Lehramtsausbildung : Die wichtigsten Fragen rund um das Referendariat

Wie läuft das Referendariat nach dem Lehramtsstudium ab? Welche Unterschiede gibt es für den Vorbereitungsdienst zwischen den Bundesländern? Was würden sich die Referendarinnen und Referendare anders wünschen? Das Schulportal beantwortet hier die wichtigsten Fragen zur zweiten Phase der Lehrerbildung.

Annette Kuhn 16. März 2021 Aktualisiert am 24. August 2021
Referendariat junger Lehrer vor Tafel
Referendare und Referendarinnen erleben den Vorbereitungsdienst oft als große Herausforderung und nicht selten als „Praxisschock".
©Getty Images

Mit dem Referendariat oder Vorbereitungsdienst wird die zweite Phase der Lehramtsausbildung bezeichnet. Es umfasst die schulpraktische Ausbildung, die eine Referendarin oder ein Referendar nach dem Studium durchläuft. Der Begriff Referendariat wird allerdings auch für den Vorbereitungsdienst in anderen Berufen bezeichnet, vor allem nach dem Jurastudium. Genauer heißt es daher Lehramtsreferendariat analog zum Rechtsreferendariat.

Wann findet das Lehramtsreferendariat statt?

Die Lehrerbildung gliedert sich in drei Phasen: Die erste Phase umfasst das Lehramtsstudium, danach folgt der Vorbereitungsdienst, also das Lehramtsreferendariat. Als dritte Phase wird die Weiterbildung im Lehrerberuf bezeichnet.

Wie lange dauert das Referendariat?

Die Dauer des Vorbereitungsdienstes ist von Bundesland zu Bundesland unterschiedlich, wie diese Infografik zeigt. In den meisten Bundesländern dauert es 18 Monate: in Berlin, Bremen, Hamburg, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz, Saarland, Sachsen und Schleswig-Holstein. In Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern ist die Ausbildung für eine Referendarin oder einen Referendar mit zwölf Monaten am kürzesten, in Bayern und Thüringen mit 24 Monaten am längsten. In Hessen dauert das Lehramtsreferendariat 21, in Baden-Württemberg 19 und in Sachsen-Anhalt 16 Monate.

Wie läuft das Referendariat ab?

Der Ablauf des Vorbereitungsdienstes ist in den Bundesländern unterschiedlich. Entsprechend der Gliederung der Studiengänge in verschiedene Lehramtstypen erfolgt entsprechend die schulpraktische Ausbildung der Referendarinnen und Referendare. Entweder wird nach Schularten oder Schulstufen unterschieden. In Berlin gibt es zum Beispiel drei Ausbildungen: für das Lehramt an Grundschulen, für das Lehramt an Integrierten Sekundarschulen (ISS) und Gymnasien sowie für das Lehramt an beruflichen Schulen. Sonderpädagogik ist kein eigenes Studium, sondern kann als Fach innerhalb des Studiums gewählt werden.

Die Ausbildung der Referendarinnen und Referendare erfolgt zum einen im Studienseminar, zum anderen im praktischen Einsatz in der Schule. Die beiden Einrichtungen arbeiten in den meisten Bundesländern unabhängig voneinander. Nur in Bayern ist es anders geregelt: Hier gibt es Seminarschulen – Studienseminar und Schule sind unter einem Dach. Für eine Referendarin oder einen Referendar an Realschulen und Gymnasien in Bayern findet an diesen Seminarschulen das erste Jahr des Vorbereitungsdienstes statt. Im zweiten Jahr wechseln die Referendarinnen und Referendare dann an eine andere sogenannte Einsatzschule. An den Grundschulen kommen sie gleich an eine Einsatzschule.

Was verdienen Referendare?

Der Verdienst im Lehramtsreferendariat hängt vom Bundesland ab und auch von der Schulart, in der Referendarinnen und Referendare ihre Ausbildung absolvieren. In vielen Bundesländern liegt der Verdienst für eine Referendarin oder einen Referendar an einem Gymnasium also höher als an einer Grundschule. Immer mehr Bundesländer haben inzwischen allerdings die Besoldung zwischen den Schularten angeglichen oder haben zumindest angekündigt, diese Angleichung vorzunehmen.

Ist ein Wechsel zwischen den Bundesländern möglich?

