Lehramtsprüfung : Wie geht es jetzt weiter mit dem Referendariat?

Von der Corona-Krise betroffen sind auch die Referendarinnen und Referendare. Sie können derzeit keine Unterrichtserfahrung sammeln und ihre Prüfungen bis zu den Sommerferien nicht wie gewohnt ablegen. Das Schulportal hat recherchiert, wie sich die Krise auf die Ausbildung auswirkt, welche Prüfungsalternativen es jetzt gibt und wie Betroffene die derzeitige Situation erleben.

Annette Kuhn / 05. Mai 2020
junge Lehrerin an der Tafel
Unterricht wie gewohnt wird in den Schulen noch lange nicht stattfinden. Das ist auch für Referendarinnen und Referendare, die jetzt vor ihrer Lehramtsprüfung stehen, eine schwierige Situation.
©picture alliance / Julian Stratenschulte/dpa

Vor einer Woche hätte Miriam Erdlenbruch eigentlich ihre Prüfung zum Zweiten Staatsexamen gehabt. In ihren Fächern Englisch und Spanisch hätte die 28-Jährige an ihrer Ausbildungsschule, einem Gymnasium in Mecklenburg-Vorpommern, zwei Unterrichtsstunden vor der Prüfungskommission abgehalten. Aber die Schule nimmt nach fünf Wochen gerade erst wieder den Präsenzunterricht auf – eine Lehrprüfung kann so nicht stattfinden.

Schon Mitte März, als alle Schulen wegen der Corona-Pandemie ihre Schülerinnen und Schüler nach Hause in den Fernunterricht geschickt hatten, ahnte Miriam Erdlenbruch, dass es mit der Prüfung nichts werden würde. „Aber wochenlang blieb alles in der Schwebe, und wir wissen noch immer nicht genau, wie es weitergeht“, sagt die Referendarin. Während die Abschlussprüfungen der Schülerinnen und Schüler seit Beginn der Krise Thema waren, gab es zu der zweiten Staatsprüfung nach dem Referendariat zunächst wenig Informationen.

Bundesländer wollen Abschlüsse gegenseitig anerkennen

So wie dieser angehenden Lehrerin geht es vielen Referendarinnen und Referendaren. Zunächst war sogar unklar, ob sich der Vorbereitungsdienst, die zweite Phase der Lehramtsausbildung, durch die Schulschließungen gar verlängern würde.

Anfang April kam dann Entwarnung vonseiten der Kultusministerkonferenz. In einer Mitteilung hieß es: „Sollten im weiteren Verlauf des Schuljahres 2019/2020 unterrichtspraktische Prüfungen im Rahmen von Staatsprüfungen in schulischen Lerngruppen nicht oder nicht im geforderten Mindestumfang möglich sein, stehen andere Prüfungsformate beziehungsweise Prüfungsersatzleistungen der gegenseitigen Anerkennung der Abschlüsse zwischen den Ländern nicht entgegen.“

Und weil durch die Schulschließungen die ursprüngliche Zeitplanung für das Referendariat und insbesondere für die Prüfungen oder eben jetzt die Prüfungsalternativen fast überall nicht mehr zu halten ist, wurden die Bewerbungsfristen für offene Lehrerstellen entsprechend nach hinten verschoben.

Es ist natürlich keine adäquate Lösung – aber es ist gut, dass sich alle Bundesländer auf ein ähnliches Verfahren verständigt haben.
Helmut Klaßen, Vorsitzender des Bundesarbeitskreises Lehrerbildung

Wie allerdings die „Prüfungsersatzleistungen“ in den Ländern konkret aussehe, kristallisiert sich erst jetzt heraus. Da reguläre Unterrichtsprüfungen wohl in keinem Bundesland bis zu den Sommerferien mehr stattfinden werden, soll es stattdessen mündliche Prüfungen geben, in denen die Referendarinnen und Referendare eine geplante Unterrichtsstunde präsentieren. Das Kultusministerium in Baden-Württemberg hat schon Anfang April in einer Mitteilung diese alternative Prüfung konkret beschrieben: „Das Prüfungsformat wird sich inhaltlich und auch vom Ablauf her an der ursprünglichen Lehrprobe orientieren und analog zu einer Unterrichtsstunde 45 Minuten dauern.“

Helmut Klaßen, der Vorsitzende des Bundesarbeitskreises (bak) Lehrerbildung, der Interessenvertretung aller Beschäftigten in der zweiten Phase der Lehrerausbildung, begrüßt diese Alternative: „Es ist natürlich keine adäquate Lösung – aber es ist gut, dass sich alle Bundesländer auf ein ähnliches Verfahren verständigt haben und die Abschlüsse gegenseitig anerkennen.“ Eine Verlängerung des Referendariats wäre aus seiner Sicht auch nicht infrage gekommen, „weil dann ja zu den Hunderten Referendaren aus diesem Schuljahr Hunderte dazukommen würden, die im neuen Schuljahr mit dem Vorbereitungsdienst beginnen“. Das könnten die Schulen nicht leisten, sagte Klaßen.

