Lehrkräfte gesucht : Lehrermangel bleibt bundesweit ein Problem

Auch zum kommenden Schuljahr werden die Bundesländer wieder große Probleme haben, ihre offenen Stellen an Schulen zu besetzen. Viele werben bundesweit und auch im Ausland um Fachkräfte und Quereinsteiger. Entspannung ist trotz erhöhter Ausbildungskapazitäten und zusätzlicher Anreize auch in den kommenden Jahren nicht in Sicht. Wo fehlen die meisten Lehrkräfte, welche Maßnahmen gibt es in den Ländern, was muss sich ändern? Das Schulportal hat die wichtigsten Informationen zum Thema Lehrermangel hier zusammengefasst.

Florentine Anders / 19. April 2021
Straßenbahn mit Werbekampagne für Lehrkräfte
Mecklenburg-Vorpommern wirbt bundesweit und auch im Ausland um Lehrkräfte.
©dpa

Regelmäßig im Frühjahr beginnt das große Tauziehen um Lehrerinnen und Lehrer für das nächste Schuljahr. Seit Jahren können nicht mehr alle offenen Stellen mit ausgebildeten Fachkräften besetzt werden. Und obwohl die Bundesländer auch zunehmend um Quereinsteigerinnen und Quereinsteiger werben, können die Stellen meist nicht alle pünktlich besetzt werden. Das zeigen die Abfragen zur Stellenbesetzung durch das Schulportalin den vergangenen Jahren. Und auch zum kommenden Schuljahr werden die Schulen in Deutschland weiter mit dem Lehrermangel zu kämpfen haben. Das zeigt die aktualisierte Modellrechnung bis 2030 der Kultusministerkonferenz (KMK) vom Dezember 2020.

Wie sieht die Prognose für den Lehrermangel in den kommenden Jahren aus?

Vor allem in der Sekundarstufe I – also oberhalb der Grundschule – wird bis 2030 durchgehend mit Engpässen gerechnet. Gebraucht werden demnach vor allem Mathe-, Chemie-, Physik- und Musiklehrkräfte. Die Lücke im Sekundarbereich I wird sich den Prognosen zufolge aber zumindest verkleinern, von jetzt 4.770 auf 1.300 fehlende Lehrkräfte im Jahr 2030. Auch an Berufsschulen wird mit einem jährlichen Unterangebot von im Schnitt fast 1.000 Lehrerinnen und Lehrern gerechnet.

Einen Lehrerüberschuss gibt es dagegen an Gymnasien. Hier gehen die Kultusministerien von einem deutschlandweiten „Überangebot“ von durchschnittlich 2.200 Lehrkräften pro Jahr aus. In den Grundschulen fehlen derzeit noch durchschnittlich 1.700 Lehrkräfte pro Jahr, ab 2025 wird allerdings mit einer Trendumkehr hin zu einem Überangebot ausgegangen.

Allerdings zweifeln viele Expertinnen und Experten an dieser positiven Prognose für die Grundschulen. In den vergangenen Jahren lagen die Modellrechnungen der KMK häufig daneben.

Insgesamt gibt es in Deutschland etwa 40.000 Schulen und Berufsschulen, 11 Millionen Schülerinnen und Schüler und mehr als 800.000 Lehrkräfte. Als Hauptursachen für den Lehrermangel werden veränderte Geburtenzahlen und die Zuwanderung genannt. Gleichzeitig haben viele Länder mit einer hohen Zahl von Pensionierungen zu kämpfen, weil in der Vergangenheit zu lange kein Nachwuchs eingestellt wurde.

Wo ist der Lehrermangel am größten?

Vor allem die ostdeutschen Bundesländer müssen in großem Umfang auf Quereinsteigende setzen. Das zeigte die Abfrage des Schulportals vom August 2020. In Berlin etwa waren 40 Prozent der Neueinstellungen Quereinsteigerinnen und Quereinsteiger. In Brandenburg wurden 34 Prozent der Stellen mit Lehrkräften ohne volle Lehrbefähigung besetzt. In Mecklenburg-Vorpommern betrifft das bisher 30 Prozent der Neueinstellungen.

Sachsen-Anhalt hat für die Ausschreibungsrunde von Mitte Februar bis März 2021 laut Ministerium erstmals Agenturen eingeschaltet, die gezielt nach Lehrkräften aus dem Ausland sowie Seiteneinsteigerinnen und Seiteneinsteigern suchen. Derzeit seien auf diesem Weg etwa 100 Bewerberinnen und Bewerber ins Spiel gekommen. Teilweise müssten Abschlüsse über die Kultusministerkonferenz überprüft werden. Rund 40 Prozent der Bewerberinnen und Bewerber kämen aus dem Ausland.

