Lehrkräftemangel : Gymnasiallehrer helfen an Grundschulen aus

Grundschulen in Deutschland suchen händeringend nach qualifizierten Lehrkräften. Um Unter­richts­ausfälle zu vermeiden, locken einige Bundes­länder gezielt Gymnasial­lehr­kräfte an die Grund­schulen – mit lukrativen Angeboten.

Alexandra Mankarios / 07. Mai 2018
In den nächsten sieben Jahren fehlen an Grundschulen 35.000 Lehrkräfte. Einige Bundesländer setzen auf arbeitslose Gymnasiallehrerinnen und -lehrer, um die akuten Lücken zu füllen.
In den nächsten sieben Jahren fehlen an Grundschulen 35.000 Lehrkräfte. Einige Bundesländer setzen auf arbeitslose Gymnasiallehrerinnen und -lehrer, um die akuten Lücken zu füllen.
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Rund 2.000 Lehrerstellen an Grundschulen sind aktuell unbesetzt, und vermutlich werden es in den nächsten Jahren noch viel mehr. Eine Studie der Bertelsmann Stiftung kommt zu dem Schluss, dass bis 2025 an Grundschulen in Deutschland rund 35.000 Lehrerinnen und Lehrer fehlen werden. Die Ursachen dafür sind vielfältig, unter anderem steigen die Schülerzahlen, und außerdem werden Grundschullehrkräfte schlechter bezahlt als Gymnasiallehrkräfte. Besonders hoch ist der Bedarf an Grundschullehrerinnen und -lehrern in Berlin und Brandenburg, Sachsen, Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen und Baden-Württemberg. Um die Lücken zu schließen, versuchen mehrere Bundesländer, Gymnasiallehrkräfte vorübergehend an Grundschulen zu beschäftigen – insbesondere solche, die aufgrund ihrer Fächerkombination geringe Aussichten auf eine Stelle am Gymnasium haben.

Grundschuleinsatz gegen Stellenzusage

Vor allem Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg werben aktuell intensiv um Gymnasial­lehr­kräfte, die an Grundschulen aushelfen könnten. Der Deal: Wenn sie einige Jahre an einer Grundschule unterrichten, ist den Lehrerinnen und Lehrern anschließend eine Stelle an einer ihrem Studium entsprechenden Schulart sicher. Berufsbegleitende Qualifizierungen sollen die Gymnasiallehrkräfte in Grundschulpädagogik schulen – schließlich ist es etwas völlig anderes, mit einer elften Klasse Literatur zu interpretieren, als Kindern, denen das Stillsitzen schwerfällt, Schreiben und Grundrechenarten zu vermitteln.

Immerhin – ihre pädagogische Ausbildung verschafft Gymnasiallehrkräften auch an der ungewohnten Schulform einen Startvorteil, etwa im Vergleich zu Quer- oder Seiteneinsteigern. So bewertet es jedenfalls der Grundschulverband in einer Stellungnahme zum Lehrermangel. „Da die Kinder im Grundschulalter am verletzlichsten sind, sollte fehlendes Lehrpersonal in der Grundschule vorrangig durch abgeordnete Lehrkräfte aus der Sekundarstufe ersetzt werden, weil diese zwar nicht über grundschulspezifische Kenntnisse, aber wenigstens über solide fachdidaktische und pädagogische Basisqualifikationen verfügen“, erklärte der Verband in einer Reaktion auf die Bertelsmann-Studie.

Die Angebote der Bundesländer

Neben den aktuellen Initiativen in Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg erleichtern auch noch einige andere Bundesländer Gymnasiallehrkräften den Wechsel auf die Grundschule.

Ein Überblick

Nordrhein-Westfalen

  • Für wen? Das Angebot richtet sich an arbeitslose Lehrkräfte mit einer Befähigung für die Sekundarstufe II und mindestens einem Fach, das auch an Grundschulen gelehrt wird.
  • Die Aufgabe: Zwei Jahre an einer Grundschule unterrichten.
  • Die Gegenleistung: Sofortige Übernahme in ein Dauerbeschäftigungsverhältnis plus die Zusage, nach zwei Jahren an eine der Ausbildung entsprechende Stelle versetzt zu werden (maximal 35 Kilometer vom Wohnort entfernt).
  • Die Bezahlung: Bewerber werden zunächst nach der Entgeltgruppe 11 TV-L bezahlt. Bei der Vesetzung an eine weiterführende Schule wechseln sie in Gruppe 13 TV-L oder – wenn sie die Voraussetzungen für eine Verbeamtung erfüllen – in die Besoldungsstufe A13.
  • Die Qualifizierung: 60 Stunden berufsbegleitende Qualifikation in Grundschulpädagogik, der Kurs läuft über ein Schuljahr.

