Gefangen im Schuldienst : „Lieber Hartz IV als Beamter“

Sinnvolle Aufgabe, unkündbare Stelle, tolle Pension: Als verbeamteter Lehrer zu arbeiten, bringt viele Privilegien mit sich. Trotzdem ist es für manche die Hölle. Aussteiger berichten.

Dieser Artikel erschien am 15.01.2022 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Johannes Pennekamp
Lehrerin
Veraltetes Arbeitsverhältnis: die Arbeit als verbeamteter Lehrer
©dpa

Die Herbstferien sind in drei Tagen vorbei. Eigentlich müsste Alexander jetzt damit beginnen, Deutschstunden vorzubereiten und Klassenarbeiten zu korrigieren. Doch auf seinem Schreibtisch stapeln sich keine Hefte. Alexander – promovierter Germanist, zwei Staatsexamen, mehrere Jahre Schulerfahrung – hat an diesem Vormittag alle Zeit der Welt. Seine Berliner Eigentumswohnung ist aufgeräumt, es duftet nach Kaffee und Croissants, er hat Eier gekocht, Tomaten und Mozzarella in Scheiben aufgeschichtet und sogar zwei Kerzen angezündet. Alexander ist kein Lehrer mehr. Vor drei Wochen hat er hingeschmissen. Jetzt ist er das, was Beamte eigentlich gar nicht werden können – arbeitslos.

Anne hat mal von einer Karriere als Musikerin geträumt, die Geige ist ihr Instrument. Sie hat an der Musikhochschule studiert, fünf Jahre an der Oper gearbeitet und schließlich doch eine andere Berufung gefunden: Lehrerin sein. Von einer Berufung zu sprechen, ist in ihrem Fall keine Übertreibung. Auch mit fast 60 Jahren sagt die gut gelaunte Frau: „Lehrerin zu sein, das ist für mich der schönste Beruf überhaupt.“ Nur vom Staatsdienst will sie nichts mehr wissen. Nach vielen Jahren der Unzufriedenheit im Beamtentum hat sich die Musiklehrerin beurlauben lassen, jetzt arbeitet sie an einer reformpädagogischen Schule, fernab von den Strukturen, die ihr einst den Schlaf geraubt haben.

Anne und Alexander, die beide in Wirklichkeit anders heißen, haben studiert, sich durch das Referendariat geackert und als fähig erwiesen. Schließlich haben sie dem Staat die Treue geschworen. Und dann haben sie all die Vorzüge aufgegeben, die am Ende dieser Tortur stehen: die Anstellung auf Lebenszeit, die komfortablen Pensionsansprüche und die subventionierte Mitgliedschaft in der privaten Krankenversicherung. Die große Mehrheit der Beamten würde die beiden wahrscheinlich für verrückt erklären. Denn wer einmal Lehrer, Polizist oder Finanzbeamter ist, der bleibt es in aller Regel auch – sei es aus Überzeugung oder Bequemlichkeit. Auch viele junge Menschen schlagen heute diesen Weg ein. Ein sicherer und oft erfüllender Job im Schoß des Staates, das ist für ,sie ein Traumjob. Für Anne und Alexander war es irgendwann die Hölle.

Wie konnte es soweit kommen? Anne und Alexander sind unterschiedliche Typen. Sie eine zupackende Frau, die sich von ihren Schülern garantiert nicht auf der Nase herumtanzen lässt. Er ein Denker, der Nietzsche, Heine, Hemingway zitiert. Stimmt etwas mit dem Germanisten nicht, dass er sagt, er würde gerade „lieber von Hartz IV leben, als Beamter in der Schule zu sein“? Oder stimmt etwas mit dem staatlichen System nicht, wenn es eine engagierte Musikpädagogin bis ans Ende der Welt treibt und sie hinschmeißt?

Probleme schon im Referendariat

Die Geschichte von Alexanders gescheiterter Beamtenlaufbahn handelt von einem Grundproblem und vielen kleinen Alltagsproblemen. Das Grundproblem besteht darin, dass ein selbstbewusster Intellektueller, der seine „Ehre nicht unter Wert verkaufen will“ und Konflikten nicht aus dem Weg geht, auf ein starres System trifft, in dem Loyalität mehr belohnt wird als Leistung. So jedenfalls sieht das der Berliner, der auf die Vierzig zugeht. Ein System, das seine Ursprünge im ausgehenden 18. Jahrhundert hat und noch immer den Geist der damaligen Zeit atme.