Auch in einigen westdeutschen Bundesländern wurden offene Lehrerstellen in Mangelfächern, für die es keine ausgebildeten Bewerberinnen und Bewerber gab, mit Quereinsteigerinnen und Quereinsteigern besetzt – allerdings in geringerem Umfang. In Niedersachsen zum Beispiel betrifft das etwa 6 Prozent der Neueinstellungen, in Schleswig-Holstein sind es 11 Prozent. Dabei ist zu beachten, dass die Begriffe „Quereinstieg“ und „Seiteneinstieg“ in den Bundesländern sehr unterschiedlich definiert sind. Die Zahlen sind deshalb schwer vergleichbar. In der Regel haben Quereinsteigende einen Uni-Abschluss, aber kein abgeschlossenes Lehramtsstudium und werden etwa über Nachqualifizierungen in Pädagogik geschult.

In welchen Fächern fehlen die meisten Lehrerinnen und Lehrer?

Lehrerinnen und Lehrer fehlen an den weiterführenden Schulen besonders häufig in den MINT-Fächern (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik). Der Bildungsforschern Klaus Klemm hat für die Telekom-Stiftung in einer aktuellen Studie vom Januar 2021 am Beispiel Nordrhein-Westfalen untersucht, wie sich Angebot und Bedarf an Lehrkräften in den MINT-Fächern an allgemeinbildenden Schulen entwickeln. Das Ergebnis: Ohne ein Gegensteuern werden die Schulen im Schuljahr 2030/31 nur ein Drittel der nötigen ausgebildeten MINT-Fachlehrkräfte zur Verfügung haben. Dieses Ergebnis ist noch einmal deutlich negativer als das der Vorgängerstudie von 2014. Hier hatte Klemm noch eine voraussichtliche Bedarfsdeckungsquote von immerhin rund zwei Dritteln bis 2025/26 vorhersagen können. Die Gründe: Jede dritte MINT-Lehrkraft wird laut Studie bis 2030/31 aus dem Schuldienst ausscheiden, vor allem aus Altersgründen. Zusätzlich wachsen die Schülerzahlen stark an. In den kommenden zehn Jahren müssten laut Berechnung von Klemm in NRW jährlich etwa 3.300 neue MINT-Lehrkräfte eingestellt werden. Nach den aktuellen Belegungen der Studienplätze im Lehramt für diese Fächer werden es aber nur 1.100 Absolventinnen und Absolventen sein.

Welche Wege für den Quereinstieg an Schulen gibt es?

Seiteneinsteigerinnen und Seiteneinsteiger haben zwar auch ein für das Lehramt relevantes Fach studiert, steigen aber ohne Vorbereitungsdienst direkt in den Schulen ein. Sie besuchen je nach Bundesland vorher einen mehrwöchigen oder manchmal auch nur mehrtägigen Einführungskurs und werden dann auch berufsbegleitend weiterqualifiziert. Außerdem sollen sie in den Schulen besonders unterstützt werden.

Hier gibt es Informationen zum Quer- und Seiteneinstieg in den Bundesländern:

Über Erfahrungen von Quereinsteigenden an Schulen und über Konzepte für ein erfolgreiches Mentoring an Schulen erfahren Sie mehr im Dossier „Quereinstieg im Praxischeck“.

Wie können geflüchtete Lehrkräfte qualifiziert werden?

Die Universität Potsdam hat 2016 ein Qualifizierungsprojekt für geflüchtete Lehrkräfte gestartet, um den Berufseinstieg ins Brandenburger Schulsystem zu ermöglichen.

Zielgruppe sind geflüchtete Akademikerinnen und Akademiker, die im Ausland ein Lehramtsstudium erfolgreich absolviert haben und in ihrem Herkunftsland bereits als Lehrkraft an einer Schule gearbeitet haben. Das 18-monatige Programm bietet unter anderem Sprachkurse für den Erwerb des Sprachzertifikats C1, pädagogische Seminare und ein Schulpraktikum.

Die Qualifizierung in Vollzeit bereitet auf eine zweijährige Tätigkeit als Assistenzlehrkraft oder als pädagogische Unterrichtshilfe vor. Danach soll eine Weiterqualifizierung analog zum Seiteneinstieg anschließen.

Viele Teilnehmende scheitern dennoch an den hohen Einstiegshürden. Das Schulportal hat darüber berichtet.

Wie hoch ist das Gehalt für Lehrkräfte?

