KMK-Präsidentin Karin Prien : „Schulen brauchen mehr Autonomie“

Für das Jahr 2022 hat Karin Prien (CDU), die Bildungsministerin von Schleswig-Holstein, die Präsidentschaft der Kultusministerkonferenz übernommen. Sie stellt ihre Amtszeit unter das Motto „Lernen aus der Pandemie“. Das Schulportal traf die Ministerin vor der Amtseinführung am 13. Januar in Berlin und sprach mit ihr darüber, welche Ziele sie sich für ihre Präsidentschaft gesetzt hat, was Schulen in der Pandemie brauchen, wieso eine engere Zusammenarbeit zwischen Bund und Ländern nötig ist und wie die Abschlussprüfungen in diesem Jahr laufen sollen.

Annette Kuhn 13. Januar 2022 Aktualisiert am 14. Januar 2022
Karin Prien KMK-Präsidentin
Karin Prien (CDU), Bildungsministerin von Schleswig-Holstein, ist für das Jahr 2022 Präsidentin der Kultusministerkonferenz.
©Marcus Brandt/dpa

Deutsches Schulportal: Sie stellen Ihre Präsidentschaft unter das Motto „Lernen aus der Pandemie“. Was wollen Sie konkret erreichen?
Karin Prien: Wir haben Schule in den vergangenen zwei Jahren ganz anders gestalten müssen als zuvor – zeitweise in Distanz- und im Wechselunterricht, mit dem Einsatz von digitalen Medien und Instrumenten und mit in Teilen neuer Didaktik. Jetzt müssen wir schauen, was sich bewährt hat und was wir mit in die Zukunft nehmen. Für diesen Prozess möchte ich mit meiner Präsidentschaft Impulse geben.

Sie betonen immer wieder, wie wichtig der Präsenzunterricht ist. Worauf kommt es aus Ihrer Sicht vor allem an, um den Präsenzbetrieb trotz der Omikron-Welle aufrechterhalten zu können?
Die Notwendigkeit des Präsenzunterrichts ergibt sich vor allem aus den psychosozialen Folgen, die Kinder und Jugendliche in der Pandemie erfahren haben. Schule ist gleichermaßen Lebens- und Lernort für Kinder und Jugendliche. Omikron ist zwar nach allem, was wir wissen, ansteckender als die bisherigen Varianten, aber der Krankheitsverlauf und die Symptome sind auch milder. Deshalb halte ich es auf jeden Fall für verantwortbar, den Präsenzunterricht fortzusetzen – natürlich unter verstärkten Hygienemaßnahmen. Dazu gehört an allererster Stelle die Maske. Dazu gehören aber auch Lüftungskonzepte, Kohortenregeln und ein intensives Testregime, das uns ermöglicht, Infektionsketten früh zu unterbrechen.

Erleichterungen auch für Abschlussprüfungen 2022 geplant

In dem kurz vor Weihnachten getroffenen KMK-Beschluss zu den Abschlussprüfungen 2021/22 heißt es: „Dabei können Prüfungen in geschlossenen Schulen stattfinden, sofern es keine entgegenstehenden Landesregelungen gibt.“ Rechnen Sie doch mit Schulschließungen in diesem Schuljahr?
Bei dem Beschluss, den wir vor Weihnachten gefasst haben, handelt es sich im Kern um den gleichen Beschluss, den wir schon in den vergangenen beiden Schuljahren gefasst haben. Es ist ein Vorratsbeschluss, der insbesondere auf die gegenseitige Anerkennung der Abschlüsse zielt. Dabei hat die Erfahrung aus den vergangenen beiden Prüfungsdurchläufen gezeigt, dass die Situation in den Bundesländern ganz unterschiedlich sein kann. Aber selbst unter extremen Lockdown-Bedingungen konnten und können wir alle Prüfungen in Präsenz durchführen.

