Lehrerfortbildung : Stärken und Schwächen von Online-Kursen

Um mehr Lehrerinnen und Lehrern Zugang zu neuem Fachwissen zu ermöglichen, setzen viele Bundesländer vermehrt auf Online-Kurse: kostenfrei und jederzeit verfügbar. Ein Testprojekt des Freiburg Advanced Center of Education in Baden-Württemberg offenbart die Stärken und Schwächen des Vorhabens.

Berit Tolke / 30. Juli 2019
Eine Lehrerin arbeitet am Laptop
Online-Kurse können von Lehrkräften unabhängig von Ort und Zeit belegt werden.
©iStock

Fortbildung für Lehrkräfte bedeutete bisher vor allem: ein Seminar an einem konkreten Ort zu einer bestimmten Zeit zu besuchen. Doch gerade bei überregionalen Angeboten und längeren Anfahrtswegen lag die Schwelle hoch, sich die Zeit für die Veranstaltung zu nehmen. Eine Hürde, die das Freiburg Advanced Center of Education (FACE) – ein Zusammenschluss der Pädagogischen Hochschule (PH) und der Universität Freiburg – gern aus dem Weg räumen möchte.

Im Auftrag des Kultusministeriums Baden-Württemberg und der Wilfried-Guth-Stiftungsprofessur für Ordnungs- und Wettbewerbspolitik entwickelte ein Team des Instituts für Berufs- und Wirtschaftspädagogik einen Online-Kurs, den Lehrende unabhängig von Ort und Zeit belegen können. Das Ergebnis ist ein sogenannter MOOC, ein „Massive Open Online Course“, der kostenfreie Bildung im Hochschulwesen ermöglicht. Ziel des Pilotprojekts soll es sein, Lehrkräfte in Baden-Württemberg optimal auf die Inhalte des neuen Schulfachs Wirtschaft/Berufs- und Studienorientierung (WBS) vorbereiten zu können.

Sechs Online-Lektionen in sechs Wochen

„Unser Fortbildungssystem befindet sich derzeit im Umbruch“, erklärt Franziska Birke von der PH Freiburg die Idee, „das gibt uns die Möglichkeit, neue Wege zu gehen. Durch eine engere Verknüpfung von Ministerium, Hochschulen und Fortbildungsinstituten wollen wir die Angebote für die Lehrenden flexibler gestalten.“ Um die Inhalte zu vermitteln, konzipierte das Team um Franziska Birke und Tim Krieger einen Blended-Learning-Ansatz, der passive und aktive Elemente des Online-Lernens kombiniert: Videos und Informationsdokumente, Literaturhinweise und Unterrichtsbeispiele.

Unser Fortbildungssystem befindet sich derzeit im Umbruch, das gibt uns die Möglichkeit, neue Wege zu gehen.
Bildungsforscherin Franziska Birke von der PH Freiburg

Das Ergebnis ist ein betreuter Online-Kurs über sechs Wochen, bei dem wöchentlich eine neue Lektion freigeschaltet wird. Sie sollen die Lehrkräfte mit den Grundlagen des neuen Stoffs vertraut machen. Im Beispiel des MOOC zu den Themen Wirtschaftsordnung und Wirtschaftsethik geht es in sechs aufeinander aufbauenden Kapiteln um zentrale sozialökonomische Ordnungsfragen und die damit einhergehenden Fragen zu gerechter Verteilung. In der ersten Lektion werden Grundbegriffe erläutert, in der zweiten und dritten zentrale Wirtschaftsordnungen vorgestellt. Die Lektionen vier bis sechs befassen sich anschließend mit Spannungsfeldern der sozialen Marktwirtschaft, sozialen Dilemmata und wirtschaftsethischen Fragen.

Wer sich angemeldet hat, wird jeweils per Mail informiert und kann das Material dann, zeitlich und örtlich flexibel, studieren. Aufwand pro Lektion: etwa eine Stunde. Zusätzlich sind Aufgaben zu lösen und an die Plattform einzusenden. Verständnisfragen und Multiple-Choice-Tests klären anschließend, ob alles verstanden wurde. Für Rückfragen und zur Vertiefung stehen Multiplikatoren der staatlichen Schulämter als Ansprechpartner in regionalen Präsenzveranstaltungen bereit. So weit der Plan.