Lange war es für eine Referendarin oder einen Referendar kompliziert, in der Lehrerausbildung zwischen den Bundesländern zu wechseln. Ein Beschluss der Kultusministerkonferenz von 2013 hat hier aber für Erleichterung gesorgt. Ziel war es, die Mobilität von Lehramtsanwärterinnen und Lehramtsanwärter zu erhöhen. Nach dem Lehramtsstudium kann das Referendariat also auch in einem anderen Bundesland absolviert werden. Voraussetzung ist, dass die Fächerkombination in diesem anderen Bundesland vorgesehen ist. Zu beachten ist außerdem, dass die Länder unterschiedliche Bewerbungsfristen haben. Während des Lehramtsreferendariats ist ein Wechsel schwierig – allein schon deshalb, weil die Dauer und die Zahl der notwendigen Unterrichtsbesuche variiert.

Wie geht es nach dem Referendariat weiter?

Wenn das Referendariat beendet ist, können die Referendarinnen und Referendare als Junglehrerinnen und Junglehrer eingestellt werden. Ein Problem ist allerdings, dass die Ausbildung meist vor den Sommerferien endet, die Einstellung aber erst nach den Sommerferien zum neuen Schuljahr erfolgt. Das kann sechs Wochen Arbeitslosigkeit bedeuten.

Zuletzt ist das Problem in Baden-Württemberg wieder in den Fokus geraten. Die neue Kultusministerin Theresa Schopper (Grüne) hat nämlich kurz vor den Sommerferien 2021 angekündigt, dass sie an der viel kritisierten Praxis festhalten will. Die Ausbildung sei mit Ende des Vorbereitungsdienstes abgeschlossen, die Einstellung zum neuen Schuljahr erfolge davon unabhängig zum einheitlichen Termin im September, sagte ein Ministeriumssprecher auf Anfrage der Deutschen Presse-Agentur.

Heftige Kritik kam von der Bildungsgewerkschaft GEW und der Opposition. „Die neue Kultusministerin Theresa Schopper ist mit dem Versprechen angetreten, mit einem neuen Stil die Bildungspolitik in Baden-Württemberg zu gestalten. Warum schickt sie dann den gefragten Nachwuchs nach der Ausbildung erst einmal in die Arbeitslosigkeit?”, fragte GEW-Landeschefin Monika Stein. Sie rechnet damit, dass 4.000 bis 5.000 angehende Lehrkräfte in Baden-Württemberg zu den Sommerferien arbeitslos werden.

Schon Schoppers Vorgängerin Susanne Eisenmann (CDU) hatte es mit Hinweis auf die Kosten abgelehnt, die Einstellungspraxis zu ändern. Das Ministerium verwies nun darauf, dass die große Mehrheit der Junglehrerinnen und Junglehrer wegen des hohen Bedarfs an Lehrkräften eine „sehr sichere und dauerhafte berufliche Perspektive” hätten.

„Praxisschock“ im Referendariat

Wichtig ist, dass eine Referendarin oder ein Referendar im Vorbereitungsdienst eine Begleitung hat, zum Beispiel durch ein Mentorenprogramm. Aufgrund des großen Lehrermangels in fast allen Bundesländern gibt es dafür aber an vielen Schulen kaum Kapazität. Nicht selten erleben die Lehramtsanwärterinnen und Lehramtsanwärter, dass sie vom ersten Tag an allein vor der Klasse stehen.

In den meisten Studiengängen für das Lehramt ist inzwischen zwar ein Praxissemester vorgesehen – oder es gibt zumindest längere Praxisphasen –, dennoch erleben viele den Einstieg ins Referendariat als „Praxisschock“. Der Bildungsforscher Manfred Prenzel mahnt im Interview eine stärkere Verzahnung der ersten und zweiten Phase der Lehramtsausbildung an. Das Schulportal hat einige Referendarinnen und Referendare nach ihren Erfahrungen befragt. Fühlen Sie sich durch das Studium gut vorbereitet? Werden sie in dieser Phase ausreichend betreut und beraten, und was würden sie sich anders wünschen?

