Lesekompetenz : Was erfolgreiche PISA-Länder besser machen

Die Ergebnisse der jüngsten PISA-Studie 2018 zeigen, dass in Deutschland 20 Prozent der 15-jährigen Schülerinnen und Schüler schlecht lesen. Was Schulen tun können, damit sich das ändert, zeigt der Blick in erfolgreiche OECD-Länder. Nationale Anstrengungen haben beispielsweise in Großbritannien die Leseleistung der Kinder so gesteigert, dass sie in der Lage sind, komplexe Texte besser zu verstehen und sich vertiefend mit deren Inhalten auseinanderzusetzen.

Regina Köhler / 19. Dezember 2019
Kinder in der Bücherei
Lesekompetenz sollte nicht nur im Deutschunterricht ein Thema sein. Auch in den anderen Fächern wie Mathematik oder Naturwissenschaften sollten die Schülerinnen und Schüler Lesen lernen.
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Bücher gehören seit jeher zu den beliebtesten Weihnachtsgeschenken. In vielen Familien aber sind sie nicht auf dem Gabentisch zu finden. In diesen Familien wird kaum gelesen, sie haben keine oder nur wenige Bücher in der Wohnung. Das ist einer der Gründe dafür, dass in Deutschland 21 Prozent der 15-jährigen Schülerinnen und Schüler große Mühen haben, komplexe Texte zu lesen und zu verstehen. An nichtgymnasialen Schularten – also Gemeinschafts-, Gesamt-, Haupt- oder Realschulen – sind es sogar 29 Prozent. Das ist das Ergebnis der aktuellen PISA-Studie 2018, bei der Lesen ein Schwerpunktthema war.

In Deutschland kommt der Spaß am Lesen zu kurz

Bildungsforscher Andreas Schleicher nennt noch einen anderen Grund dafür, dass ein großer Teil deutscher Schülerinnen und Schüler bei PISA so schlecht abgeschnitten hat. „Lesen hat hierzulande wenig mit Freude zu tun. In Deutschland wird Lesen eher als etwas Mühsames betrachtet, der Spaß daran wird vernachlässigt“, sagt er. Es sei deshalb wichtig, die Lesefreude bei Kindern zu wecken und zu stärken. Auch in erfolgreichen Ländern wie Dänemark und Finnland ist die Lesefreude geringer ausgeprägt als im OECD-Durchschnitt. Doch laut Schleicher werde dort mehr getan, wenn es darum geht, Kinder an das Lesen heranzuführen. „Dort steht nicht die Lesekompetenz im Vordergrund, sondern das Leseverhalten, die Ausbildung von Lesegewohnheiten und somit die Lesefreude“, sagt Schleicher. Diesbezüglich würden die Schulen viele Aktivitäten bieten. „Fast jede Schule hat eine gut eingerichtete Bibliothek, die die Kinder mit entsprechendem Lesematerial versorgt. Auch im außerschulischen Bereich gibt es viele Anlässe, zu lesen.“

Technische Fertigkeiten sind die Voraussetzung für vertiefendes Lesen

Deutschland sollte sich an diesen Ländern ein Beispiel nehmen. Aber auch nach Großbritannien schauen, so Schleicher weiter. „Dort wird Lesen systematisch geübt, das fängt bereits in der Vorschule an. Auf diese Weise verfügen die Kinder schon bald über die notwendigen technischen Fertigkeiten, auf denen dann das vertiefende Lesen aufbauen kann.“ Bei diesem sogenannten „deep reading“ (vertiefendes Lesen) gehe es um eine gründliche Bearbeitung der Texte. Die Schülerinnen und Schüler würden lernen, sich mit verschiedenen Meinungen auseinanderzusetzen, einen eigenen Standpunkt zu bilden, den tieferen Sinn eines Textes zu erfassen.

Kinder- und Jugendbuchautorin Kirsten Boie bezeichnet die aktuellen PISA-Ergebnisse gar als eine Katastrophe. Die Autorin ist seit Jahren für Lesungen an Deutschlands Schulen unterwegs und zunehmend entsetzt darüber, wie viele Kinder nicht gut lesen können. Um das zu ändern, fordert sie nationale Anstrengungen. Das Lesenlernen sei eine Schlüsselkompetenz und ausschlaggebend für den weiteren Erfolg der Kinder.

„Wer nicht sinnentnehmend lesen kann, wird kaum einen qualifizierten Beruf erlernen können, gesellschaftliche Teilhabe ist damit infrage gestellt“, sagt Boie. Außerdem sei es eine Gefahr für die Demokratie, wenn ein Teil der Bürgerinnen und Bürger nicht gut lesen könne. „Diese Menschen lassen sich viel leichter von populistischen Ideen vereinnahmen, weil sie nicht in der Lage sind, sich zum Beispiel durch komplexe Texte in den Zeitungen selbst eine fundierte Meinung zu bilden.“

Auch Schleicher sagt, dass es heute wichtiger ist denn je, dass Kinder in der Lage sind, komplexe Texte zu lesen und zu verstehen. „Sie werden minütlich mit den unterschiedlichsten Informationen konfrontiert, über Google zum Beispiel. Ständig müssen sie diese bewerten, die Intentionen der Autoren erkennen und verstehen und in der Lage sein, fake news von wahrhaftigen Nachrichten zu unterscheiden.“ Früher sei eine solche Lesefähigkeit vor allem für diejenigen wichtig gewesen, die sich für Literatur interessiert haben, so Schleicher. Heute sei „vertiefendes Lesen“ für jede Schülerin und jeden Schüler die absolute Voraussetzung für erfolgreiches Lernen, und zwar in jedem Unterrichtsfach.