Wird es für die Abschlussprüfungen in diesem Schuljahr wieder die Anpassungen und Erleichterungen geben, die es 2020 und 2021 gab? Kann es auch eine Option sein, die Prüfungen wegen der Corona-Pandemie in diesem Jahr abzusagen?
Das haben wir schon 2020 verworfen, und ich sehe auch überhaupt keine Veranlassung, dass die Entwicklung in diese Richtung gehen könnte. Es ist eben doch von herausragender Bedeutung, dass Jugendliche die Chance bekommen, ihr in der gesamten Schulzeit erworbenes Wissen in einer Prüfung darstellen zu können und dafür eine Wertschätzung zu bekommen. Und wir wollen auch dieser Schülergeneration die Möglichkeit eröffnen, alle Anschlüsse zu Ausbildung und Studium regulär zu erreichen. Der Vorratsbeschluss steckt den Rahmen ab, in dem sich die Länder bewegen und in entsprechenden Regelungen anpassen können. In Schleswig-Holstein wird sich das im Rahmen dessen bewegen, was wir in den vergangenen zwei Jahren an Erleichterungen angeboten haben. Es gibt Dinge, die sich bewährt haben, und welche, die sich weniger bewährt haben.

Jedes Land ist aufgefordert, seinen eigenen Notfallplan zu machen.

Welche Dinge sind das?
Bewährt haben sich zum Beispiel Maßnahmen zur gezielten Vorbereitung auf die Prüfungen und eine Verlängerung der Prüfungsdauer. Weniger bewährt hat sich die größere Auswahl an Prüfungsaufgaben, das war eher belastend für Schülerinnen und Schüler. Nicht bewährt hat sich auch die Streichung von mündlichen Sprachprüfungen. Das haben wir gemacht, um einen Termin weniger zu haben, aber Schülerinnen und Schüler schätzen diese Prüfungen. Es wird also schon Veränderungen zum Vorjahr geben.

In den kommenden Wochen ist wegen der Omikron-Welle mit einem massiven Ausfall von Lehrkräften zu rechnen. Bislang haben nur wenige Länder einen Notfallplan vorgelegt, wie dann bei der Unterrichtsgestaltung vorzugehen ist. Sollte die KMK hier Vorgaben machen?
Wir haben mit unseren Beschlüssen in den vergangenen zwei Jahren einen Rahmen geschaffen. Darüber hinaus ist jedes Land aufgefordert, seinen eigenen Notfallplan zu machen. In Schleswig-Holstein haben die Schulen schon vor den Sommerferien mit einem Rahmenplan den Auftrag erhalten, für alle Eventualitäten einen Plan zu entwerfen und diesen nicht nur im Kollegium zu entwickeln, sondern auch in der Schulkonferenz den Eltern vorzustellen. Dieser Plan sollte auch beinhalten, wie mit einem möglichen Distanz- oder Wechselunterricht umzugehen ist, wie Schülerinnen und Schüler erreicht werden und wie die Struktur des Tages aussieht. Der Eindruck ist nicht richtig, dass Schulen nicht vorbereitet sind.

Wenn es aber darum geht, Lernrückstände aufzuholen, geht das am besten in der Schule, und zwar während der Unterrichtszeit.

Muss es nicht Mindeststandards für den Distanzunterricht geben?
Ja, Mindeststandards braucht es. Aber der Mindeststandard heißt nicht: mindestens fünf Stunden Videokonferenz am Tag. Es geht darum, auch beim Distanzunterricht die Tiefendimension des Lernens zu erreichen. Das ist vor allem eine Frage des methodischen und didaktischen Instrumentenkastens. Schulen müssen hier eigene Konzepte und Profile entwickeln, wie sie es auch vorher getan haben. In der Pandemie meinen aber plötzlich alle, es gäbe den einen Masterplan, nach dem man überall Schule machen muss. Ich halte das für einen Irrglauben.

Ein halbes Jahr nach dem Start üben Lehrerverbände und Gewerkschaften Kritik am Corona-Aufholprogramm. Es fehle an Personal, und die Maßnahmen würden nicht fruchten. Sind Sie zufrieden mit dem Corona-Aufholprogramm?
Erstmal sollten wir den ersten Bericht der Länder an den Bund, der für März verabredet ist, abwarten. Ich finde es sehr schwierig, ohne Evaluation über die Wirksamkeit des Programms Aussagen zu treffen. Aber es hat sich schon gezeigt, welche Art von Maßnahmen am besten wirkt.

