Dieser Artikel erschien am 01.03.2019 auf SPIEGEL ONLINE
Autor: Armin Himmelrath

Digitalpakt : Lehrer fühlen sich mit digitalen Medien im Stich gelassen

Bremsen die Lehrer den digitalen Wandel im Klassen­zimmer aus? Nein, sagen viele: Wir würden ja gern anders unterrichten – wenn wir nur könnten.

Digital gestützter Französischunterricht in Lingen (Niedersachsen)
Digital gestützter Französischunterricht in Lingen (Niedersachsen)
©dpa

Lehrer, die sich ans analoge Schulbuch klammern und damit die Digitalisierung des Unterrichts blockieren? Die gibt es zuhauf, jeden­falls aus Sicht der Schul­buch­verlage. Die hatten auf Europas größer Bildungs­messe Didacta zwar jede Menge digitaler Unterrichts­materialien im Gepäck, verkaufen aber vor allem eins: gedruckte Bücher.

Bei höchstens fünf Prozent liegt der Anteil der Schulbücher, die als digitale Werke in den Klassenzimmern landen. Weil sie von den Schulen nicht bestellt werden, sagen die Verlagsvertreter.

Doch viele Lehrkräfte fühlen sich dadurch zu Unrecht als Modernisierungs­verweigerer gebrand­markt. Das zeigen zahl­reiche Zuschriften, die den SPIEGEL in den vergangenen Tagen erreichten.

So nennt Lehrerin Ines Leitz fehlende Geräte und fehlenden technischen Support als Hauptgründe dafür, dass digitale Schul­bücher kaum im Unterrichts­all­tag eingesetzt werden: „Schulen haben niemanden, der sich um ihre digitalen Medien kümmert, sie repariert und wartet. Das machen alles ein paar Lehrer in ihrer Freizeit.“ Wären Tablets flächen­deckend im Einsatz, sei das nicht mehr zu leisten. Die 33-Jährige hat Zweifel, dass der Digital­pakt daran etwas ändert, „denn das wurde ja extra von den Ländern so verhandelt, dass das Bundes­geld nicht für zusätzliches Personal eingesetzt werden darf“.

Außerdem, sagt Ines Leitz, seien viele Angebote der Schul­buch­verlage mangel­haft: Bei manchen Angeboten gebe es „nur eine große Projektion der Schul­buch­seite mit Buttons, um Hör­texte oder Videos abzuspielen.“ Inter­aktive Übungen? Eine Funktion, mit der auf Knopf­druck die richtigen Lösungen zum Vergleichen angezeigt werden? Fehl­anzeige. „Die Verlage müssen da schon noch was Besseres anbieten, um mich zu über­zeugen.“

Schon das Hoch­fahren dauert ewig

Auch ein Lehrer aus Wengen im Ober­allgäu berichtet von frustrierenden All­tags­erfahrungen. „Ich habe mich heute in einem Klassen­zimmer am Schul­rechner angemeldet und nach circa sieben Minuten war der PC fertig, sodass ich zumindest mal auf dem Desktop war“, schreibt er. Die Rettung während der Warte­zeit? Ein gedrucktes Schul­buch, „es über­brückt eine solche Lücke perfekt“.

Natürlich wünsche er sich Smartboards und ein digitales Klassen­zimmer – dafür brauche aber jede Schule auch eine IT-Abteilung. Sollte an seiner Schule mit 100 Kollegen und rund 1000 Schülern flächen­deckender digitaler Unterricht statt­finden, brauche es auch die entsprechende personelle Aus­stattung, um die Technik zu warten und am Laufen zu halten.

Justine Trautmann ist Lehrerin an einer Realschule in Stuttgart, unterrichtet Deutsch, Musik und Kunst. An ihrer Schule seien gerade für viele Tausend Euro neue Schul­bücher gekauft worden, weil ein neuer Bildungs­plan in Kraft getreten ist. Dabei wollten die Pädagogen aber etwas anderes, sagt die Lehrerin im Gespräch mit dem SPIEGEL: „In fast jeder Gesamt­lehrer­konferenz werden Tablets, White­boards oder wenigstens eine zeit­gemäße Aus­stattung des völlig über­alterten Computer­raums gefordert.“

An der Lebens­realität vorbei

Eine Lehrerkonferenz sei aber kein Wunsch­konzert. Und weil die Netz­anbindung der Schule ebenso wie die Ausstattung mit End­geräten nur langsam voran­komme, bliebe es eben vorerst vor allem bei analogen Schul­büchern. Die aller­dings, sagt Justine Trautmann, seien in mancher Hinsicht reform­bedürftig: „Viele Bücher gehen an der Lebens­realität in den Klassen und am Alltag der Schüler vorbei.“ Da werde beispiels­weise das Schreiben eines Unfall­berichts geübt – eine Text­form, die so gut wie nie erforderlich sei. „Und wann werden ‘Simone und Thomas’ mal von ‘Serkan und Sara’ als Schul­buch­figuren abgelöst, weil das viel mehr der Lebens­welt entspräche?“, fragt die Real­schul­lehrerin.

Letztlich aber, betont Trautmann, sei digitales Lehr­material ohnehin keine Garantie für besseren Unterricht: „Der Inhalt muss zum Kind, darum geht es.“ Und wenn sie Studien lese, nach denen Schüler pro Tag bis zu acht Stunden elektronische Medien nutzen, frage sie sich, ob es da nicht besser sei, wenigstens in der Schule ein richtiges Buch anzuschaffen und zu lesen – „das dann zu Hause vielleicht das erste Buch über­haupt ist, das im Regal steht“.

Robert Plötz, Gymnasial­lehrer für Mathematik und Physik in München, würde die fünf­einhalb Milliarden Euro aus dem Digital­pakt gern in Inhalte stecken. „Künstliche Intelligenz in der Lern­soft­ware, das wäre toll“, sagt er: „Ein gut gemachter Vokabel­trainer, der nicht von Google, Apple oder Klett kommt, sondern vom Staat finanziert wird – warum nicht?“

Die Kosten für die Entwicklung guter Lern­soft­ware seien für die Verlage aber vielleicht so hoch. Das könnte eine Aufgabe für die öffentliche Hand sein, und das sogar europaweit, sagt Plötz: „Die Grund­strukturen könnte man von Portugal bis Finnland einsetzen, die Inhalte könnten dann in den Ländern variieren.“ Und wenn das Ganze dann auch noch allen Schüler­innen und Schülern frei zur Verfügung stünde, sei auch digitaler Unterricht als Normal­fall möglich.

Eine Vision ist das, das weiß natürlich auch Robert Plötz. Aber eine, über die es sich nachzu­denken lohnt.