Forsa-Umfrage : Lehrkräfte geben Bedingungen für Inklusion schlechte Noten

Mehr als die Hälfte aller Lehrerinnen und Lehrer halten Inklusion zwar grundsätzlich für sinnvoll, aber in der jetzigen Corona-Situation sprechen sich nur 27 Prozent für einen gemeinsamen Unterricht von Kindern mit und ohne Behinderung aus. Die Klassen seien zu groß, die Bedingungen für eine erfolgreiche Umsetzung der Inklusion nicht gut genug, und die Lehrkräfte könnten sich zu wenig vorbereiten. Das geht aus einer Umfrage des Verbands Bildung und Erziehung hervor, die in dieser Woche vorgestellt wurde. Das Schulportal stellt die zehn wichtigsten Ergebnisse der Umfrage vor.

Annette Kuhn / 11. November 2020
Inklusion Rollstuhl Schule
Die inklusive Schulentwicklung stockt. Besonders in der Corona-Situation halten viele Lehrkräfte ein gemeinsames Unterrichten von Kindern mit und ohne Behinderung für nicht praktikabel.
©Jan Woitas/dpa

Inklusion ist ein Menschenrecht. So steht es in der UN-Behindertenrechtskonvention, der sich Deutschland 2009 angeschlossen hat. Doch in den Schulen in Deutschland ist es auch elf Jahre danach keinesfalls selbstverständlich, dass Kinder mit und ohne Behinderung zusammen lernen. Der Verband Bildung und Erziehung (VBE) wollte wissen, wie Lehrkräfte aktuell zum Thema Inklusion stehen, welche Unterstützung sie bei der Umsetzung erwarten und wie sie das gemeinsame Unterrichten in der Corona-Situation beurteilen.

Dafür hat der VBE beim Meinungsforschungsinstitut Forsa im September und Oktober dieses Jahres eine Umfrage unter mehr als 2.000 Lehrkräften an allgemeinbildenden Schulen durchführen lassen. „Die Diskrepanz zwischen dem Stellenwert, den Politik der schulischen Inklusion in Sonntagsreden einräumt, und den Ressourcen, die sie tatsächlich bereit ist für eine gelingende Inklusion zur Verfügung zu stellen, bleibt groß“, kommentierte der Bundesvorsitzende des Verbands, Udo Beckmann, die Ergebnisse der Umfrage.

Gemeinsamer Unterricht für Kinder mit und ohne Behinderung: 56 Prozent der Befragten sprachen sich für Inklusion aus. Auf diesem Niveau lag die Zustimmung auch bei entsprechenden Umfragen 2015 und 2017. Am größten war die Zustimmung an Grundschulen mit 64 Prozent. An Gymnasien lag sie bei 52 Prozent, bei allen anderen weiterführenden Schulen bei 53 Prozent. Als Argument für Inklusion nannten 34 Prozent der Befragten eine bessere Integration. 27 Prozent waren der Ansicht, dass durch Inklusion das soziale Lernen gefördert werde. 26 Prozent erhofften sich davon einen Abbau von Vorurteilen und Berührungsängsten.

Als Gründe gegen eine Integration wurde mit 31 Prozent am häufigsten auf fehlendes Fachpersonal hingewiesen. 25 Prozent bemängelten eine schlechte materielle Ausstattung. 21 Prozent waren der Ansicht, dass eine individuelle Förderung bei einer gemeinsamen Unterrichtung nicht möglich sei.

Inklusion in Corona-Zeiten: Unter den gegenwärtigen Corona-Bedingungen hielt die Mehrheit der Befragten einen gemeinsamen Unterricht von Kindern mit und ohne Behinderung allerdings für nicht für sinnvoll. Nur 27 Prozent sprachen sich in der aktuellen Situation dafür aus. Die meisten Befürworter gab es in der Haupt-, Real- und Gesamtschule mit 31 Prozent, die Grundschulen lagen mit 28 Prozent dahinter, die Gymnasien mit 24 Prozent.

74 Prozent der Befragten waren der Ansicht, dass die Einschränkungen zur Eindämmung der Corona-Pandemie für die Inklusion von Schülerinnen und Schülern mit sonderpädagogischem Förderbedarf einen Rückschritt bedeute. Und 70 Prozent sagten, dass während der Schulschließungen Schülerinnen und Schüler mit Förderbedarf nicht ausreichend gefördert werden konnten. Damit Inklusion auch in Corona-Zeiten gelingen könne, sagten 85 Prozent der Befragten, dass jede Schule jetzt Unterstützung durch multiprofessionelle Teams bräuchte, um die individuelle Förderung aller Schülerinnen und Schüler sicherzustellen.

