Dieser Artikel erschien am 11.08.2019 in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung
Autorin: Anke Schipp

Späterer Schulbeginn : Lasst die Kinder schlafen!

Seit Jahren wird über einen späteren Unterrichts­beginn an Schulen diskutiert. Vieles spricht dafür. Aber es gibt auch ein Argument dagegen.

Schüler schläft auf Schultisch
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Es ist 6.45 Uhr. Der Wecker hat schon zweimal geklingelt. „Aufstehen!“ Nichts tut sich. 6.55 Uhr. „Raus aus den Federn!“ Keine Reaktion. 7.05 Uhr. „Jetzt reicht’s! Steh sofort auf, du kommst sonst zu spät zur Schule!“

Ein ganz normaler Morgen in Tausenden von deutschen Haushalten. Der Sohn oder die Tochter kommt nicht aus dem Bett, ist übermüdet, schlurft schweigend in die Küche und geht unmotiviert aus dem Haus zur Schule. Eltern haben sich daran gewöhnt. Man hält es für eines der vielen unangenehmen Begleit­symptome der Pubertät. Ein schlecht­gelaunter, unaus­geschlafener Teenager gehört halt dazu. Doch es gibt auch eine immer größer werdende Gruppe von Menschen, dazu gehören Forscher ebenso wie Bildungs­experten, die sagen, dass es nicht so sein müsste. Und dass wir dem ausreichenden Schlaf unserer Kinder eine größere Auf­merksamkeit schenken sollten. Ein späterer Unterrichts­beginn an der Schule könnte eine Lösung sein.

Aber das Umdenken verläuft zäh. Langes Schlafen gilt in Deutschland immer noch für viele als ein Ausweis für Faulheit. Aurora habet aurum in ore – „Morgen­stund hat Gold im Mund“ ist ein beliebtes Sprich­wort, genauso wie „Der frühe Vogel fängt den Wurm“. Wer früh aufsteht, leistet mehr, glaubt man in einer leistungs­orientierten Gesellschaft. Menschen, die mit nur fünf Stunden Schlaf auskommen, werden bewundert. Anderer­seits gibt es in Zeiten von Acht­samkeit und Work-Life-Balance zunehmend die Auffassung, dass der Schlaf nicht ein Automatismus ist, der einfach so kommt, sondern etwas, mit dem man sorgsam umgehen muss, der ein wesentlicher Bestand­teil eines gesunden Lebens ist und der umgekehrt, wenn er dauer­haft zu kurz ausfällt, krank machen kann.

Dass das bei Kindern schon so ist, haben Wissenschaftler des Forschungs­zentrums Demographischer Wandel an der Frankfurt University of Applied Sciences heraus­gefunden. Im Rahmen einer Längs­schnitt­studie zum Thema „Gesund­heits­verhalten und Unfall­geschehen im Schul­alter“, die von der Deutschen Gesetzlichen Unfall­versicherung gefördert wurde, wurden seit 2013 insgesamt 10.000 Schüler der fünften Klasse in 14 Bundes­ländern einmal jährlich nach ihrem Schlaf­verhalten befragt. Das Ergebnis der Studie, die Anfang des Jahres veröffentlich wurde, zeigte, dass Kinder und Jugendliche, die zu wenig schlafen, unkonzentriert sind und ein höheres Verletzungs­risiko haben. „Wir konnten nach­weisen, dass Kinder, die weniger als acht Stunden schlafen, eine Verletzungs­quote von 24 Prozent haben“, erläutert Andreas Klocke, Professor für Allgemeine Soziologie am Frankfurter Forschungs­zentrum, der die Studie leitete. Bei einem Schlaf von acht oder mehr Stunden seien es dagegen 19 Prozent.

überrascht war Klockes Team auch darüber, wie stark sich der Schlaf mit den Jahren bei den Schülern reduziert. Nach einer Empfehlung der amerikanischen National Sleep Foundation sollten Kinder in diesem Alter mindestens acht Stunden schlafen. „Wir konnten sehen, dass das in der fünften und sechsten Klasse noch gut klappt. Wenn sie elf, zwölf und 13 Jahre alt sind, sind es weit über 90 Prozent, die mindestens acht Stunden schlafen“, sagt Sven Stadt­müller, der an der Studie mit­gearbeitet hat. „Das reduziert sich dann deutlich: In der achten Klasse sind es nur noch 70 Prozent, die diese acht Stunden geschlafen haben. Und in der neunten Klasse ist es gerade noch etwas mehr als die Hälfte, die mehr als acht Stunden schläft.“

Viele Jugendliche schlafen zu wenig

Schlafforscher Ingo Fietze, Professor im Schlaf­medizinischen Zentrum der Berliner Charité, glaubt, dass Jugendliche, die eigentlich 8,5 bis 9 Stunden Schlaf brauchten, aber schon nach 6 oder 7 Stunden aufstehen müssten, tags­über mental nicht leistungs­fähig seien. „Außer­dem geht Schlaf­mangel auf das Gemüt. Und wenn das dauerhaft so ist, leiden die schulischen Leistungen.“