Die vielen kleinen Alltagsprobleme begannen für Alexander im Referendariat an einem Gymnasium in der Hauptstadt. Es störte den angehenden Lehrer, wenn Ausbilder ihn, den promovierten Germanisten, in seinem Fachgebiet belehren wollten. „Da muss mir keiner was erzählen“, sagt er. Bald überwarf er sich mit Kollegen, die ihm vorwarfen, sich Sympathien der Schüler erkaufen zu wollen, wenn er der Klasse mal ein Eis spendierte. „Die andere wollten keinen Cent von ihrem fetten Gehalt abgeben und waren neidisch, wenn mich die Schüler mochten.“

Viele Lehrer sind glücklich in ihrem Job. Sie finden ihn zwar fordernd, fühlen sich aber wohl in ihrem Kollegium und frei, wenn sie vor die Klasse treten. Aussteiger Alexander kennt dieses Gefühl nicht. Der gebürtige Niedersachse hat die Schule als einen Ort wahrgenommen, in dem Lehrer gegen- statt miteinander arbeiten und die Eltern alles dafür tun, den Pädagogen das Leben schwer zu machen.

Er berichtet von Schulleitern, die nicht hinter den Lehrern gestanden hätten und von Beschwerdeformularen für Eltern, die sie auf der Homepage der Schule runterladen konnten. „Das hat die Eltern und, noch schlimmer, die Schüler natürlich zusätzlich motiviert, sich über alles und jeden zu mokieren“, sagt Alexander. Selbst wenn Beschwerden ganz offensichtlich absurd gewesen seien, habe der Schulleiter die Kläger nicht in die Schranken gewiesen, sondern von den Lehrern seitenlange schriftliche Erklärungen gefordert.

Alexanders Tiefpunkt in dieser Hinsicht: Als er sich während des Corona-Lockdowns überlegte, wie er seine Schüler im Deutschunterricht möglichst sinnvoll beschäftigen kann, ließ er sie gemeinsam ein Buch schreiben. Kapitel für Kapitel wuchs es mit Geschichten der Schüler zu einem Thema heran, das man vorher durchgenommen habe. Die Schüler schrieben Texte, verbesserten und illustrierten sie. Heute gibt es das Buch bei Amazon zu kaufen.

Alexander holt es aus dem Regal, legt es auf den Frühstückstisch. „Für die Schüler ist das ein echter Erfolg“, sagt er. Für manche Eltern war es ein Ärgernis. Sie beschwerten sich, weil das Buchprojekt nicht im Rahmenlehrplan vorgesehen sei. Wieder musste der Lehrer seitenlange Rechtfertigungen schreiben. „Das war der Dank für die viele Zusatzarbeit, die ich mir da gemacht habe“, sagt er rückblickend. Man kann Alexander nicht vorwerfen, es mit dem Lehrerdasein nicht versucht zu haben. Er wechselte von Berlin an eine Schule in der ostdeutschen Provinz, wagte einen Neuanfang und eckte wieder an. Ein Konflikt mit dem Schulleiter über seinen Stundenplan brachte das Fass für ihn zum Überlaufen. Er kündigte.

Drei Typen steigen aus

Isabell Probst kommt gerade vom Spaziergang aus dem Wald, jetzt hat sie Zeit. Die frühere Studienrätin ist seit 2015 raus aus dem „Schulwahnsinn“, wie sie auf ihrer Homepage schreibt. Heute arbeitet sie als „zertifizierter Karrierecoach“ für Menschen, die es ihr gleichtun möchten. „Dein Leben ohne Kreidestaub & Korrekturen muss NICHT bis 67 warten!“, wirbt sie. Es sei zwar eine absolute Minderheit, die wie Alexander aus dem Staatsdienst heraus will, sie gewinne aber den Eindruck, dass es immer mehr werden. Es gibt keine aussagekräftige Statistik, Probst kann nur aus ihrer persönlichen Erfahrung berichten. Rund 1000 Ausstiegswillige hätten sie in den vergangenen Jahren kontaktiert: Polizisten, Finanzbeamte, aber vor allem Lehrer. „Es gibt im Wesentlichen drei Typen von Beamten, die hinwerfen“, sagt sie und zählt auf:

