Dieser Artikel erschien am 03.12.2018 auf ZEIT Online
Autor: Parvin Sadigh

Lesen lernen : Lesen unsere Schüler wirklich immer schlechter?

Darüber, wie Grundschüler Schreiben und Lesen lernen sollen, wird heftig gestritten. Ein Vergleich mehrerer Studien zeigt: Die eine richtige Methode gibt es nicht.

Systematisches Üben der Buchstaben ist nur eine Möglichkeit, Schreiben zu lernen.
Systematisches Üben der Buchstaben ist nur eine Möglichkeit, Schreiben zu lernen.
©dpa

Die Diskussionen ums Lesen­lernen und die Recht­schreibung werden sehr emotional geführt: Kinder könnten heute nicht mehr ordentlich lesen und schreiben! Freie Methoden wie Schreiben nach Gehör sollten verboten werden, fordern manche. Deshalb hat Simone Jambor-Fahlen vom Mercator-Institut für Sprach­förderung und Deutsch als Zweit­sprache einen Fakten­check heraus­gegeben und zusammen­gefasst, was die Forschung zu diesem Thema sagt und was nicht. Hier einige der Erkenntnisse:

Werden Schüler und Schülerinnen immer schlechter im Lesen und Schreiben?

Eindeutig fällt die Antwort der Autorin nicht aus. Lehr­pläne haben sich geändert, die Lebens­welt auch. Heute werde beim Schreiben in der Schule oft viel mehr Wert auf freie und kreative Texte gelegt als früher, heißt es im Fakten­check. Dafür vielleicht weniger auf die Recht­schreibung. Nur lassen sich Kreativität und Aus­drucks­stärke viel schlechter messen als Recht­schreib­fehler. Diese fallen auch später im Alltag stärker auf.

Eine aktuelle Studie von 2018 hat die Recht­schreib­leistung von Hamburger Grund­schul­kindern aus dem Jahr 1994 und 2014 verglichen und kam zu dem Ergebnis: Die heutigen Schülerinnen und Schüler machten weniger Fehler als die vor 20 Jahren, wenn sie einzelne Wörter schreiben mussten, aber mehr, wenn sie Texte verfassten. Die Ergebnisse sind aber wahr­scheinlich ungenau, weil sich die Bedingungen nicht unbedingt vergleichen lassen. Die Iglu-Studie zeigte, dass die Lese­leistungen 2016 im Vergleich zu 2011 konstant geblieben sind, was aller­dings keine besonders gute Nachricht war. Denn in anderen Ländern hatten sich die Leistungen verbessert. Der IQB-Bildungs­trend von 2018 zeigte ähnliche Ergebnisse, hatte allerdings die Recht­schreib­leistung mit erhoben – und die fiel tatsächlich schlechter aus als in der Studie zuvor. Wie es um die Kreativität steht, wissen wir nicht.

Gibt es die richtige Methode, um Kindern das Lesen und Schreiben bei­zu­bringen?

Wieder ist die Antwort komplex: Es kommt darauf an, welcher Lehrer oder welche Lehrerin unterrichtet und welche Vor­aus­setzungen die Schülerin oder der Schüler mitbringt. Von einem offen gestalteten Unter­richt profitieren andere Kinder als von einem geschlossenen, bei dem die Lehr­kraft die Kinder Schritt für Schritt anleitet und steuert.

Eher leistungsstarke Kinder, die oft aus gebildeten Familien stammen, lernen Lesen und Schreiben in der Regel mit jeder Methode gut, auch in einem offenen Unterricht, in dem sie sich vieles selbst erarbeiten.

Vor allem schwächere Schülerinnen und Schüler lernten aber besser, wenn sie beim Schreiben systematisch üben. Ein angeleiteter Unter­richt gebe ihnen Sicher­heit. Die Autorin kommt aller­dings zu dem Schluss, dass dabei vor allem das Trainieren und Üben entscheidend sei für den Erfolg – nicht so sehr die Methode, die da­hinter­steht.

Studien geben außerdem Hinweise darauf, dass sich die Recht­schreib­leistungen durch­schnittlich im Laufe der Grund­schul­zeit angleichen, egal nach welcher Methode unter­richtet wird.

Beim umstrittenen Schreiben nach Gehör (wissen­schaftlich Lesen durch Schreiben genannt) werden die Kinder ermutigt, sich selbst auszu­probieren, indem sie so schreiben wie sie die Wörter hören. Die Recht­schreib­regeln lernen sie erst später. Mit der Fibel­methode lernen sie systematischer.

Da Methoden aber selten in ihrer erdachten reinen Form unter­richtet werden, sondern um Elemente aus anderen Methoden ergänzt werden, ist es fast unmöglich heraus­zu­finden, wie eine Methode einzeln wirklich wirkt. In modernen Fibeln werden ebenfalls offene Lern­konzepte integriert. Beim Schreiben nach Gehör werden die meisten Lehrer höchst­wahr­scheinlich schon allein, weil sie Noten vergeben und Bildungs­standards gerecht werden müssen, sehr bald zusätzlich systematische Recht­schreib­übungen ein­führen.

Soll man also Schreiben nach Gehör verbieten?

Die Autorin des Faktenchecks, Jambor-Fahlen, plädiert weder für ein Verbot einer Methode noch dafür, eine andere vor­zuschreiben. Es gebe bisher keine belast­baren Studien, die beweisen, dass eine Methode grund­sätzlich geeignet ist oder nicht. Lehrerinnen und Lehrer müssten viel­mehr über umfassende didaktische Konzepte verfügen, um allen Kindern gerecht zu werden.

Sie schreibt, Kinder würden sehr unter­schiedlich lernen. Manche lernten am besten, wenn sie Wörter erst selbst lesen oder schreiben. Andere wollen zuerst die Regel kennen, um das Prinzip zu verstehen. Und wie schon beschrieben, brauchen Kinder, denen das Lesen­lernen zunächst schwerfällt, einen Lehrer oder eine Lehrerin, die sie gezielt anleitet. Ihre Defizite sollten individuell analysiert werden, um heraus­zufinden, von welchen Übungen und Methoden die einzelnen Kinder profitieren.

Reines Auswendiglernen wirke aber bei keinem besonders gut. Schüler und Schülerinnen müssten früh Recht­schreib­regeln auf eine Weise nahe­gebracht werden, dass sie verstehen, wann und warum sie greifen. Sie sollten ausprobieren können, wie ein Wort geschrieben wird. Lesen und Schreiben müsse so unter­richtet werden, dass es den Kindern Lust macht, Texte lesen zu wollen und eigene zu schreiben.

Und schließlich müssen Konzepte und Methoden auch zur Lehr­kraft passen. Sie muss sich sicher damit fühlen und das Konzept muss zu ihrem Unter­richts­stil passen.

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