Natürlich könnten Eltern versuchen, die Jugendlichen früher ins Bett zu schicken, was per se nicht immer von Erfolg gekrönt ist, denn oft haben sie schlicht­weg keine Lust dazu. Und dann gibt es noch die innere Uhr. „Ab dem 13. und 14. Lebens­jahr haben sie tatsächlich einen um ein bis zwei Stunden nach hinten verschobenen Rhythmus“, sagt Fietze. „Sie werden dann eher zum Erwachsenen­schläfer.“ Weshalb ein früheres Zubett­gehen nicht unbedingt zum Erfolg führt: „Wenn ein Jugendlicher um 22 Uhr ins Bett geht und nicht einschlafen kann, dann ist möglicher­weise sein Biorhythmus so verschoben, dass er erst um 23 oder 24 Uhr müde wird.“

Hinzu komme, dass Eltern selbst immer später zu Bett gingen und zu kurz schliefen. Dieses Verhalten lebten sie den Kindern vor und seien damit oft schlechte Vorbilder. Fietze ist deshalb auch für eine Verschiebung des Unterricht­beginns. Das sei vermutlich einfacher, als den Kindern beizu­bringen, dass sie früher ins Bett gehen sollen, „es sei denn, irgend­jemand schafft es, das Thema im Internet so viral gehen zu lassen, dass es alle schick finden, um 22 Uhr ins Bett zu gehen“.

Besonders qualvoll ist der Schul­start um 8 Uhr oder noch früher für die sogenannten Spät­auf­steher unter den Jugendlichen, die morgens besonders schwer aus dem Bett kommen. „Sie sind gegenüber den Früh­auf­stehern strukturell benachteiligt“, sagt Soziologe Klocke. „Sie starten sozusagen mit einem Handicap in den Tag und tragen damit auch ein höheres Verletzungs­risiko, da sie unserer Studie zufolge häufiger gereizt und unkonzentriert sind, was wiederum häufiger zu Verletzungen führt.“ Jugendliche, die morgens ungern aufstehen, scheinen die Mehrheit zu sein: In der Befragung gaben 59 Prozent der Jugendlichen an, Spät­auf­steher zu sein, 27 Prozent sahen sich als Früh­auf­steher, und der Rest war unentschieden.

Eine halbe Stunde länger schlafen können Schüler am Rosa-Luxemburg-Gymnasium in Berlin. Vor 13 Jahren veränderte die Schule nicht nur das starre System der 45-Minuten-Schul­stunde, sondern führte auch einen neuen Start in den Tag ein: Im Regel­fall beginnt der Unterricht um 8.35 Uhr. „Die Schüler erleben einen Schul­all­tag entsprechend ihres Biorhythmus“, sagt Schul­leiter Ralf Treptow. Aus seiner Sicht hat sich das Konzept in vollem Umfang bewährt. Festmachen könne er das an einem einzigen Fakt: „Wir haben die Umstellung 2006 vollzogen. Wir sind eine sehr diskussions­freudige Schule, in der ständig Anträge in die Schul­konferenz eingereicht werden. Es gab in den letzten 13 Jahren keinen einzigen Antrag, der den späteren Schulbeginn wieder rück­gängig machen wollte. Das ist nie diskutiert worden.“ Auch bei einer großen Evaluation im Jahr 2009 zu den Veränderungen an der Schule, bei der zirka 1000 Schüler befragt wurden, habe es keine negativen Äußerungen gegeben, „sondern fast nur euphorische Zustimmung“, sagt Treptow.

Was also spricht dann überhaupt gegen einen späteren Unterrichts­beginn? Ein wichtiges Argument ist, dass der Nach­mittag für die Schüler zu lange werden könnte, wenn sich alles nach hinten verschiebt. Während die Lehrer­verbände fürchten, dass die Kinder nach der Mittags­pause nicht mehr konzentriert genug wären, sehen die Schüler einen drohenden Verlust an Freizeit in den Nach­mittags­stunden.

Das ist auch das Ergebnis einer weiteren Befragung des Frankfurter Forschungszentrums Demographischer Wandel, die dieser Zeitung exklusiv vorliegt. Die Forscher haben dazu im Schuljahr 2018/19 knapp 8000 Schüler in der gesamten Bundes­republik befragt, mit der Ausnahme von Bayern und Hamburg, die nicht an der Studie teilnehmen. Ihre erste Frage war: Wann hättest du gerne, dass die Schule beginnt, wenn du einen sechs­stündigen Schul­tag hast? Die Mehrheit, nämlich 52 Prozent, spricht sich gegen eine Verschiebung der Unterrichts­zeit nach hinten aus, wenn der Schul­tag sechs Schul­stunden vorsieht. Noch deutlicher fällt das Stimmungs­bild aus, wenn die Schüler nach der bevorzugten Unterrichts­zeit an einem Schul­tag mit acht Schul­stunden gefragt werden: 69 Prozent wählten hier die Option „von 8 bis 15 Uhr“, nur rund 22 Prozent sprachen sich für das Zeit­fenster von 9 bis 16 Uhr aus.

