PISA 2018 : Lernen in der digitalen Welt: Die Zukunft von PISA

Nach jeder neuen PISA-Studie der OECD melden sich auch die Kritiker der Erhebung zu Wort. Für die einen sind die Bildungssysteme der Länder nicht vergleichbar, andere sehen die falschen Schwerpunkte gesetzt. Wie berechtigt ist die Kritik, wie reagieren die Macher der Studie, und welche Kompetenzen sind in Zukunft gefragt? Über diese Fragen sprach das Schulportal mit Elfriede Ohrnberger vom bayerischen Kultusministerium. Sie ist seit 2003 Vertreterin der Kultusministerkonferenz im internationalen PISA-Gremium der OECD (PISA Governing Board, PGB).

Florentine Anders / 05. Dezember 2019
Der PISA-Bericht für Deutschland
Am 3. Dezember wurden die Ergebnisse der PISA-Studie 2018 veröffentlicht. Wie sich der Test in Zukunft weiterentwickeln soll, wird kontrovers diskutiert.
©dpa

Schulportal: Auf jede Veröffentlichung einer PISA-Studie folgt in Deutschland in der Regel auch die Kritik an dem Leistungsvergleich. Wie sehen Sie die Wahrnehmung in der Öffentlichkeit?
Elfriede Ohrnberger: Es gibt einen politischen Konsens, dass Deutschland regelmäßig an den internationalen Studien TIMMS und IGLU für die Grundschule und PISA für die Sekundarstufe I teilnimmt. Die Kritik kommt vor allem aus den Schulen und von Lehrerverbänden. Und zum Teil ist sie ja auch nachvollziehbar, denn natürlich kann die PISA-Studie immer nur Ausschnitte dessen abbilden, was Schule ausmacht. Schule ist ja viel mehr als Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften. Die erfolgreiche Umsetzung des erzieherischen Auftrags der Schule kann in einer solchen Studie nicht gemessen werden.

PISA entwickelt sich und greift auch Kritik auf. Wie hat sich das Design der Tests verändert?
In Expertenrunden mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus unterschiedlichen Kontinenten werden die Rahmenkonzepte für die drei Bereiche Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften diskutiert. Ich selbst bin seit vielen Jahren Mitglied im internationalen PISA-Gremium und habe die Erfahrung gemacht, dass Einwände durchaus von der OECD berücksichtigt werden, auch wenn letztlich nicht alle Änderungsvorschläge aufgenommen werden. Es ist hoch kompliziert, Aufgaben zu entwickeln, die vergleichbare Ergebnisse bringen, unabhängig von den vielen verschiedenen Kulturen in den Teilnehmerstaaten. Und die Rahmenkonzepte und die Aufgaben werden immer wieder den veränderten Gegebenheiten angepasst. Die Testaufgaben für den Schwerpunkt Lesen im Jahr 2018 sahen anders aus als die Aufgaben 2009. Die digitalen Kompetenzen spielten beispielsweise 2018 beim Lesen eine größere Rolle. Die heute 15-Jährigen sind ja mit Internet und neuen Medien aufgewachsen, und da sind andere Lesekompetenzen gefragt als in einem Lehrbuch.

Gibt es bei der Abstimmung der Rahmenkonzepte Konflikte aufgrund der verschiedenen Kulturen und politischen Systeme?
Inzwischen machen 79 Länder oder Regionen bei PISA mit, angefangen von hochentwickelten Ländern bis hin zu sogenannten Schwellenländern. Die Länder bringen sich in unterschiedlichem Maße ein. Staaten, die von Anfang an dabei sind, so wie Deutschland, sind da aktiver als Schwellenländer, die teilweise noch gar nicht über die wissenschaftliche Expertise verfügen. Die Bandbreite der verschiedenen Bildungssysteme wird immer größer. Von den 79 Ländern oder Regionen zählen 37 Länder zu den OECD-Staaten, das heißt, es gibt inzwischen mehr Partnerländer oder Regionen als OECD-Mitgliedstaaten bei PISA. Und die OECD will den Kreis noch weiter ausweiten. Da gibt es die berechtigte Sorge, ob die Datenmenge überhaupt noch händelbar ist und auch, ob die Ergebnisse durch die Berücksichtigung von sehr unterschiedlichen Rahmenbedingungen wirklich vergleichbar sind.

Aus unserer Sicht sind die Grundfertigkeiten Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften auch in einer digitalen Welt unverzichtbar.

