung zu sehen, sollte man sie als Chance begreifen: Quer­ein­steiger haben einen ganz anderen Blick als Lehrer, die nie woanders waren. Sie bringen frischen Wind. Einen guten Lehrer vergisst man nie. Weil er einen fürs Leben prägt. Nicht wegen seiner aus­gefeilten Methoden, coolen Gruppen­arbeiten oder multi­mediokren Präsentationen. Sondern weil er in jungen Menschen etwas sehen kann, wovon die selbst vielleicht noch gar nicht so viel ahnen. Und weil er es gut meint.