Allerdings gibt es einen Unterschied zwischen den Früh- und den Spät­auf­stehern: „Da müssen wir fest­halten, dass an den kürzeren Schul­tagen die Früh­auf­steher eher für den 8-Uhr-Termin und die Spät­auf­steher eher für einen späteren Termin sind“, sagt Andreas Klocke. Anders sieht es bei den langen Schul­tagen aus, in denen Kinder acht Stunden Schule haben. „Da zeigt sich sehr deutlich, dass selbst die Spät­auf­steher mehr­heitlich der Meinung sind, dass die Schule um 8 Uhr anfangen sollte. Obwohl es ihnen sicher morgens schwer­fällt, wären sie nicht bereit, dafür nachmittags länger in der Schule zu bleiben. Das haben wir in dieser Deutlichkeit nicht erwartet.“

Der Nachmittag ist den meisten Schülern heilig

An der Rosa-Luxemburg-Schule in Berlin wird der verkürzte Nachmittag nicht als Problem gesehen. „Den Schülern ist klar, dass das eine das andere bedingt“, sagt Schul­leiter Treptow. Zudem sei es ein Vorteil der Stadt, dass die Sport­vereine wohn­ort­nah seien und man sie gut erreichen könne. „Es gibt hier keinen, der sagt: Weil ich so spät Unterricht habe, schaffe ich bestimmte Nach­mittags­angebote nicht.“

Aber das Dilemma bleibt: Ein späterer Unterrichts­beginn wäre eine Stell­schraube, um dem Schlaf­mangel vieler Jugendlicher zu begegnen. Forscher der Universität Washington haben bei einem Pilot­projekt an ausgewählten Schulen heraus­gefunden, dass Kinder bei einem späteren Schul­beginn tatsächlich eine Stunde länger geschlafen haben. Sie sind nicht später ins Bett gegangen.

Dem gegenüber steht die ablehnende Haltung der deutschen Schüler, die nachmittags lieber ihren Hobbys nach­gehen wollen – oder einfach nur mit oder ohne Handy abhängen möchten, ein Privileg, das es in vielen Nachbar­ländern nicht gibt, denn in Frankreich und Groß­britannien etwa ist Nachmittags­unterricht der Regelfall. Gut möglich, dass mit dem Ausbau der Ganz­tags­schulen in Deutschland ein Umdenken statt­findet, denn schon jetzt haben viele dieser Schulen, von denen ein großer Teil Privat­schulen sind, den Unterricht längst über den Tag bis in den Nachmittag hinein verteilt.

An staatlichen Schulen ist der späte Unterrichtsbeginn noch die Ausnahme. Bundes­länder wie Nordrhein-Westfalen und Nieder­sachsen stellen ihren Schulen frei, mit dem Unterricht auch zu einer späteren Uhrzeit zu beginnen, genauso Berlin. Trotzdem ist in der Haupt­stadt die über­wiegende Mehrheit der Schulen bei der 8-Uhr-Regelung geblieben. Warum das so ist, darüber kann Schul­leiter Treptow nur Mut­maßungen anstellen. In Berlin sei der Ablauf des Unterrichts­tages eine Angelegen­heit der Schul­konferenz, in der Lehrer-, Eltern- und Schüler­vertreter sitzen. „Diese müssen bei solch einer einschneidenden Veränderung einbezogen werden. Insgesamt ist das ein sehr aufwendiger Meinungs­bildungs­prozess an einer Schule; möglicher­weise ist es so, dass dieser Diskussions­prozess an Schulen, an denen Einzelne vielleicht mit einem späteren Unterrichts­beginn liebäugeln, nicht in vollem Umfang voll­zogen wird.“

Die Debatte über einen späteren Unterrichts­beginn könnte aber spätestens 2021 wieder an Fahrt gewinnen, falls in der EU die Sommer­zeit auch für den Herbst und Winter eingeführt wird. Abends bliebe es länger hell, und morgens ginge die Sonne an den kurzen Tagen erst nach 9 Uhr auf. Die Jugendlichen würden erst am Ende der zweiten Schul­stunde das Tages­licht sehen.

Bis dahin bleibt nur der Appell an die Teenager: Geht früher ins Bett! Wissenschaftler Klocke glaubt, dass das Thema auch stärker ins Bewusst­sein der Eltern getragen werden müsste. „Ich bin mir sicher, dass viele Eltern gar nicht vermuten, dass ein Abend, der erst um 23 oder 24 Uhr zu Ende geht, nicht adäquat ist.“