Häufig wird in Deutschland  kritisiert, dass die von der OECD abgefragten Kompetenzen vor allem an wirtschaftlichen Interessen orientiert sind. Ist das so?
Natürlich ist die OECD naturgemäß wirtschaftlich orientiert. Aber auch hier entwickelt sich PISA weiter. Neben den auf kognitive Kompetenzen ausgerichteten Testbereichen Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften gibt es auch Fragebögen für Schülerinnen und Schüler, Schulleitungen, Lehrkräfte und Eltern. „Well-Being“ (Wohlbefinden Anm. d. Red.) spielt eine wachsende Rolle. Die Veränderungen werden aber auch kritisch verfolgt. Deutschland und andere Staaten lehnen es beispielsweise ab, immer mehr sehr persönliche Fragen zu Haltungen und Einstellungen mit aufzunehmen, über die dann eine Art Persönlichkeitsprofil der Schülerinnen und Schüler erstellt werden könnte.

Die gefragten Kompetenzen insgesamt verändern sich, vor allem durch die Digitalisierung. In den kommenden Jahren sollen stärker auch die „21th Century Skills“ in den Fokus rücken. Welche Kompetenzen gehören dazu?
Da ist die Diskussion noch in den Anfängen. Es gibt Leute, die meinen, in einer digitalen Welt müssen Kinder in der Schule nicht mehr das lernen, was auch ein Computer kann. Stattdessen müssten Schulen auf Fähigkeiten wie etwa Kreativität setzen. Wir in der  Bildungsverwaltung sehen das anders. Auch Kreativität setzt Fähigkeiten und Fertigkeiten voraus. Aus unserer Sicht sind die Grundfertigkeiten Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften auch in einer digitalen Welt unverzichtbar. Man kann zwar alles googeln, aber was nutzt das, wenn man es nicht einordnen und verstehen kann? Gleichzeitig verändert sich die Welt in einer großen Geschwindigkeit. Es ist also nicht mehr so, dass man mit dem Wissen aus der Schule ein Leben lang zurechtkommt. Die Kinder müssen in der Schule Strategien lernen, wie sie das Wissen auf völlig neue Sachverhalte übertragen. Dazu gehören natürlich auch Fähigkeiten wie Kooperationsbereitschaft oder Kreativität. Doch wie sind diese Fähigkeiten messbar?

Global competence ist  natürlich wichtig, doch wir waren von Anfang an skeptisch, was die Testaufgaben anging.

Wie ist es möglich, solche Kompetenzen zu testen, so dass die Ergebnisse auch vergleichbar sind? Es gibt ja bei PISA den Versuch in einer vierten innovativen Domäne fächerübergreifende Kompetenzen zu testen. Im vergangenen Zyklus war es die Fähigkeit Probleme zu lösen, bei PISA 2018 ging es um globale Kompetenzen und 2021 soll die Kreativität getestet werden.
Auf der einen Seite ist es wichtig, diese Kompetenzen in den Blick zu nehmen, andererseits ist es extrem schwierig, dazu ein Rahmenkonzept und Aufgaben zu entwickeln, die in all den Ländern anwendbar und dann auch vergleichbar sind. Bei den Problemlösungskompetenzen gab es ein sinnvolles Konstrukt, deshalb war Deutschland mit dabei. Bei den globalen Kompetenzen dagegen waren wir von dem Konzept nicht überzeugt und hatten deshalb empfohlen, dass sich Deutschland nicht an dem Test beteiligt. „Global competence“ ist  natürlich wichtig, doch wir waren von Anfang an skeptisch, was die Testaufgaben anging. Das haben wir im PISA-Gremium auch in aller Deutlichkeit zum Ausdruck gebracht. Das hat nichts damit zu tun, dass wir den Vergleich scheuen würden. Deutschland steht da mit seiner Haltung nicht allein. Weniger als 30 Länder haben sich an dem Zusatzmodul der globalen Kompetenzen beteiligt, die OECD-Staaten sind dabei in der Minderheit. Die Testergebnisse  und Beispielaufgaben werden im kommenden Sommer veröffentlicht. Dann kann sich jeder selbst ein Bild machen. Beim Thema Kreativität im Jahr 2021 wird Deutschland auf jeden Fall bei den Feldtests der Aufgaben ein Jahr vor der Hauptstudie mitmachen.

 

Mehr zum Thema

  •  Die PISA-Studie 2018 ist die siebte Leistungsvergleichsstudie der OECD. Insgesamt haben sich 600.000 Schülerinnen und Schüler im Alter von 15 Jahren in 79 Ländern beziehungsweise Regionen beteiligt.
  • Wie sich die Schülerinnen und Schüler in Deutschland in den Domänen Lesekompetenz, Mathematik und Naturwissenschaften entwickelt haben, können Sie hier nachlesen.
  • Zur Einordnung der Ergebnisse in der Schwerpunktdomäne Lesekompetenz sprach das Schulportal mit Michael Becker-Mrotzek, Direktor des Mercator-Instituts für Sprachförderung und Mitautor des aktuellen PISA-Berichts.