Bildungspolitik : Lehrer brauchen Nachhilfe

Die Weiterbildungen für Pädagogen sind mangelhaft. Zeit, die Hochschulen einzubinden!

Dieser Artikel erschien am 25.11.2020 in DIE ZEIT
Ekkehard Winter
Ekkehard Winter
Ekkehard Winter ist Geschäftsführer der Deutsche Telekom Stiftung.
©Sascha Kreklau/Deutsche Telekom

Wer würde sich freiwillig unter das Messer eines Chirurgen legen, der im Aufklärungs­gespräch zugibt, seine Methoden­kenntnisse seit seiner Fach­arzt­ausbildung vor einem Viertel­jahr­hundert nicht mehr aufgefrischt zu haben? Wer seinen Wagen in eine Werkstatt geben, deren Meister frei­mütig erzählt, mit der Mechanik kenne er sich gut aus, aber diese ganze Elektronik in den Autos heutzutage, die sei zu seiner Lehrzeit noch kein Thema gewesen?

Was im Operationssaal und an der Hebebühne ausgeschlossen scheint, lässt sich anderswo tatsächlich beobachten: in den Klassen­zimmern der Republik. Viele Lehrer sind nicht gut gerüstet für die vielen Heraus­forderungen, vor denen Schule heute steht – sei es mit einer zunehmend heterogenen Schüler­schaft umzugehen oder digital gestützte Unterrichts­methoden umzusetzen.

Das liegt freilich weniger an den Pädagogen selbst als an deren Dienst­herren, den Bundes­ländern. Ihnen ist die berufs­begleitende Weiter­entwicklung ihrer Lehrkräfte offenkundig nicht viel wert. Wie sonst ließe sich erklären, dass die staatlichen Ausgaben für Schule insgesamt zwar deutlich gestiegen sind, jene für die Fortbildung des Personals in den vergangenen Jahren aber sogar zurück­gefahren wurden?

Das System ist nicht nur unterfinanziert, es ist auch ineffizient: Die landes­eigenen Fortbildungs­institute bieten immer noch größten­teils „Kurz­beschallung“ an, obwohl wir aus der Bildungs­forschung wissen, dass eintägige Fortbildungen den Lehrern kaum Nutzen bringen. Statt­dessen bräuchte es länger­fristige Kurse für ganze Lehrer­teams, die nicht nur Input liefern, sondern auch Praxis­anteile einschließen. Ein weiterer Teil des Problems sind die Fort­bildner selbst, die die Länder meist aus erfahrenen Lehrkräften rekrutieren. Dass sie häufig keine Erfahrung in der Erwachsenen­bildung haben, wird dabei ausgeblendet. Es müssten also zunächst die Fortbildner fortgebildet werden; das geschieht aber kaum. Letztlich machen auch viele Schul­leitungen keine gute Figur, begreifen sie doch berufs­begleitendes Lernen oft immer noch nicht als Gemeinschafts­aufgabe des Kollegiums. In den meisten Schulen gibt es keine festen Kooperations­zeiten für Lehrkräfte, in denen diese gemeinsam Unterricht vorbereiten oder größere Themen der Schul­entwicklung angehen könnten.

Wie könnte das Fortbildungswesen also künftig besser wirken? Zum einen durch mehr Austausch der Bundes­länder unter­einander. Immerhin haben die Kultus­minister seit diesem Jahr endlich gemeinsame Eck­punkte zur Lehrkräftefortbildung vorzuweisen. Zum Zweiten durch mehr Geld. Es kann nicht sein, dass, getrieben vom Lehrer­mangel, beinahe sämtliche Anstrengungen in die Erst­ausbildung von Lehr­kräften und die Qualifizierung von Seiten­einsteigern fließen – es jedoch kaum Ressourcen dafür gibt, die bestehenden Kollegien zu professionalisieren. Einmal laden, immer leuchten – das funktioniert nicht. Drittens müssten die Hochschulen stärker an der Lehrer­fortbildung mitwirken, um den Wissens­transfer von der Forschung in die Unterrichts­praxis zu verbessern. Dafür müsste der Staat den Unis Anreize bieten.

Wie dieser Transfer gelingen kann, zeigt das Deutsche Zentrum für Lehrer­bildung Mathematik (DZLM) – ein länder- und hoch­schul­über­greifendes Fortbildungs­zentrum, das Fortbildner und Lehrkräfte evidenz­basiert unter­stützt. Ende 2020 wird das DZLM nach zehn Jahren Finanzierung durch die Telekom Stiftung in die Leibniz-Gemeinschaft übergehen – und damit verstetigt werden. Derweil planen Bund und Länder offenbar ein Fortbildungs­modell für die digitale Bildung, das ganz ähnlich aufgebaut sein könnte. Auch Lehrer müssen lernen, ein Leben lang.