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Barrierefreiheit: Nur eine Minderheit von 16 Prozent der befragten Lehrkräfte gab an, dass ihre Schule vollständig barrierefrei sei. 2015 sagten das 15 Prozent. 45 Prozent waren der Ansicht, dass ihre Schule überhaupt keine Barrierefreiheit biete. Bei Grundschulen waren es sogar 55 Prozent. 2015 lag dieser Wert insgesamt bei 52 Prozent. Die Umrüstung der Schulen geht also voran, aber nur schleppend.

Personelle Ausstattung: 96 Prozent der Befragten hielten eine Doppelbesetzung mit Lehrkraft und Sonderpädagogin oder Sonderpädagogen in einer inklusiven Klasse für notwendig. 86 Prozent waren der Ansicht, dass es eine solche Doppelbesetzung zu jeder Zeit geben sollte. Tatsächlich aber ist dies laut Befragung nur bei 46 Prozent der inklusiven Lerngruppen gegeben, in Gymnasien sogar nur bei 37 Prozent.

Multiprofessionelle Teams gibt es nach Angaben der Befragten an etwa einem Drittel der Schulen (36 Prozent). In den Gymnasien liegt der Anteil demnach sogar nur bei 18 Prozent.

Räumliche Ausstattung: In nur 33 Prozent der Schulen stehen laut Befragung Arbeitsplätze für Sonderpädagoginnen und Sonderpädagogen zur Verfügung. An 43 Prozent der Schulen gibt es Differenzierungsräume, und an knapp jeder zweiten Schule (47 Prozent) gibt es Kleingruppenräume. Barrierefreie Sanitäranlagen haben 61 Prozent der Schulen.

Klassengröße: Die Schülerzahl pro inklusive Klasse liegt 2020 im Schnitt bei 18,6 Schülerinnen und Schülern. Diesen Wert gaben die Lehrkräfte in der Forsa-Umfrage an. Im Vergleich zu 2015 (18) und 2017 (17,4) hat die Schülerzahl pro Klasse offenbar wieder zugenommen.

Unterstützungsbedarf: Den meisten Unterstützungsbedarf sahen Lehrerinnen und Lehrer mit 94 Prozent bei Kindern mit dem Förderschwerpunkt emotionale und soziale Entwicklung, gefolgt vom Förderschwerpunkt Lernen (87 Prozent) und dem Förderschwerpunkt geistige Entwicklung (86 Prozent).

Vorbereitung auf inklusiven Unterricht: Die meisten der befragten Lehrkräfte hielten die Vorbereitungszeit für das inklusive Unterrichten für zu kurz. 19 Prozent gaben an, dass sie sich nur eine Woche oder sogar noch weniger darauf vorbereiten konnten. Eine so kurze Vorbereitungszeit hatten 2015 nur 12 Prozent der Befragten genannt. Jeder zweite hatte jetzt zumindest wenige Wochen Zeit für die Vorbereitung (2015: 55 Prozent). Am wenigsten Vorbereitungszeit bekamen offenbar Lehrkräfte an Gymnasien. Erfahrungen mit inklusivem Unterrichten hatten nur 26 Prozent der Lehrkräfte, 14 Prozent hatten an Fortbildungen teilgenommen, 6 Prozent brachten sonderpädagogische Kenntnisse mit, und nur für 5 Prozent der Befragten war Inklusion Teil der Lehrkräfteausbildung.

Fortbildungsangebote: Die Möglichkeiten zur Fortbildung bewerteten nur 6 Prozent der Befragten als gut oder sehr gut. 46 Prozent haben hingegen die Noten mangelhaft oder ungenügend vergeben. Insgesamt liegt der Notenschnitt für das Fortbildungsangebot zum Thema Inklusion bei der Note 4,3.

Inklusionspolitik: Schlechte Noten hat auch die Inklusionspolitik der Länder bekommen. Mit der Note 1 oder 2 bewerteten lediglich 3 Prozent der Befragten die Inklusionspolitik. 55 Prozent vergaben hingegen die Noten mangelhaft oder ungenügend. Im Schnitt lag die Bewertung bei 4,5.

Auf einen Blick

  • Forsa hat insgesamt 2.127 Lehrkräfte an allgemeinbildenden Schulen in Deutschland zum Thema Inklusion befragt. Davon unterrichten 745 Lehrerinnen und Lehrer in inklusiven Klassen.
  • Befragungen mit einem ähnlichen Fragenprogramm gab es bereits 2015 und 2017, sodass auch Entwicklungen zu sehen sind.
  • Die aktuelle Umfrage wurde im September und Oktober 2020 durchgeführt.
  • Gefragt wurde dabei nach dem Stand der Inklusion an den Schulen allgemein und speziell zur Situation während der Corona-Pandemie.