Lehrermangel : Lehrerinnen und Lehrer verlassen Niedersachsen

1120 Lehrkräfte aus Niedersachsen wollten sich 2019 in ein anderes Bundesland versetzen lassen – erneut deutlich mehr als ein Jahr zuvor. Ein möglicher Grund: Anderswo verdienen sie besser.

Dieser Artikel erschien am 25.02.2020 in DER SPIEGEL
Miriam Olbrisch
Stunde fällt aus
In fast allen Bundesländern fehlen Lehrkräfte - deshalb fällt häufig Unterricht aus (Symbolbild).
©Caroline Seidel / dpa

Die Zahl der Lehrer, die Niedersachsen verlassen wollen, ist im vergangenen Jahr erneut gestiegen. Wie das Kultusministerium in Hannover mitteilte, gab es rund 1120 Anträge auf Versetzung in ein anderes Bundesland. Ein Jahr zuvor waren es der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) zufolge noch rund 100 Anträge weniger, im Jahr 2014 sogar nur etwas mehr als die Hälfte.

GEW-Landeschefin Laura Pooth führte den Anstieg vor allem darauf zurück, dass in anderen Bundesländern Grund-, Haupt- und Realschullehrer besser bezahlt würden. “Diese Begründung hat es bisher nicht so gegeben”, sagte Pooth. “Niedersachsen muss zusehen, dass alle Lehrkräfte, die es am Markt noch gibt, hierbleiben oder sich hierher bewerben.”
Kultusministerium: Wechsel haben private Gründe

Das Nachbarland Hamburg hatte im Dezember angekündigt, die Besoldung von Grundschullehrern bis 2023 schrittweise auf das Niveau der anderen Lehrämter anzuheben. In Schleswig-Holstein, Brandenburg, Bremen, Berlin und Sachsen gilt dies schon länger.

Das Kultusministerium in Hannover glaubt hingegen, es liege vor allem an privaten Gründen wie Familienzusammenführungen oder der Pflege von Angehörigen, dass Lehrkräfte aus Niedersachsen abwandern wollten. Für die Aussage, dass die Bezahlung der Grund sei, gebe es keine Belege.

Das Land habe vielmehr in den vergangenen Jahren “nicht wenige” Lehrer aus anderen Bundesländern eingestellt. “Diese Lehrkräfte zieht es nunmehr zurück in die Heimat”, teilte ein Sprecher mit. Insgesamt seien die Bilanzen der Wechsel von Land zu Land weitestgehend ausgeglichen.

26.300 Lehrkräfte fehlen künftig an Grundschulen

In fast allen Bundesländern mangelt es an Lehrerinnen und Lehrern. Die Bertelsmann-Stiftung prognostiziert, dass im Jahr 2025 mehr als 26.300 Lehrkräfte fehlen werden – allein an Grundschulen.

Selbst das erfolgsverwöhnte Bayern kündigte vor wenigen Monaten an, einige Lehrkräfte sollten vorübergehend eine Stunde mehr pro Woche arbeiten, um die Unterrichtsversorgung sicherzustellen. Auszeiten in Form eines Sabbatjahres könnten erst einmal nicht genehmigt werden, hieß es aus dem Kultusministerium in München.

Andere Länder setzen eher darauf, die Arbeitsbedingungen an Schulen zu verbessern, um sich im Wettbewerb um Fachkräfte zu behaupten. In Sachsen unterrichten Grundschullehrer seit 2018 eine Stunde weniger pro Woche. In Thüringen und Brandenburg werden Lehrer außerdem künftig wieder verbeamtet.

Landesbildungsministerin: Alle Länder sollen bedarfsgerecht ausbilden

Stefanie Hubig, SPD-Bildungsministerin aus Rheinland-Pfalz und seit wenigen Wochen Präsidentin der Kultusministerkonferenz, sagte in einem Interview mit dem SPIEGEL, es gebe eine Absprache unter den Ländern, nicht gezielt Fachkräfte aus anderen Bundesländern abzuwerben. “Würde Baden-Württemberg zum Beispiel bei uns in Rheinland-Pfalz Plakate aufhängen, um Lehrkräfte in den Süden zu lotsen, verstieße das gegen diese Absprache”, sagt Hubig. “Es ist Aufgabe aller Länder, bedarfsgerecht Lehrkräfte auszubilden und einzustellen. Genau daran arbeiten alle mit Hochdruck.”