Wir brauchen ja alle Referendare, die jetzt ihre Ausbildung abschließen – sie sind für das neue Schuljahr fest eingeplant.
Bildungsforscher Klaus Klemm

Bildungsforscher Klaus Klemm, einer der erfahrensten Experten für den Lehrerarbeitsmarkt, ergänzt dazu auf Nachfrage des Schulportals: „Wir brauchen ja alle Referendare, die jetzt ihre Ausbildung abschließen – sie sind für das neue Schuljahr fest eingeplant.“ Der Bedarf an Lehrkräften sei auch mit diesen Absolventinnen und Absolventen nicht zu decken – und ohne sie schon gar nicht. Den Nachteil, der entstehe, wenn die Referendarinnen und Referendare weniger Unterrichtserfahrung sammeln und ihr Referendariat nicht wie vorgesehen abschließen könnten, schätzt er eher gering ein, „insbesondere wenn man bedenkt, dass die Quer- und Seiteneinsteiger meist noch viel weniger Lehrerfahrungen mitbringen“.

Auch Miriam Erdlenbruch wird nun ihr Referendariat mit einer mündliche Präsentation abschließen. Ab Mitte Mai sollen diese alternativen Prüfungen in Mecklenburg-Vorpommern starten. Wann sie dran sein wird, weiß die Referendarin noch nicht. Die angehende Gymnasiallehrerin sieht ihrer Zukunft trotz der momentanen Unsicherheit aber recht entspannt entgegen: „Ich fühle mich gut vorbereitet auf die Arbeit als Lehrerin, auch wenn mir jetzt natürlich Unterrichtspraxis fehlt.“ Alle für das Referendariat notwendigen Seminare hatte sie bis zum Corona-Lockdown schon abgeschlossen.

Von acht vorgesehenen Lehrproben kann nur eine stattfinden

Anders sieht es bei den Referendarinnen und Referendaren aus, die noch mitten im Referendariat sind. Alina Chmelik zum Beispiel hat in der ersten Februarwoche an einem Gymnasium in Niedersachsen ihren Vorbereitungsdienst begonnen, war aber bislang nur knapp sechs Wochen an der Schule, bevor diese geschlossen wurde. Bis zu den Sommerferien waren eigentlich acht Unterrichtsbesuche bei ihr vorgesehen, also Unterrichtsstunden, die von der Fachleitung oder der pädagogischen Leitung begutachtet werden.

Auf drei Unterrichtsbesuche, die vor den Osterferien geplant waren, hatte sie sich bereits vorbereitet, tatsächlich gab es für die angehende Gymnasiallehrerin für Erdkunde und Deutsch aber bislang nur einen Termin. Wie sie die bis zu den Sommerferien verbleibenden sieben Termine nachholen soll oder ob die Anzahl aufgrund der Situation im Referendariat reduziert wird – sie weiß es noch nicht. Ende April hat sie erfahren, dass Unterrichtsbesuche ab 4. Mai wieder stattfinden könnten, aber Alina Chmelik hält das für schwer umsetzbar, weil ja noch nicht einmal klar sei, wann die Jahrgänge 5 bis 8 an die Schulen zurückkehren. „Außerdem ist man ja auch in seiner Methodenfreiheit durch die Abstandsregeln sehr eingeschränkt, man muss doch erst mal sehen, wie sich der Unterricht in dieser Situation einpendelt“, sagt sie.

Lehramtsstudium bereitet kaum auf den digitalen Unterricht vor

Denkbar wäre für sie zwar auch, sich im digitalen Unterricht zu zeigen, aber das sei in ihrem Seminar als Alternative zum Unterrichtsbesuch nur sehr eingeschränkt möglich. Außerdem sei sie durch das Studium darauf auch kaum vorbereitet, bedauert die Referendarin Alina Chmelik.

Eine Einschätzung, die auch Helmut Klaßen im Gespräch mit dem Schulportal teilt: „Die Lehramtsanwärter bringen heute zwar schon etwas mehr Kenntnisse aus dem Studium mit als noch vor zwei Jahren, aber das ist noch sehr ausbaufähig.“ Sie seien daher ähnlich ins kalte Wasser geworfen worden wie alle anderen Lehrkräfte. Jetzt werde zwar viel mit den unterschiedlichsten Tools und Plattformen gearbeitet, aber oft ohne technische Einweisung und vor allem ohne eine didaktische Reflexion zum Fernunterricht. Klaßen hofft allerdings, dass die Krise hier endlich für einen Schub auch im Lehramtsstudium sorgen wird.

Offener Brief will Denkanstoß für das Referendariat geben

Einen Schub wünscht sich auch Thomas Ahnfeld , der gerade sein Referendariat in Thüringen beendet. Er hat bereits Anfang März seine Examensprüfung abgelegt und absolviert Anfang Mai seine mündliche Prüfung. Auch wenn ihn die Schulschließungen in seiner Ausbildung nicht mehr unmittelbar betreffen, kritisiert er, dass die jetzige Situation vom Festhalten an Regularien bestimmt wird: „Die ganze Zeit seit der Schulschließung dreht es sich nur um Prüfungen, um die Planung der Prüfungen und um Noten.“

Der 33-jährige angehende Gymnasiallehrer für Sport und Spanisch, der zum Team des Regionalbüros des Deutschen Schulpreises in Jena gehört und das Planspiel Gute Schule mitentwickelt hat, hätte sich gewünscht, dass die Krise stärker zu einem Aufbruch, zu einem Überdenken der Lern- und Lehrstrukturen anregt. Darum hat er vor zwei Wochen einen offenen Brief an das Studienseminar geschrieben, in dem er Denkanstöße für die zukünftige Gestaltung des Unterrichts und für das Referendariat formuliert.