Fortbildungen für Lehrkräfte : Lehrer wollen lernen

Zu wenig, zu kurz, zu flüchtig: Deutschland vernachlässigt die Fortbildung seiner Pädagogen. Das muss sich schnell ändern.

Dieser Artikel erschien am 23.02.2022 auf ZEIT Online
Susanne Lin-Klitzing
Theoretische Fortbildungen reichen nicht. Lehrkräfte müssen auch die Chance haben, das Erlernte auszuprobieren.
Theoretische Fortbildungen reichen nicht. Lehrkräfte müssen auch die Chance haben, das Erlernte auszuprobieren.
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Susanne Lin-Klitzing ist Erziehungswissenschaftlerin an der Universität Marburg und seit 2017 Bundesvorsitzende des Deutschen Philologenverbandes.

Lehrkräfte, so heißt es oft, seien noch nicht im digitalen Zeitalter angekommen. Sie wollten sich nicht fortbilden und verweigerten sich aktuellen Lehrmethoden. Das ist ein unzutreffendes Klischee. Die allermeisten Lehrerinnen und Lehrer stehen Fortbildungen und neuen Erkenntnissen offen gegenüber. Doch es fehlen die richtigen Bedingungen, diese Neugier auch umzusetzen. Der Ball liegt hierbei auf dem Feld der Politik. Sie muss gute, berufsbegleitende und nachhaltige Lehrerfortbildungen anbieten, sie langfristig finanzieren und zudem wissenschaftlich begleiten.

Spätestens seit der ersten international vergleichenden Schulleistungsuntersuchung Timss vor mehr als zwanzig Jahren wissen wir, wie nötig die Lehrerfortbildung ist. Die Digitalisierung, die Entwicklung von künstlicher Intelligenz und nun zuletzt Corona zeigen die Dringlichkeit beispielhaft auf. Seit zwei Jahrzehnten sind die Bildungsministerien aufgerufen, Lehrerfortbildungen in guter Qualität bereitzustellen und es den Lehrkräften zu ermöglichen, unkompliziert daran teilzunehmen. Das ist – abgesehen von wenigen Ausnahmen – bislang nicht passiert.

Fakt ist: Bei Unternehmen wie der Deutschen Bank, BMW oder der Telekom betragen die Kosten für die betriebliche Weiterbildung ihrer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ein Vielfaches von dem, was die Kultusminister der Bundesländer für ihre Lehrkräfte ausgeben. Peter Daschner und Rolf Harnisch kommen in einer Untersuchung aus dem Jahr 2019 mit dem Titel “Lehrerfortbildung in Deutschland. Bestandsaufnahme und Orientierung” zu dem Schluss, dass die Länder im Schnitt pro Jahr und Lehrkraft etwa 173 Euro aufwenden. Zum Vergleich: Privatwirtschaftlichen Unternehmen in Deutschland war die Weiterbildung ihrer Angestellten im Schnitt zwischen 423 und 561 Euro wert.

Doch nicht nur im Vergleich zur Wirtschaft schneiden die Schulen schlecht ab. Die Ausgaben für Lehrerfortbildungen in Deutschland sind wesentlich geringer als in anderen europäischen Ländern. Die Niederlande, die in Bezug auf Größe und Einwohnerzahl mit Nordrhein-Westfalen vergleichbar sind, geben zum Beispiel dreimal so viel aus wie das Kultusministerium in Düsseldorf.

Wirksame Lehrerfortbildungen, die das Lehren und Lernen erkennbar verändern, brauchen zudem Zeit. Sie zeichnen sich durch eine Verbindung von Input, Erprobung in der Schule und Rückmeldung aus – ganz so, wie es auch guter Unterricht in der Schule leisten sollte. Nach einer ersten eher theoretischen Phase müssen die Lehrer und Lehrerinnen Gelegenheit haben, das Neue im Unterricht zu erproben, Erfahrungen zu sammeln und diese – ganz wichtig – dann wieder in der Fortbildungsgruppe zu diskutieren und gemeinsam an Verbesserungen zu arbeiten.

Die derzeit vielerorts noch üblichen Fortbildungen an einzelnen Tagen oder sogar nur an Nachmittagen sind weit von dieser Idealvorstellung entfernt. Eine der wenigen Ausnahmen ist das neue Fortbildungskonzept der Kultusministerkonferenz und des Bundes für das Fach Mathematik. Es ist auf zehn Jahre angelegt. Solche zeitgemäßen, auf Erkenntnissen der Schulforschung basierenden Fortbildungsangebote sind jedoch nicht nur für die Mathematik nötig, sondern in jedem Fach.

Um das zu erreichen, muss geklärt werden, wie groß der Fortbildungsbedarf in den einzelnen Fächern ist und welche Ressourcen dafür zur Verfügung stehen. Diese Ressourcen sind dann zu bündeln und klug einzusetzen, damit Kinder und Jugendliche durch ihre Lehrkräfte auf die Themen der Zukunft vorbereitet werden können. Als Deutscher Philologenverband schlagen wir vor, Bündnisse zwischen Wirtschaft, Wissenschaft, Kultusministerien und Schulen zu schmieden, damit Themen wie KI und Digitalisierung schnell und nachhaltig in die Lehrerschaft gelangen.