Umfrage : Gewalt an Schulen – fast jede zweite Lehrkraft berichtet von Problemen

47 Prozent der Lehrerinnen und Lehrer geben an, dass es an ihrer Schule Probleme mit körperlicher oder psychischer Gewalt gibt. Unterstützungsangebote durch Schulsozialarbeit und Schulpsychologie reichen oft nicht aus. Das ist ein Ergebnis der repräsentativen Lehrerumfrage „Deutsches Schulbarometer 2024“ im Auftrag der Robert Bosch Stiftung.

Fast die Hälfte aller Lehrkräfte berichtet von Problemen mit körperlicher oder psychischer Gewalt unter den Schülerinnen und Schülern ihrer Schule. Das zeigt das Deutsche Schulbarometer 2024, das am 24. April von der Robert Bosch Stiftung veröffentlicht wurde. Insgesamt gaben 47 Prozent der befragten Lehrerinnen und Lehrer an, dass es Probleme mit Gewalt an ihrer Schule gibt. An Schulen mit einem hohen Anteil von Kindern aus einkommensschwachen Familien sind es sogar 69 Prozent. Betrachtet man die Angaben nach Schulformen, dann sind Förder- und Sonderschulen (67 Prozent) besonders oft von Gewaltproblemen betroffen, gefolgt von Haupt-, Real- und Gesamtschulen (62 Prozent). Aber auch an Grundschulen sehen 45 Prozent der Lehrkräfte Gewaltprobleme an ihrer Schule. Insgesamt sind die Angaben als „besorgniserregend hoch einzuschätzen“, heißt es im Bericht der Robert Bosch Stiftung. Beim Thema Gewalt haben wir dringenden Handlungsbedarf als Gesellschaft , sagt Dagmar Wolf, Leiterin des Bereichs Bildung in der Robert Bosch Stiftung.

Gleichzeitig wurden die Lehrkräfte nach psychosozialer Unterstützung durch Schulsozialarbeit und Schulpsychologie an ihrer Schule befragt. 57 Prozent der Befragten geben an, dass die Angebote zur psychosozialen Unterstützung ausreichen würden. Vor allem an jenen Schulen, an denen Gewaltprobleme häufiger genannt werden, wird die Unterstützung als unzureichend angesehen. Bei Schulen in benachteiligten Sozialräumen sagen nur 49 Prozent, dass die Angebote ausreichen würden.

Auswirkungen der Gewalt an Schulen auf die Gesundheit der Lehrkräfte

Das Schulbarometer untersucht auch, welche Auswirkungen bestimmte Merkmale des Schulumfeldes auf das berufliche Wohlbefinden der Lehrkräfte haben. Ein Drittel der Lehrkräfte und Schulleitungen (30 Prozent) fühlt sich mehrmals in der Woche erschöpft. Häufige Erschöpfung sei ein zentrales Symptom für Burnout, erklärt Uta Klusmann, Bildungsforscherin und Co-Autorin des Berichts.

Vor allem jüngere Lehrkräfte, Frauen sowie Lehrkräfte an Grundschulen sind häufig davon betroffen. Dabei zeigt sich laut Bericht, dass Probleme mit körperlicher oder psychischer Gewalt unter den Schülerinnen und Schülern einen konstant negativen Effekt auf die mentale Gesundheit von Lehrkräften haben. Das heißt, je mehr die Lehrerinnen und Lehrer über Gewaltprobleme berichten, desto geringer ist das Wohlbefinden. Keinen Einfluss auf das psychische Wohlbefinden haben dagegen Faktoren wie die Klassengröße oder der Anteil von Schülerinnen und Schülern aus einkommensschwachen Familien.

Bezeichnend ist, dass zwei Drittel der Lehrkräfte (68 Prozent) soziale Kompetenzen und Selbst- kompetenzen als die aktuell wichtigsten Fähigkeiten ansehen, die sie ihren Schülerinnen und Schüleren vermitteln wollen, um sie bestmöglich auf die Zukunft vor- zubereiten. Davon nennt ein Drittel explizit die Fähigkeiten Sozialkompetenz und Empathie.

Anstieg gemeldeter Fälle von Gewalt an Schulen bei den Landeskriminalämtern

Die Angaben der Lehrkräfte im Deutschen Schulbaromter über ihr Erleben an der Schule bestätigen die jüngsten Statistiken, die einen Anstieg der gemeldeten Gewaltvorfälle an Schulen konstatieren. Im März hatte die Nachrichtenagentur DPA die aktuellen Zahlen solcher Vorfälle in den Landeskriminalämtern der 16 Bundesländer abgefragt.

