Dieser Artikel erschien am 13.10.2018 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Autor: Thomas Thiel

Schule und Computer : Lernen im Chatroom

Die Schulpolitik will Smartphones und Tablets in die Klassenzimmer holen. Auf der zweiten Frankfurter (In)kompetenzkonferenz hält man das für keinen klugen Plan. Was würde wohl Steve Jobs dazu sagen?

Gefährliche Verbindung? Schulkinder am Smartphone
Gefährliche Verbindung? Schulkinder am Smartphone
©shutterstock

Manfred Spitzer hat viel Prügel eingesteckt für die Behauptung, dass sich der Konsum digitaler Medien nicht unbedingt günstig auf den Bildungs­weg auswirke. Mittler­weile gibt es eine stattliche Zahl von Studien, die Spitzers These stützen, und der Psychiatrie­professor der Universität Ulm muss nicht mehr als einsamer Prediger durchs Land ziehen. Die deutsche Bildungs­politik, die das Thema Digitalisierung rausch­haft für sich entdeckt hat, zeigt an diesen Erkenntnissen wenig Interesse. In ihren Berater­stäben geben sich Industrielle und Informatiker die Klinke in die Hand, assistiert von Pädagogen, die sich auf einen wirtschafts­nahen Begriff von Bildung geeinigt haben.

Spitzer mochte auf der zweiten Frankfurter (In-)Kompetenz­konferenz also noch so viele Fach­publikationen an die Wand werfen. Eher als ein verantwortlicher Bildungs­politiker wird sich wohl ein Kollege aus dem Gesund­heits­ressort dafür interessieren, wie stark der über­mäßige Konsum digitaler Medien, wie Spitzer darlegte, zu Über­gewicht, Schlaf­störungen, Kurz­sichtig­keit und anderen Malaisen beiträgt. Um nur einen Punkt heraus­zugreifen: Dreißig Prozent der unter dreißig­jährigen Deutschen, so Spitzer, sind heute kurz­sichtig. In der vordigitalen Generation lag der Wert bei 1,5 Prozent. Woran das liegt, war für Spitzer klar: Das menschliche Auge sei evolutionär darauf angelegt, sich so fort­zuentwickeln, bis es die Dinge scharf sieht. Wenn es permanent in kurzem Abstand auf winzige Monitore starre, sei diese Entwicklung gestört. China hat den digitalen Medien­konsum für Kinder deshalb per Gesetz beschränkt. „Auch wir müssen unsere Kinder schützen“, sagte Spitzer. Er sei besorgt.

Was Steve Jobs zu Handys an Schulen sagen würde

Die deutsche Bildungspolitik plagen andere Sorgen. Sie will das Zeitfenster nutzen, um Schulen zu digitalisieren, was für sie unter anderem heißt: die Klassen­zimmer mit Smart­phones und Tablets auszustatten. Die Geräte sollen die Schüler selbst mit­bringen. Die Bildungs­gerechtig­keit, sonst ein hohes Ideal der Bildungs­politik, das für kontinuierliche Niveau­absenkung miss­braucht wird, muss da einmal zurück­stehen. Nun wollen 86 Prozent der Eltern nach einer aktuellen Umfrage des Meinungs­forschungs­instituts Kantar Public ein Handy­verbot an Schulen. In Frankfurt war es zudem Konsens, dass die Vorzüge von Computern und Tablets im Unterricht bisher von keiner einzigen Studie belegt werden. Umgekehrt gibt es viele Publikationen, die zu einer skeptischen Einschätzung gelangen. So kam die amerikanische Westpoint Academy zu dem Ergebnis, dass Studenten ohne Laptop und Tablet um zwanzig Prozent bessere Leistungen erzielen. Selbst die OECD, sonst ein fleißiger Bildungs­modernisierer, musste ein­räumen, dass Schulen mit wachsenden Investitionen in ihre digitale Infra­struktur schlechter wurden. Es ist wohl kein Zufall, dass Steve Jobs und Bill Gates ihren Kindern ein Handy­verbot erteilten.

Man muss das nicht als Generalabsage an digitale Technik an Schulen verstehen. Aber die Frage wäre, welchen Beitrag sie zu einem strukturierten Unterricht leisten kann. Der Digital­pakt, den Bund und Länder seit Jahren vor sich herschieben, ist dagegen von der Technik her gedacht. Sind die Geräte erst einmal da, wird sich ein Zweck schon finden. Ob dann noch genügend Geld für die dringend benötigten Lehrer vorhanden sein wird, lässt sich allerdings bezweifeln. Von den fünf Milliarden Euro Anschub­finanzierung, rechnete Josef Kraus, der ehemalige Präsident des Philologen­verbands, vor, würde für die einzelne Schule nur ein fünf­stelliger Betrag bleiben. Das würde für Wartung und Erneuerung der Infra­struktur nicht lange reichen.

Schule ohne Lehrer

In dem Ausblick, den Ralf Lankau präsentierte, spielten Lehrer nur noch eine Neben­rolle. Der Offenburger Medien­pädagoge warf ein Bild an die Wand, auf dem Schüler an Computer­terminals in einem Groß­raum­büro isoliert ihr individuell auf sie abgestimmtes Lern­pensum abspulen. Keine Fiktion, das gibt es wirklich. Vor­aus­setzung dafür ist die Vermessung der Schüler durch sogenannte Learning-Analytics-Programme, die ihre Leistungen und Persönlich­keits­merkmale im Detail erfassen und sie in den Verwertungs­kreis­lauf der Tech-Industrie einschleusen. Nach Lankau sind die Agenten amerikanischer Soft­ware­firmen auch hier­zulande unterwegs, um Lehrer als Coaches solcher Programme auszubilden. Pädagogisch ist ihnen der Teppich ausgerollt: Angesichts wachsender kultureller Vielfalt, heißt es in einer Erläuterung des Digital­pakts auf der Website des Bundes­bildungs­ministeriums, müsse sich Bildung individualisieren.

Die Gesellschaft für Bildung und Wissen, die den Kongress zum zweiten Mal organisierte, ist eine Art gallisches Dorf, das den Bildungs­humanismus gegen die breite Front von Bertels­männern, Kuschel­pädagogen und Reform­techno­kraten in der deutschen Bildungs­politik verteidigt. Der Konferenz­titel ist eine ironische Anspielung auf deren Ziel, Fachwissen durch abstrakte Kompetenzen zu ersetzen. Rund 350 Zuhörer fanden sich im großen Mediziner­hör­saal der Goethe-Universität ein. „Reichen die Würstchen?“, fragte Josef Pfeilschifter, Dekan der Medizinischen Fakultät, angesichts des unerwarteten Zustroms. Sie reichten. Es wäre sogar noch eins dagewesen für einen Politiker, der das Smart­phone im Unterricht verteidigt. Er hätte auch ein Wort dazu sagen können, ob man wirklich glaubt, dass Schüler darauf am liebsten Mathematik­aufgaben lösen.