Das vertiefende Lesen ist das Eintauchen in einen Text

Kirsten Boie blickt ebenfalls nach Großbritannien, wenn es darum geht, gute Beispiele für Deutschland zu finden. Dort werde viel für die Leseförderung getan, sagt sie. Die Schülerinnen und Schüler hätten vom Schulbeginn an Zugang zu Bibliotheken. Außerdem gebe es viele Lesezirkel, um Kinder für Bücher zu begeistern. „Schließlich haben die Briten einen nationalen Leseplan installiert, einen sehr strukturierten Plan, an den sich alle Schulen halten müssen“, sagt Boie. Nach dem gehe es darum, zunächst die Lesetechnik zu üben. „Erst wenn die Kinder flüssig und relativ schnell lesen können, ist das sogenannte deep reading möglich.“

Das vertiefende Lesen beschreibt Boie als das Eintauchen in einen Text. „Die Kinder sind beim Lesen im Buch, sie identifizieren sich mit den handelnden Personen, erleben mit, was diese erleben, bewegen sich in Welten, die ihnen ansonsten nicht zugänglich wären.“ Wer vertiefend lesen könne, sei in der Lage, den Text ständig mit eigenen Erfahrungen, Gedanken und Gefühlen abzugleichen, innere Bilder und Vorstellungen zu entwickeln. „Unbewusst findet auf diese Weise ein permanenter Dialog zwischen dem Lesenden und dem Text statt.“

Die Eltern müssen mit ins Boot geholt werden

Boie und Schleicher betonen den großen Einfluss der Familie auf das Leseverhalten von Kindern. Schleicher sagt: „Der Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Leseleistung ist viel größer als etwa bezogen auf die Leistungen in Mathematik.“ Von der Einstellung der Eltern – haben sie Bücher zu Hause, lesen sie selbst, lesen sie vor – hänge deutlich ab, wie gut Kinder lesen können. Der Bildungsforscher plädiert dafür, dass Schulen die Eltern stärker mit einbinden, wenn es um das Lesenlernen geht. „Schule sollte die Eltern dabei unterstützen, ihre Kinder zu Hause zu fördern, zum Beispiel, indem sie sie mit gutem Lese-material versorgen.“ Derartiges Material könne etwa von Stiftungen bereitgestellt werden.

Kirsten Boie setzt zudem auf einen nationalen Lesepakt. „Wir brauchen Bundesmittel und einen strukturierten Plan, an den sich Kitas und Schulen halten müssen“, sagt sie. Bisher habe das föderale Schulsystem dem im Weg gestanden. Der Digitalpakt und das Gute-KiTa-Gesetz zeigten aber, dass eine solche Vorgehensweise möglich sei. Auch müssten mehr Grundschullehrerinnen und -lehrer ausgebildet und das Lehramtsstudium geändert werden, fordert die Autorin. Angehende Lehrkräfte müssten während des Studiums verstärkt mit den verschiedenen Methoden vertraut gemacht werden, die die Lesefähigkeit der Kinder verbessern.

Lesekompetenz dürfe nicht nur im Deutschunterricht ein Thema sein. Auch in den anderen Fächern wie Mathematik oder Naturwissenschaften sollten die Schülerinnen und Schüler lesen lernen. Dazu müssten auch die Fachlehrkräfte fortgebildet werden. In den USA etwa gehört eine derartige Ausbildung aller Lehrkräfte schon längst zum Studium.

Ein Hamburger Projekt stimmt hoffnungsvoll

Ständiges Üben spiele dabei eine große Rolle. Ein Projekt, an dem sich mehrere Hamburger Grundschulen beteiligen, stimmt Kirsten Boie hoffnungsvoll. „An diesen Schulen üben die Kinder zu Beginn des Schultags 20 Minuten lang lesen, unabhängig davon, welches Unterrichtsfach auf dem Stundenplan steht.“ Alle Lehrkräfte seien diesbezüglich fortgebildet worden. Grundlage dafür sind in der Bund-Länder-Initiative BiSS (Bildung durch Sprache und Schrift) entwickelte Methoden.

Mehr zum Thema

  • Hamburg startet ein Modellprojekt zur systematischen Leseförderung an 50 Grundschulen. Sechs Hamburger Pilot-Grundschulen haben das neue Konzept bereits seit 2015 erprobt. Laut Schulbehörde erzielten die Schülerinnen und Schüler dort deutliche Leistungssteigerungen, besonders Kinder aus bildungsfernen Familien würden profitieren.
  • An den Modellschulen verbringen die Schülerinnen und Schüler ab der zweiten Klasse mindestens dreimal pro Woche 20 Minuten mit gemeinsamen Leseübungen, zusätzlich zum regulären Deutschunterricht. Verschiedene Lautleseverfahren sollen die Leseflüssigkeit und -motivation steigern. Das Konzept setzt auf Methoden aus der Bund-Länder-Initiative BiSS  (Bildung durch Sprache und Schrift).
  • Bestätigen sich in den 50 Schulen die positiven Effekte, soll das Konzept auf alle Hamburger Grundschulen übertragen werden.
  •  „BiSS-Transfer“ hat es sich zum Ziel gesetzt, die Ergebnisse aus der ersten Programmphase bis 2025 an bundesweit 10 Prozent aller Grundschulen und Schulen in der Sekundarstufe I in Deutschland umzusetzen.