Gleich in mehreren Bundesländern ist demnach die Zahl erfasster Gewaltdelikte im Vergleich zur Zeit vor der Corona-Pandemie angestiegen – teilweise deutlich. Vergleicht man zum Beispiel in der Statistik des Landesinnenministeriums in Nordrhein-Westfalen die Jahre 2019 und 2022, so ergibt sich ein Anstieg der Fälle um mehr als die Hälfte, obwohl die Zahl der Schülerinnen und Schüler an allgemeinbildenden und beruflichen Schulen nur um etwa ein Prozent stieg.

Auch nach Einschätzung des Allgemeinen Schulleitungsverbandes Deutschlands haben viele Lehrkräfte das Gefühl, dass die Bereitschaft zur Gewalt zugenommen hat. „Wir haben bemerkt, dass mehr Waffen zur Schule mitgenommen werden als früher“, sagte der Verbandsvorsitzende Sven Winkler der DPA. Dabei handele es sich vor allem um Messer und sogenannte Anscheinswaffen. Das sind Waffen, die echten Schusswaffen täuschend ähnlich sehen. Ob Kinder und Jugendliche Waffen dabeihaben, weil sie gewaltbereit sind oder weil sie Angst haben und diese zur Selbstverteidigung nutzen wollten, sei unklar. Um Gewalt zu verhindern, würden viele Schulen versuchen, Sozialarbeit auszubauen. Doch oft fehle es an Personal, Zeit und Geld, so Winkler.

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) fordert als Konsequenz auf den Anstieg der bei der Polizei gemeldeten Gewaltvorfälle an Schulen einen Ausbau der Schulsozialarbeit. Aktuell könnten die Schulen das nötige Maß an Vorbeugung gegen Gewalt nicht leisten, sagte GEW-Vorständin Anja Bensinger-Stolze dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND). „Der dramatische Lehrkräftemangel und die viel zu geringe Zahl an Schulsozialarbeiterstellen führen dazu, dass die präventive Arbeit vor Ort oft nur stark eingeschränkt zu leisten ist.“

Gewaltprävention kam durch die Pandemie zu kurz

Die Beratungsstelle Gewaltprävention der Hamburger Schulbehörde erkennt vor allem in den Einschränkungen während der Corona-Pandemie eine Ursache für die sich häufende Gewalt an Schulen. Es habe neun Monate kein Präsenzleben in der Schule und damit auch kaum ein soziales Lernen mit Gleichaltrigen und schulischem Personal gegeben. Auch außerhalb der Schule hätten wegen der Pandemie soziale Kontakte gefehlt. Gleichzeitig hätten präventive Maßnahmen in den Schulen ausgesetzt oder eingeschränkt werden müssen. Die Folge: Bei der Rückkehr in die Schulen agierten viele Kinder und Jugendliche aufgrund dieser Defizite durch körperliche Auseinandersetzungen und Gewalt, erklärt die Beratungsstelle. Sie gehe aber davon aus, dass die Zahlen in den kommenden Jahren wieder sinken würden.

Schülerbefragung zu Gewalt an Schulen und Wohlbefinden

Im Rahmen der Internationalen Grundschul-Lese-Untersuchung IGLU zur Lesekompetenz wurden die Viertklässlerinnen und Viertklässler auch zu Gewalterfahrungen befragt. Das Institut für Schulentwicklungsforschung (IFS) der Universität Dortmund hat am 9. April eine Sonderauswertung dazu veröffentlicht. Demnach macht fast die Hälfte der Kinder der vierten Klassenstufen Erfahrungen mit physischer Gewalt und über zehn Prozent mit Online-Mobbing. Ausgrenzung und körperliche Gewalt kommen laut Analyse in Deutschland häufiger vor als im EU-Durchschnitt. Die Viertklässler waren für die repräsentative IGLU-Studie 2023 im Jahr 2021 befragt worden.

Im Rahmen des Deutschen Schulbarometers will die Robert Bosch Stiftung nun auch die Schülerinnen und Schüler stärker in den Blick nehmen. Dazu heißt es in dem Bericht: „Zukünftig ist es für weitere und vertiefende Kenntnisse notwendig, Schülerinnen und Schüler umfangreich zu ihrem schulischen Wohlbefinden und zu möglichen Belastungsfaktoren innerhalb der Schule zu befragen.“ Auch Gewalterfahrungen und psychosoziale Unterstützungsangebote werden aus der Perspektive der Schülerinnen und Schüler beleuchtet. Die Ergebnisse der repräsentativen Befragung werden im Herbst veröffentlicht.

mit dpa