Um die Arbeit an Grundschulen attraktiver zu machen, haben viele Bundesländer die Gehälter der Grundschullehrkräfte an die Gehälter der Lehrkräfte an Sekundarschulen und Gymnasien angepasst. Zuletzt hatte Thüringen eine solche Angleichung angekündigt: Lehrerinnen und Lehrer für Gymnasien, Regelschulen und Grundschulen werden in Thüringen demnach ab August 2021 das gleiche Gehalt bekommen. Bisher wurden dort Grundschullehrkräfte als Beamte in der Besoldungsstufe A12 eingruppiert, während Gymnasial- und Regelschullehrer bereits in der Stufe A13 besoldet wurden. Künftig ist für alle die Besoldungsgruppe A13 vorgesehen, in der das Gehalt je nach Berufserfahrung zwischen rund 4.300 und 5.500 Euro brutto monatlich beträgt. Berlin, Brandenburg, Bremen, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen und Schleswig-Holstein hatten die Angleichung der Gehälter für die Grundschullehrkäfte schon in den Jahren zuvor beschlossen. In Niedersachsen gibt es eine monatliche Zulage von 97 Euro. Auch für Lehrkräfte der Sekundarstufe I gibt es noch nicht in allen Bundesländern das gleiche Gehalt wie für Gymnasiallehrkräfte. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) hat zur Besoldung im Oktober 2020 eine Bestandsaufnahme in den Bundesländern veröffentlicht. Auch Simone Fleischmann, Präsidentin des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbands, fordert in ihrem Gastbeitrag für das Schulportal eine einheitliche Besoldung für Lehrkräfte aller Schularten und mehr Flexibilität in der Lehrerbildung.

Welche Zulagen gibt es bei Lehrermangel an Schulen in ländlichen Regionen?

Schulen im abgelegenen ländlichen Raum haben es oft besonders schwer, Personal zu finden. Viele Stellen bleiben oft ein ganzes Schuljahr oder länger unbesetzt. Die Kultusministerien bieten deshalb immer häufiger Zulagen, Umzugshilfen und andere Anreize, um Lehrkräfte für die Arbeit in abgelegenen oder unbeliebten Regionen zu gewinnen. Das Schulportalhatte sich 2020 die Maßnahmen in Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt, Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen genauer angesehen. Der Landtag in Thüringen hat im März 2021 ein neues Zulagensystem beschlossen, um angehende Lehrkräfte zu motivieren, dort zu arbeiten, wo der Lehrermangel besonders ausgeprägt ist. Mehr zu den Herausforderungen der Schulen im ländlichen Raum erfahren Sie im Dossier „Wie sich Schulen in abgehängten Regionen behaupten“.

Warum reichen die Ausbildungskapazitäten für Lehrkräfte nicht aus?

Mark Rackles, Ex-Staatssekretär für Bildung in Berlin, ist überzeugt, dass die Wurzel für den Lehrermangel in der Ausbildung liegt. Seit Jahren erhöhen die Länder die Kapazitäten in den Universitäten und dennoch kommen nicht genügend ausgebildete Lehrkräfte an den Schulen an. In seiner Studie „Lehrkräftebildung 2021“ ist er den Ursachen auf den Grund gegangen. Viele Bundesländer bilden bis heute nicht bedarfsgerecht aus. Hinzu kommt, dass viele Lehramtsstudierende ihre Ausbildung abbrechen oder wechseln. Bundesweit ist die Zahl der Studienplätze in den vergangenen Jahren um 17 Prozent gestiegen, gleichzeitig ist die Zahl der Absolventinnen und Absolventen der ersten Phase der Lehrerausbildung an den Hochschulen gesunken.

Für Rackles lässt  sich das Problem nur länderübergreifend lösen. „Man kann nicht in der Ausbildung 16 Teilmärkte isoliert betrachten und sich dann wundern, dass der Gesamtmarkt nicht stimmig ist“, sagt er im Interview mit dem Schulportal. „Man bräuchte eine Instanz, die von außen drauf schaut, losgelöst von der Logik der Politik, die Defizite kleinzureden“, sagt Rackles weiter.

Eine solche Instanz könnte schon bald in Aktion treten. Im Herbst 2020 hatte die Kultusministerkonferenz beschlossen, eine „Ständige Wissenschaftliche Kommission der Kultusministerkonferenz“ einzurichten. Aufgabe dieser Einrichtung ist die Beratung der Länder in Fragen der Weiterentwicklung des Bildungswesens und des Umgangs mit seinen Herausforderungen. Eine Findungskommission unter Leitung des Bildungsforschers Manfred Prenzel soll in der KMK-Sitzung am 10./11. Juni 2021 Vorschläge für die Besetzung des Expertengremiums machen.