Dieser Artikel erschien am 27.04.2020 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Autorin: Heike Schmoll

Probleme bei Schulöffnung : Lehrermangel in Corona-Zeiten

Bis zu einem Drittel der Lehrer könnte in der Pandemie ausfallen: Wie die Länder die Rückkehr aller Schüler organisieren könnten und warum dafür auch Gymnasiallehrer zwangsversetzt werden könnten.

Bayern, Unterhaching: Schüler und Schülerinnen einer 12. Klasse des Lise-Meitner-Gymnasiums nehmen am Unterricht teil. Nach einer Pause von sechs Wochen beginnt für einige Abschlussklassen in Bayern wieder die Schule mit Präsenzunterricht.
Prüfungsvorbereitung mit Mundschutz: Eine Abschlussklasse in Bayern, Unterhaching
©Sven Hoppe/dpa

In vielen Ländern ist noch immer unklar, welche Klassen wann in die Schulen zurückkehren sollen, auch wenn die grundsätzliche Forderung geteilt wird, die Abschlussklassen bevorzugt wieder in die Schule zu holen. Wenn das hessische Beispiel, gegen Ungleichbehandlung zu klagen, auch in anderen Ländern Schule macht, können Pläne rasch ins Wanken geraten. Derzeit ermitteln viele Kultusministerien noch, wie viele Lehrer ihnen für den Präsenzunterricht nicht zur Verfügung stehen. Je nach Land sind es zwischen 25 und 30 Prozent, die entweder selbst einer Risikogruppe angehören oder in einer Familie mit einem Risikopatienten leben. An diesem Montag beraten die Kultusminister in einer Schaltkonferenz über das weitere Vorgehen. Hygienepläne haben inzwischen alle aufgestellt, sie orientieren sich weitgehend an den für Rheinland-Pfalz entwickelten Vorgaben. So wird es in den Gängen einen Einbahnstraßenverkehr geben, Tische werden in großem Abstand aufgestellt, an den Schultoiletten wird der Einlass kontrolliert. Versetzter Unterricht und versetzte Pausen sollen die Abstandsregeln möglich machen. Häufigere Reinigungsrhythmen und Desinfektionsmittel sind außerdem vorgesehen.

Da die Abstandsregeln vermutlich noch lange gelten, hat der Deutsche Lehrerverband am Wochenende einen Vorschlag vorgelegt, wie die Rückkehr der Schüler nach dem 4. Mai so organisiert werden könnte, dass komplette Jahrgangsstufen in Schulen zurückkehren könnten. Bisher ist in den Ländern eher davon die Rede, dass einige Klassenstufen vor den Sommerferien und möglicherweise auch danach keinen Präsenzunterricht mehr haben. In der ersten Woche sollte die eine Hälfte der Klasse, in der zweiten die andere Hälfte in die Schule kommen. Der bisherige Wochenstundenplan würde dabei beibehalten, es gäbe keine Kürzung von Fächern (bis auf Sportunterricht zum Beispiel). In der ersten Woche unterrichten die Lehrkräfte in den Schulen die Schüler im Präsenzunterricht und geben für die unterrichtsfreie Woche Arbeitsaufträge und Hausaufgaben. Ergänzt und intensiviert werden könnten die Betreuung und Beschulung der Schüler in der Woche zwei ohne Präsenzunterricht durch Lehrer, die in eine Risikogruppe gehörten, und zwar durch digitalen Fernunterricht. Der Präsenzunterricht könne damit nur im Umfang der Hälfte des bisherigen Unterrichtsumfangs stattfinden.

Das Zweischichtenmodell sei für die meisten Schulen und Schularten leicht zu organisieren, da an bisherigen Stunden- und Raumplänen kaum etwas geändert werden müsse, außerdem könnten eventuell abgehängte Schüler im Präsenzunterricht verstärkt gefördert werden. Schulräume und Lehrer müssten ausreichen, weil nur die Hälfte der Schüler jeweils an der Schule anwesend sei. Eltern könnten wieder verlässlich planen. Auch bei der Schülerbeförderung werde sich die Lage entspannen, weil nur 50 Prozent der sonstigen Kapazität der Busse und Transportmittel benötigt würden. Auch sei das Konzept nicht für alle Schüler und Schularten gleich gut geeignet. Das gelte etwa für die Berufsschulen. Mit deutlicher Kritik reagierte der Lehrerverband auf den Vorschlag von Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU), die den Ländern geraten hatte, im Dreitageswechsel zu unterrichten und den Samstag zum Unterrichtstag zu machen, weil dafür alle Unterrichts- und Raumpläne neu gemacht werden müssten. Für den dadurch notwendigen Samstagsunterricht fehle es sowohl an gesellschaftlicher Akzeptanz als auch an der notwendigen Infrastruktur, beispielsweise bei der Schulwegbeförderung.

Künftige Entscheidungen über Schul- und Kitaöffnungen werden nicht nur vom Infektionsgeschehen, sondern auch von bislang fehlenden wissenschaftlichen Erkenntnissen abhängig gemacht werden. Denn derzeit weiß die virologische Forschung noch wenig darüber, welche Rolle Kinder bei der Verbreitung des Virus spielen. Es gibt dazu erst zwei Studien aus China und den Niederlanden, die zu widersprüchlichen Ergebnissen führten. Die baden-württembergische Landesregierung hat deshalb eine Screening-Studie in Auftrag gegeben, an der sich vier Universitätskliniken (federführend Heidelberg, Freiburg, Tübingen, Ulm) im Land beteiligen werden. Die Kosten belaufen sich auf rund 1,2 Millionen Euro, die das Land übernehmen wird. Teilnehmen sollen rund 2000 Eltern-Kind-Paare, 500 pro Standort. In zwei Wochen sollen erste Ergebnisse vorliegen.

Der hessische Kultusminister Alexander Lorz (CDU) hat am Freitag angekündigt, Gymnasiallehrer zwangsweise zum Unterricht in der Grundschule zu verpflichten, weil hier auch während der Corona-Pandemie noch mehr Lehrer fehlen als ohnehin schon. Hessen, das seit 2014 5000 neue Lehrerstellen geschaffen hatte, will den Ganztagsunterricht in den Grundschulen ausbauen, mehr Deutschunterricht anbieten und vom kommenden Schuljahr an Vorlaufkurse einrichten. Bisher hatte Hessen Lehrer kurz vor der Pensionierung gebeten, noch über den Ruhestandszeitpunkt hinaus tätig zu bleiben, was nun wegen der Pandemie nicht mehr möglich ist. In einem Weiterbildungsmodell hat auch Hessen Gymnasiallehrer und Haupt- und Realschullehrer als Grundschullehrer nachqualifiziert (künftig in zwei statt in drei Jahren) und den Quereinstieg mit nur einem Fach ermöglicht. Bei den Gymnasiallehrern gab es verschiedene Abordnungsmöglichkeiten. Gymnasiallehrer sollten vor allem in den Jahrgangsstufen drei und vier eingesetzt werden, nicht aber im Anfangsunterricht in Deutsch und Mathematik.