Baden-Württemberg

  • Für wen? Das Angebot richtet sich an Gymnasiallehrkräfte, die mindestens ein Fach unterrichten, das auch an Grundschulen gelehrt wird, oder die ein Jahr Vertretungsunterricht in einem solchen Fach nachweisen können.
  • Die Aufgabe: Mindestens drei Jahre an einer Grundschule unterrichten.
  • Die Gegenleistung: Einstellungszusage nach drei Jahren. Wer vorher eine Stelle am Gymnasium findet, darf früher wechseln.
  • Die Bezahlung: Bewerberinnen und Bewerber steigen zunächst als TV-L-Beschäftigte ein. Sollten sie die Zusatzqualifizierung erfolgreich abschließen, können sie – bei entsprechender Voraussetzung – als Beamtinnen und Beamte auf Probe in die Besoldungsgruppe A12 wechseln.
  • Die Qualifizierung: Einjährige berufsbegleitende „Laufbahnbefähigung“ für das Lehramt an Grundschulen – zunächst 15 Tage vor Ort, danach im Blended-Learning-Verfahren. Umfassende theoretische und praktische Abschlussprüfung.

Sachsen

  • Für wen? Das Angebot richtet sich an Gymnasiallehrkräfte ohne Stelle.
  • Die Aufgabe: Mindestens drei Jahre abgeordnet an einer Grund-, Förder- oder Oberschule unterrichten.
  • Die Gegenleistung: Nach drei Jahren wechseln die Lehrkräfte ans „abordnende“ Gymnasium.
  • Die Bezahlung: Die Lehrkräfte bleiben offiziell weiter am Gymnasium beschäftigt und erhalten auch während ihres Grundschuleinsatzes die am Gymnasium üblichen Bezüge. Zuschläge erhalten Lehrkräfte, die Mangelfächer unterrichten oder bereit sind, an Schulen im ländlichen Raum zu arbeiten.
  • Die Qualifizierung: Schulartspezifische Fortbildung.

Hessen

  • Für wen? Das Angebot richtet sich an Lehrkräfte mit Lehramt für eine weiterführende Schulart, die befristet eingestellt sind oder gar keine Stelle haben. Ausgeschlossen sind Personen mit einem Lehramt für Haupt- und Realschule mit einem der Fächer Musik, Chemie, Physik oder Kunst.
  • Die Aufgabe: Mindestens drei Jahre an einer Grundschule arbeiten.
  • Die Gegenleistung: Anschließend Wechsel an die ursprünglich studierte Schulform.
  • Die Bezahlung: Bewerber steigen zunächst in der Tarifgruppe E11 ein. Schließen sie die Zusatzqualifizierung erfolgreich ab, können sie – bein entsprechender Voraussetzung – als Beamte auf Probe in die Besoldungsgruppe A12 wechseln.
  • Die Qualifizierung: Zwölfmonatige Grundlagenqualifizierung, danach 24 Monate grundschuldidaktische Weiterbildung. Im ersten halben Jahr keine Unterrichtsverpflichtung.

So machen es die übrigen Bundesländer

Auch in den meisten übrigen Bundesländern können Gymnasiallehrkräfte unter bestimmten Bedingungen an Grundschulen unterrichten, allerdings sind die Hürden häufig höher. So fordert Bayern zum Beispiel, dass Interessierte alle für das Grundschullehramt nötigen Prüfungen an der Universität nachholen. Lehrerinnen und Lehrer in Rheinland-Pfalz können unter bestimmten Voraussetzungen die Zulassung zur „Wechselprüfung III“ beantragen und sich – ähnlich aufwendig wie in Bayern – für das Lehramt Grundschule nachqualifizieren. Um das Grundschullehramt insgesamt attraktiver zu machen, haben zudem mehrere Länder die Bezahlung angehoben, darunter Berlin, Brandenburg und Schleswig-Holstein: Hier erhalten Lehrkräfte an Grundschulen demnächst Bezüge nach A13 beziehungsweise E13 – wie ihre Kolleginnen und Kollegen am Gymnasium. In fast allen Bundesländern gibt es darüber hinaus Angebote für Quer- und Seiteneinsteiger in den Lehrerberuf: Personen mit akademischem Abschluss in einem stark nachgefragten Schulfach können damit auch an Schulen unterrichten. Das schließt potenziell auch Lehrkräfte mit einem Lehramt für eine andere Schulform ein.

Auf einen Blick

  • Der Lehrermangel nimmt zu: Bis 2025 fehlen an Grundschulen 35.000 Lehrkräfte.
  • Akuten Mangel gibt es in Berlin, Brandenburg, Sachsen, Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen und Baden-Württemberg.
  • Einige Bundesländer füllen die akuten Lücken mit arbeitslosen Gymnasiallehrkräften.
  • Nach einigen Jahren an einer Grundschule bekommen sie eine Stelle am Gymnasium.
  • Grundschuldidaktik lernen die Lehrkräfte berufsbegleitend in Kursen.
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