Lehrerbildung : Was sich angehende Lehrkräfte vom Studium wünschen

Um gute Schule zu gestalten, braucht es eine gute Lehr­kräfte­bildung. Aktuell wird aber aufgrund des Lehr­kräfte­mangels vor allem über die Quantität von Lehr­kräften diskutiert. Die studentische Initiative „Kreide­staub“ will dies ändern. Auf dem diesjährigen Lehr­amts­festival der Initiative diskutierten angehende Lehr­kräfte über die Zukunft der Lehrer­bildung und die veränderten Anforderungen des Berufs. Das Schulportal hat einige Teil­nehmerinnen und Teil­nehmer gefragt, was für sie gute Lehrer­bildung aus­macht und was sich ändern muss.

Regina Köhler / 26. Juni 2019
Vortragssituation
©Deutsche Schulakademie
Portrait Sonja Zielke
©Regina Köhler

Sonja Zielke (23) studiert Lehramt (Primarstufe) an der Universität Potsdam und wird vor­aus­sichtlich in zwei Jahren ihr Referendariat antreten: „Ich wünsche mir, dass im Studium stärker das Thema Schule als Institution in den Fokus gerückt wird. In den Seminaren und Vorlesungen geht es bislang vor allem um die Fächer und um den Unterricht. Schul­entwicklung ist dagegen kein Thema. Dabei ist es so wichtig, zu lernen, wie alle an Schule Beteiligten sinn­voll kooperieren können, damit Lernen besser gelingt, und wie Schule es schaffen kann, mit gesell­schaftlichen Heraus­forderungen wie Digitalisierung oder Inklusion umzugehen. Schon während des Studiums sollten gelingende Beispiele aus der Schul­praxis thematisiert werden – neue Formen von Lernen, besondere Schul­konzepte, um das bestehende Bild von Schule zu irritieren und eine Horizont­erweiterung zu ermöglichen.“

Sebastian Schiller (28) studiert Musik und Sport an der Universität Potsdam: „Mir fehlen in der Ausbildung Reflexion und Aufarbeitung der eigenen Schul­erfahrung. Das ist nötig, damit die eigene Erfahrung nicht einfach reproduziert wird. Es müsste ein Berufs­kodex für Lehrerinnen und Lehrer erarbeitet werden, der besagt, wie wir arbeiten wollen, und an dem sich alle Lehr­kräfte orientieren können. Das Lehr­amts­studium darf nicht einfach nur an die Fach­wissen­schaften angehängt werden. An der Uni Potsdam gibt es zum Beispiel für Lehr­amts­studierende im Fach Musik extra Vorlesungen und Seminare. Die Studien­atmos­phäre ist eine ganz andere, weil die Dozierenden wissen, dass sie es aus­schließlich mit Studierenden zu tun haben, die später an der Schule unterrichten werden. Das sollte für alle Lehr­amts­studierenden gelten.“

Sebastian Schiller
©Regina Köhler
Clara Fleischmann
©Regina Köhler

Carla Fleischmann (23) studiert Sonder­pädagogik und Deutsch an der Humboldt-Universität zu Berlin: „In den Seminaren müsste Zeit für Fragen sein, die sich mit der eigenen pädagogischen Haltung beschäftigen, damit, was der Einzelne umsetzen kann und wie das geschehen kann. Auch Ängste müssten thematisiert werden können. Es müsste einen Austausch darüber geben, wie jeder sein an der Uni erworbenes pädagogisches Wissen in sein Handeln über­tragen kann. Viel zu kurz kommt auch das Thema Inklusion. Ich studiere Sonder­pädagogik und lerne daher einiges darüber. Die Studierenden anderer Fächer hören so gut wie nichts davon, obwohl mehr als 60 Prozent Schülerinnen und Schüler mit Förder­bedarf eine Regel­schule besuchen. Aus­einander­setzung mit Vielfalt muss deshalb zur Aus­bildung gehören.“

Clara Margull (23) aus Jena studiert Lehramt Biologie/Politik an der Universität Potsdam und macht gerade ihren Master. In ein­ein­halb Jahren wird sie das Referendariat antreten: „Mir fehlt im Studium eine kritische Aus­einander­setzung mit dem Bildungs­system. Nur so ist Weiter­entwicklung möglich. Wir hören an der Uni nichts von reform­pädagogischen Ansätzen oder anderen alternativen Schul­konzepten. Wenn wir uns aber mit solchen Konzepten nicht aus­einander­setzen, reproduzieren wir doch nur das, was schon da ist und irgendwie funktioniert. Schon während des Studiums sollten wir uns damit beschäftigen, was an Schule gut läuft und was nicht. Dazu gehört auch, dass man sich selbst reflektiert und lernt, Feedback von Kolleginnen und Kollegen anzunehmen, sich mit ihnen aus­zu­tauschen. Hospitationen zum Beispiel sind etwas sehr Positives, das sehen aber viele Studierende nicht so. Auch in der Schul­praxis sind gegen­seitige Hospitationen leider eher selten.“

Clara Margull
©Regina Köhler
Jonas Rebholz
©Regina Köhler

Jonas Rebholz (28) studiert an der Universität Konstanz Spanisch und Englisch auf Lehr­amt: „Ich empfinde es als großes Problem, dass das Lehr­amts­studium in Baden-Württemberg viel zu stark an das fach­wissen­schaftliche Studium angehängt ist. Es gibt kaum Veranstaltungen, die fächer­über­greifend mit anderen Lehr­amts­studierenden statt­finden. Nur so aber könnten sich Lehr­amts­studierende unter­einander aus­tauschen. Wir müssen lernen, miteinander zu kooperieren. Schule ist nicht nur Unterricht, sondern kann auch viel bewegen. Lehr­amts­studierende sollten deshalb vermittelt bekommen, über ihren Fach­bereich hinaus­zudenken, zu verstehen, was Schul­entwicklung bedeutet und wie sie gemacht werden kann.“

Klara Pelz (24) studiert Spanisch und Musik für die Sekundarstufen I und II an der Universität Potsdam: „Im Studium erfahren wir viel zu wenig darüber, was es heißt, Schule als veränder­bar wahr­zu­nehmen, als etwas, das man gestalten kann. Wichtig wäre, dass wir lernen, wie wir uns einbringen können in Schul­entwicklung, welche Instrumente dafür nötig sind. Ein großes Thema ist für mich außerdem, wie man als Lehr­kraft gute pädagogische Beziehungen zu den Schülerinnen und Schülern aufbauen kann. Diese Beziehungen schaffen die Grund­lage für ein Neu­denken des Autoritäts­begriffs – sie sind das Fundament für die gesamte pädagogische Arbeit. In unserer Ausbildung kommt dieses Thema aber nicht vor.“

Klara Pelz
©Regina Köhler

Auf einen Blick

  • „Kreidestaub“ ist eine studentische Initiative zur Verbesserung der Lehr­kräfte­bildung. Seit 2013 vernetzt der Verein junge Menschen, die den Anspruch haben, „gute Schule“ zu machen. Thematisiert wird, was den angehenden Lehr­kräften im Studium fehlt.
  • Den Studierenden geht es darum, voneinander zu lernen und sich gegen­seitig zu motivieren, eigene praktisch orientierte Projekte zu starten und Ideen zu entwickeln, wie die Lehr­er­bildung wirkungs­voll ergänzt werden kann.
  • „Kreidestaub“ veranstaltete am 21. und 22. Juni 2019 zum dritten Mal das Lehr­amts­festival – dieses Jahr an der Evangelischen Schule Berlin Zentrum – unter dem Titel „Gute Lehrer*innen – gute Schulen“.