Lehrerausbildung : Wie werden die Lehrkräfte in der Ukraine ausgebildet?

Um ukrainische Lehrkräfte an deutschen Schulen einzusetzen und passende Qualifizierungsprogramme zu entwickeln, ist es wichtig zu wissen, wie die Ausbildung für Lehrerinnen und Lehrer in der Ukraine abläuft. Ivanna Chupak, selbst als Lehrerin für Deutsch und Literatur ausgebildet, ist Projektmanagerin im Referat Kultur und Bildung in der deutschen Botschaft in Kiew und hat dem Schulportal einen Überblick über das Ausbildungssystem für Lehrkräfte und das Lehramtsstudium in der Ukraine gegeben.

Annette Kuhn 02. Juni 2022 Aktualisiert am 15. Juni 2022

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Lehrerin vor einer Klasse
Immer mehr ukrainische Lehrerinnen kommen an den deutschen Schulen an.
©Robert Michael/dpa

Wie läuft das Lehramtsstudium in der Ukraine ab?

Seit 2005 ist die Ukraine Teil des Bologna-Raums, das heißt, die Studiengänge gliedern sich in Bachelor- und Master-Studium. Das gilt auch für das Lehramtsstudium. Es ist aufgeteilt in vier Jahre Bachelor- und zwei Jahre Masterstudium, inklusive Abschlussarbeiten.

Im vierten Jahr des Bachelorstudiums absolvieren die Studierenden ein achtwöchiges Pflichtpraktikum. Im Masterstudium dauert die Praxisphase fast ein Semester.

Wo angehende Lehrkräfte studieren, hängt von der Schulstufe ab. Wer Lehrerin oder Lehrer in der Mittelschule (5. bis 9. Klasse) oder Oberschule (10. bis 11. Klasse) werden will, studiert an einer Universität. Wer an die Grundschule gehen will, studiert an einer pädagogischen Universität. Neben den Grundschullehrkräften werden hier auch Fachkräfte für die Schulpsychologie, die Schulsozialarbeit und den Erzieherberuf ausgebildet.

Welche Inhalte hat das Lehramtsstudium in der Ukraine?

Im Lehramtsstudium für Grundschulen an den pädagogischen Universitäten fokussieren sich die Studierenden nicht auf das Fachliche, sondern der Schwerpunkt liegt vor allem auf Pädagogik, Didaktik und Psychologie.

Wer ein Lehramtsstudium an einer Universität absolviert, um später als Lehrkraft an einer Mittel- oder Oberschule zu arbeiten, muss – anders als in Deutschland – nicht zwei, sondern nur ein Fach studieren, erklärt Ivanna Chupak aus dem Bildungsreferat der deutschen Botschaft in Kiew. Es sei auch üblich, nur ein Fach zu studieren, nur wenige Lehramtsstudierende würden zwei Fächer wählen.

„An den Universitäten liegt der Fokus im Studium vor allem auf dem Fach. Themen wie Pädagogik und Didaktik machen nur etwa 20 Prozent des Studiums aus“, sagt Ivanna Chupak, die selbst ein Studium als Deutschlehrerin absolviert hat. Doch das würde sich jetzt ändern. Grund dafür sei die Schulreform „Neue ukrainische Schule“, die seit 2017 von der Primarstufe aufwärts Klassenstufe für Klassenstufe umgesetzt wird. So ist die Primarstufe inzwischen reformiert, jetzt soll die Reform in der Mittelstufe weitergehen.

Ziel der Schulreform ist eine Modernisierung und eine Angleichung an Schulsysteme anderer Länder. Die Schulzeit soll auf zwölf Schuljahre verlängert und der Lehrplan entschlackt werden. Außerdem soll es viel mehr projektorientierten Unterricht geben. Durch die Schulreform würden sich auch Lehrinhalte im Lehramtsstudium stark verändern, so Ivanna Chupak.

Gibt es in der Ukraine ein Referendariat?

Anders als in Deutschland schließt sich nach dem Studium kein Referendariat oder Vorbereitungsdienst an, sondern die Studienabsolventinnen und -absolventen können direkt in den Lehrerberuf einsteigen. Praxiserfahrungen sollen sie während des Studiums in den Pflichtpraktika sammeln. Außerdem können sie oft schon im letzten Studienjahr des Masterstudiums an Schulen arbeiten, allerdings noch nicht als vollwertige Lehrkraft und auch noch nicht mit vollem Gehalt.

Wie läuft der Berufseinstieg nach dem Lehramtsstudium in der Ukraine?

Wer in der Ukraine nach einem Lehramtsstudium frisch von der Universität oder pädagogischen Universität kommt, soll noch nicht gleich alle Aufgaben in der Schule übernehmen. Berufseinsteigerinnen und Berufseinsteiger werden zum Beispiel möglichst noch nicht als Klassenlehrerinnen oder Klassenlehrer eingesetzt.

Wie qualifizieren sich Lehrkräfte in der Ukraine nach dem Studium weiter?

Für Lehrerinnen und Lehrer in der Schule gibt es eine Fortbildungsverpflichtung. Jedes Jahr müssen sie demnach Fortbildungen besuchen. Aus der Erfahrung von Ivanna Chupak wurden diese Fortbildungen lange eher als lästige Pflicht betrachtet, weil die Inhalte auch wenig attraktiv waren.

Seit der Schulreform „Neue ukrainische Schule“ und einer verstärkten Digitalisierung von Schulen habe sich das aber geändert. Fortbildungen haben einen viel höheren Stellenwert bekommen, weil Lehrkräfte auf neue Unterrichtsmethoden vorbereitet werden. Es gebe auch viele internationale Programme, bei denen ukrainische Lehrkräfte zum Beispiel Unterrichtsmethoden aus Polen, Deutschland oder Finnland kennenlernen könnten.

Gibt es in der Ukraine einen Lehrermangel wie in Deutschland?

„Lehrkräfte verdienen in der Ukraine vergleichsweise wenig“, sagt Ivanna Chupak. Darunter leide die Attraktivität des Lehrerberufs. Da auch Lehrkräfte im Studium ein vollständiges Fachstudium absolvieren, würde ein Mathematiker zum Beispiel nach dem Studium eher versuchen, eine Arbeit in einem Unternehmen als in der Schule zu finden.

Problematisch sei außerdem, dass erst durch die Pandemie und nun durch den Krieg die Zahl der Studierenden eingebrochen sei. Daher wird im ukrainischen Bildungsministerium befürchtet, dass sich dadurch der Lehrermangel in der Ukraine noch weiter verschärfen könnte.