Tobias Plüschke über seinen Vorbereitungsdienst an einer Sekundarschule in Berlin, den er 2020 angetreten hat:

„Ich habe im Dezember 2019 mein Studium abgeschlossen, dann als Getränkelieferant gejobbt, bis ich im August dieses Jahres endlich mein Referendariat antreten konnte. Das Referendariat war für mich ein Sprung ins kalte Wasser. Ich hatte zwar an der Universität etwas über Unterrichtsgestaltung und Didaktik gehört, auf den Umgang mit förderbedürftigen Schülerinnen und Schülern hätte ich aber besser vorbereitet werden können.”

Tobias Plüschke
©Privat

Lea Wilsdorf hat ihr Referendariat an einem Gymnasium in Bayern gemacht:

„Nach sechs Jahren Studium war der Übergang in die Praxis für mich zunächst recht anstrengend. Inzwischen habe ich die Schülerinnen und Schüler aber schon besser kennengelernt, und es macht mir Spaß, zu unterrichten. Ich hätte mir allerdings gewünscht, dass wir an der Universität mehr Gelegenheit gehabt hätten, praktische Erfahrungen zu machen. Ich hätte gern mehr über Unterrichtsplanung oder Unterrichtsmethoden gehört. Unterrichtsgestaltung war erst mit Beginn des Referendariats ein Thema.”

Christine Adam
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Christine Adam hat ihr Referendariat an einer Gesamtschule in Bochum absolviert: 

„ Als Lehrkraft agiert man ständig mit anderen, ist kontinuierlich aufmerksam, stellt Unterrichtsmaterialien zusammen. Auf diese Herausforderungen kann man nicht wirklich vorbereitet werden, da sie mit individuell ganz unterschiedlichen Kompetenzen gemeistert werden können. Es wäre aber hilfreich, wenn angehende Lehrkräfte an der Universität etwas stärker mit Konzepten zur Selbstorganisation vertraut gemacht würden, um sich im neuen System Schule gut zurechtfinden zu können.”

Neue Ideen für den Vorbereitungsdienst

Referendarinnen und Referendare wünschen sich mehr Raum zum Experimentieren im Referendariat – und dafür weniger Prüfungsdruck in der Ausbildung. Die Akademie Biberkor in Bayern hat das Projekt „Neues Referendariat“ ins Leben gerufen. Seit diesem Schuljahr können hier Absolventinnen und Absolventen des Ersten Staatsexamens ihren Vorbereitungsdienst in zwölf Monaten absolvieren, allerdings ist die Ausbildung bislang noch nicht staatlich anerkannt.

Ein weiteres Projekt in Bayern will Referendarinnen und Referendare fit machen für den Umgang mit digitalen Medien im Unterricht. Bayerische Realschullehrkräfte haben das Programm DiBiS entwickelt. „DiBiS“ steht für „Digitale Bildung in der Seminarausbildung“. Seit 2019 gehört das Programm zu den verbindlichen Ausbildungsinhalten für das Lehramtsreferendariat in Bayern. Die angehenden Lehrkräfte entwickeln hier neue digitale Lernformate, die sie direkt im Unterricht erproben können.

Handwerkszeug für neue Lernformate im digitalen Raum bietet auch das Buch „Hybrid-Unterricht 101. Ein Leitfaden zum Blended Learning für angehende Lehrer:innen“, das sich speziell an Referendarinnen und Referendare richtet.

Lehramtsreferendariat in der Corona-Krise

Die Corona-Pandemie hat auch für Referendarinnen und Referendare viel durcheinandergebracht. Während der Schulschließungen konnten sie keine praktischen Erfahrungen im Präsenzunterricht sammeln. Lange wussten sie nicht, wie sie die erforderlichen Leistungen für das Referendariat erbringen können. In vielen Bundesländern wurde die Zahl der vorgeschriebenen Unterrichtsbesuche für Referendarinnen und Referendare zwar reduziert, und teilweise konnten sie auch durch Unterrichtsentwürfe ersetzt werden. Dennoch haben sich bei vielen die Unterrichtsbesuche nach den Sommerferien geballt, wie eine Referendarin aus Niedersachsen dem Schulportal geschildert hat. Mit ähnlichen Ballungen ist auch nach der zweiten Phase der Schulschließungen zu rechnen.

Für den Einstieg in den Vorbereitungsdienst hat sich die Kultusministerkonferenz schon im vergangenen Jahr darauf verständigt, dass Referendarinnen und Referendare keine Nachteile haben sollen – selbst wenn sich aufgrund der Pandemie Prüfungstermine verschieben sollten.

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