  1. Die High-Performer: Wirkliche Leistungsträger, die selbst immer gute Noten hatten, in der Schule aber an Grenzen stoßen. Sie wollen innovieren und bewegen, bilden sich auf eigene Kosten intensiv fort, mögen keinen Stillstand. Diese Leute werden ausgebremst und sind frustriert von der „Verhinderungskultur“ der behördlichen Abläufe. Das ist die größte Gruppe, ein Braindrain, teuer für den Staat.
  2. Die perfektionistische Durchschnittslehrkraft: Pädagogen, die alles gut machen wollen. Altruisten, die selten „Nein“ sagen. Ihnen geht es um Gewissenhaftigkeit, Zuverlässigkeit und einen hohen pädagogischen Ethos. Das was in der Schule strukturell schlecht läuft, versuchen sie durch persönlichen Einsatz zu kompensieren, dabei gehen sie permanent über die eigenen Grenzen. Das kann krank machen – diese Gruppe hat den höchsten Leidensdruck.
  3. Freigeister: Oft jüngere Lehrer, die es nicht mehr erstrebenswert finden, sich lebenslang festzulegen und im Tausch gegen Sicherheit viel Freiheit aufzugeben. Überall in der Arbeitswelt geht es heute um Beweglichkeit, Mobilität – nicht so im Staatsdienst. In diese Kategorie fallen Freigeister, Lebenskünstler, Auswanderer und Kreative, aber auch Jünger der New-Work-Kultur und Digitalität. Sie haben viele Talente, würden gerne nebenbei noch andere Jobs und Projekte machen, was von den Behörden oft nicht genehmigt wird.

Anne, die Frau mit den kurzen dunkelblonden Haaren, passt nicht so recht in eine dieser Gruppen, die Isabell Probst beschreibt. Eine Mischung aus High-Performerin und Freigeist trifft es am besten. Ihre dreizehn Jahre an einem staatlichen Gymnasium in Norddeutschland begannen wie von ihr erhofft. „Sie bekommen von mir alles, was Sie wollen, wenn Sie mir den Schulchor aufbauen“, habe ihr der Schulleiter versprochen. Die Musiklehrerin übernahm den kleinen Chor, nach kurzer Zeit war er 100 Mitglieder stark. Anne war zufrieden, blühte in ihrer Rolle auf – bis eine neue Schulleiterin kam, die ganz andere Töne angeschlagen habe. Plötzlich seien ihr Stunden für die Chorproben nicht mehr angerechnet worden, statt Unterstützung habe sie nur noch Widerstände gespürt. „Nichts von dem, was ich tat, wurde honoriert“, erinnert sie sich.

Solche Klagen kann man ganz sicher für Jammern auf sehr hohem Niveau halten. Ärger mit dem Chef, das Gefühl, nicht genügend Anerkennung zu bekommen, keine beruflichen Perspektiven sehen – in welchen anderen Berufen gibt es das nicht? „Der Unterschied ist“, sagt Karrierecoach Probst, „dass Beamte nicht einfach die Firma wechseln können, wenn ihnen etwas nicht passt“. Sie haben nur einen Arbeitgeber, den Staat. Unzufriedene und Wechselwillige können zwar Versetzungsanträge stellen. Ob sie bewilligt werden, hängt aber nicht zuletzt vom Wohlwollen der Schulleitung ab. Wer also Ärger mit den Vorgesetzten hat, kann sich schnell ausgeliefert fühlen.

„Werden sie doch schwanger“

Anne hat es sechs Jahre lang probiert, doch ihre Anträge auf Versetzung wurden immer wieder abgelehnt, mit aus ihrer Sicht immer fadenscheinigeren Argumenten. „Ich fühlte mich von der Schulleiterin betrogen“, sagt sie Jahre später. Und sie fühlte sich alleine, weil sie nicht wusste, an wen sie sich hätte wenden können. Die Bezirksregierung als zuständige Behörde sei für sie eine große Blackbox gewesen. „Sich dort zu beschweren, hätte mir garantiert nur weitere Nachteile gebracht“, sagt sie. Die Lehrerin entwickelte eine Exit-Strategie: Sie sparte so viele Überstunden an, dass sie Anspruch auf ein Jahr Sabbatical hatte. Die Musiklehrerin reiste nach Indien, ließ sich danach beurlauben und wechselte an die reformpädagogische Schule, an der sie bis heute unterrichtet.