Multiplikatoren begleiten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer

Doch im Testlauf von MOOC 1 im Frühjahr 2017 zeigten sich die Tücken des Konzepts: „Die Videos waren einfach zu lang, und die Rückmeldung funktionierte nicht richtig“, sagt Frank Geiger, Lehrer an der Realschule Tiengen. „Dadurch sind damals viele Teilnehmer abgesprungen.“ Er war einer der ersten Anwender des MOOC und hat sich dann zum Multiplikator ausbilden lassen, weil er das Konzept grundsätzlich gut findet. Auch auf Basis seiner Rückmeldungen wurde das MOOC nach dem ersten Durchgang weiterentwickelt. In der zweiten Auflage 2018 lief es bereits besser. Die Teilnehmerzahlen blieben konstant, und viele beendeten den Online-Kurs auch erfolgreich.

Doch hier offenbarte sich eine weitere Schwelle: „Die Nutzer fragten zunehmend nach einem konkreten Vorteil, den ihnen die Teilnahme an diesem Format verschafft“, sagt Geiger. Ein Stundenerlass wie bei Präsenzfortbildungen war hier nicht vorgesehen. Für den Wissenszuwachs gab es zwar eine Teilnahmebescheinigung, die nach 60 Prozent der zu absolvierenden Aufgaben zum Download bereitgestellt wurde. Für den Einsatz als Lehrkraft in dem neuen Schulfach Wirtschaft/Berufs- und Studienorientierung war sie aber kaum relevant, weil der Abschluss kein offizielles Zertifikat darstellt und Vorgaben des Ministeriums dazu bisher fehlen.

Bedarf an flexiblen Fortbildungen wächst

„Wir wissen um diese Hemmnisse und arbeiten daran, das Konzept weiter zu verbessern“, sagt Birke, „denn der Bedarf an flexiblen Fortbildungen wächst – ebenso wie die Anzahl der Lehrkräfte, die das neue Fach unterrichten sollen.“ Knapp 1.000 wären es allein in Baden-Württemberg für das Schulfach WBS. Sie alle gezielt zu erreichen ist eine weitere Herausforderung. „Trotz dieser Startschwierigkeiten sehen wir große Chancen, das Konzept der MOOCs als wichtige Säule in der Lehrerfortbildung zu etablieren“, sagt Birke.

Lehrer Frank Geiger begrüßt das Vorhaben: „Die MOOCs sind wirklich gut für die Weiterbildung geeignet. Seit der Teilnahme fühle ich mich fachlich fitter.“ Aber er schätzt auch, dass die Online-Kurse ganz ohne Präsenzveranstaltung nicht ihre volle Wirkung entfalten können: „Ein Online-Kurs kann eine Face-to-Face-Veranstaltung nicht ersetzen, in der wir auch spontan Fragen beantworten oder Themen diskutieren können. Beides zusammen aber ergibt eine schöne Kombination.“ Deshalb wird Geiger dem Projekt weiter als Multiplikator verbunden bleiben und bei einer Neuauflage Präsenztermine vor Ort anbieten.

Zwei weitere Online-Kurse in Planung

Aktuell befindet sich das Konzept in der Konsolidierungsphase, zwei weitere Online-Kurse sind geplant. Dafür prüfen derzeit alle Beteiligten neue Wege und Möglichkeiten, die MOOCs den Anforderungen der Nutzer anzupassen und weitere Anreize für eine Teilnahme zu schaffen. Der MOOC 2 zu den Themen Wirtschaftsordnung und Wirtschaftsethik ist hier online abrufbar und kann bei Interesse auch von Nicht-Pädagogen absolviert werden.

Auf einen Blick

  • Lehrerfortbildung in Baden-Württemberg soll künftig auch online erfolgen.
  • Das Freiburg Advanced Center of Education (FACE) entwickelt dafür MOOCs – offene Online-Kurse, aktuell zu den Themen Wirtschaftsordnung und Wirtschaftsethik zur Vorbereitung auf das neue Schulfach Wirtschaft/ Berufs- und Studienorientierung.
  • Vorteil: Die Kurse können unabhängig von Zeit und Raum belegt werden und sind jederzeit verfügbar.
  • Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer werden zusätzlich von regionalen Multiplikatoren in Präsenzveranstaltungen betreut.
  • Bisher sind die Teilnehmerzahlen noch gering, aber das Konzept soll weiter ausgebaut werden, weitere MOOCs sind in Planung.
  • Der MOOC 2 zu den Themen Wirtschaftsordnung und Wirtschaftsethik ist online abrufbar, ein Einstieg ist jederzeit möglich.