„Werden sie doch schwanger oder lassen sie sich krankschreiben“. Das hätten Schulleiter oder Dienstbehörden ratsuchenden Lehrern in einzelnen Fällen als vermeintliche Lösungsstrategie geraten, sagt Karrierecoach Probst. Das seien natürlich absolute Ausnahmen, doch was in der freien Wirtschaft Personalentwicklung heißt, sei im Beamtentum ein Fremdwort. „Irgendwann gibt es nur noch friss oder stirb“, sagt Probst. Also entweder etwas völlig Neues machen oder in den sauren Apfel beißen und weitermachen. An der Schule fehlten unzufriedenen Lehrern Veränderungsmöglichkeiten. In die Verwaltung zu wechseln klingt wenig reizvoll. Welche Zustände dort herrschen, hat Anfang dieser Woche der oberste Vertreter der Beamten und Beschäftigten im öffentlichen Dienst, Ulrich Silberbach, angeprangert: „Ständig mehr Aufgaben, uralte Technik und ein Wust an Bürokratie, der jede Innovation und Agilität im Keim erstickt.“ In Gerichten, Behörden und Verwaltungen gebe es zu viele Vorschriften und zu wenig Fachpersonal. „Wir brauchen einen klaren Schnitt in Sachen Staat, um all diesen Fehlentwicklungen nachhaltig Einhalt zu gebieten.“

Anne sagt acht Jahre nach ihrer Beurlaubung und dem Wechsel an die reformpädagogische Schule: „Das hat mich gerettet und mir meine Freude am Beruf zurückgebracht.“ An einer freien Schule mit viel Raum für Kreativität zu arbeiten, liege ihr viel besser. Nur zwei Dinge machen ihr zu schaffen. Noch immer schwebe ein „Damoklesschwert“ über ihr: Weil Anne lediglich beurlaubt ist, was immer nur für einen begrenzten Zeitraum genehmigt wird, fürchtet sie, noch einmal zurück in den Staatsdienst zu müssen, mit all den „Repressalien“, wie sie es nennt. Es gebe zwar auch sehr gute staatliche Schulen, das hänge aber zu häufig von den Schulleitern ab. Um ihre Beurlaubung nicht zu gefährden, will sie ihren echten Namen nicht in der Zeitung gedruckt sehen. „Ich bin halt immer noch irgendwie abhängig“, sagt sie. Und dann ist da noch die Sache mit dem Geld. Anne hat keine Ahnung, was ihre Beurlaubung für ihre Pension bedeuten wird. Sie weiß, dass viele Beamte, die kündigen, um ihre Pensionsansprüche bangen müssen. Der Staat hat in den vergangenen Jahren zwar deutlich nachgebessert, Stichwort „Altersgeld“. Von Bundesland zu Bundesland können aber ganz unterschiedliche Regelungen und Abschläge gelten. Anne schiebt dieses Thema lieber vor sich her. Die Norddeutsche zuckt mit den Schultern: „Ich habe mich noch nicht gekümmert, ich weiß gar nicht, wer da Auskunft geben kann.“

Und Alexander? Andere in seinem Alter bauen Häuser, gründen Familien, stocken ihre Aktienfonds auf. Er dagegen muss sich fragen, wie er künftig den Kredit für seine Wohnung abbezahlen soll und wann er Antwort auf seine Bewerbungen bekommt. Er könnte sich vorstellen, für eine Stiftung zu arbeiten oder an der Universität. Aktuell lebt er von seinen Ersparnissen, er hat Zeit, schreibt Erzählungen und stürzt sich in ein Bildungsprojekt. Wenn er von seiner Situation redet, merkt man ihm an, dass er seinen Schritt nicht bereut, er sich seine berufliche Laufbahn aber anders vorgestellt hätte. Er macht in seiner Küche noch einen Kaffee, dann sagt er: „Ich habe die Freiheit gewählt, nicht die Sicherheit.“