Lehrermangel steht auf der Agenda der KMK-Präsidentin Karin Prien

Welche sind das?
Um die psychosozialen Themen zu bearbeiten, waren die Ferienmaßnahmen wichtig. Sie haben bewirkt, Kindern wieder Spaß am Lernen zu vermitteln und sich in der Gruppe zu bewegen. Wenn es aber darum geht, Lernrückstände aufzuholen, geht das am besten in der Schule, und zwar während der Unterrichtszeit. Die Differenzierung des Unterrichts durch zusätzliches Personal, das kleinere Lerngruppen ermöglicht, ist ein guter Weg. Die zweite Wahl sind dann die additiven Angebote am Nachmittag. Aber auch sie sollten in enger Verzahnung mit Schule stattfinden.

Ich halte eine engere Zusammenarbeit zwischen den Ländern für unbedingt erforderlich.

Angesichts des großen Lehrermangels ist es aber schwierig, jetzt zusätzliches Personal an die Schulen zu bekommen. Wie wollen Sie das Thema als KMK-Präsidentin angehen?
Schon vor der Pandemie haben sich die Länder in der Ländervereinbarung dazu verpflichtet, jeweils so viele Lehrkräfte auszubilden, wie sie perspektivisch brauchen. Zum ersten Mal sind die Länder diese Verpflichtung eingegangen. Auch wenn viele Länder diese Verpflichtung bisher nicht erfüllt haben, müssen sich alle darüber Gedanken machen, wie sie dieses Ziel erreichen.

Die Pandemie ist dabei eine Chance, weil sie deutlich gemacht hat, welche große gesellschaftliche Bedeutung gut ausgebildete und genügend Lehrkräfte haben. Es ist also ein qualitatives und eine quantitatives Thema. Im Rahmen meiner Präsidentschaft werden wir uns vor allem mit der qualitativen Seite beschäftigen. Da geht es zum Beispiel um die Frage, wie wir Quer- und Seiteneinsteigerinnen und -einsteiger qualifizieren, damit sie neben den grundständig ausgebildeten Lehrkräften über hinreichende Kompetenzen verfügen. Dazu wird es auch in diesem Jahr Empfehlungen von der KMK geben.

In der Corona-Pandemie hat sich gezeigt, wie schwierig es ist, in der Schulpolitik verbindliche Kriterien für alle Länder festzulegen, die dann auch eingehalten werden. Wünschen Sie sich eine engere Zusammenarbeit zwischen den Ländern und auch zwischen Bund und Ländern?
Ich halte eine engere Zusammenarbeit zwischen den Ländern für unbedingt erforderlich. Wir haben schon große Schritte gemacht mit der Ländervereinbarung, wo wir uns zum Beispiel auf vergleichbare Rahmenbedingungen beim Abitur verständigt haben und auf mehr als 20 weitere politische Vorhaben. Aber wir werden die Zusammenarbeit noch intensivieren müssen, zum Beispiel wenn es um digitale Lernplattformen oder den Einsatz von KI in der Schule geht. Es macht keinen Sinn, wenn Länder hier allein agieren, und es ist auch zu teuer.

Es gibt aber auch Themen wie die Digitalisierung, wo es eine gesamtstaatliche Verantwortung gibt. Da muss die Zusammenarbeit zwischen Bund, Ländern und Kommunen neu strukturiert werden – mit Blick auf die Aufgabenverteilung, aber auch mit Blick auf die Finanzierung. Der Digitalpakt ist in der Umsetzung nicht durchdacht und nicht effizient. Die Mittel aus dem Digitalpakt fließen zu langsam ab.

Mehr Raum fürs Experimentieren – aber mit „Output-Kontrolle“

Brauchen Schulen mehr Eigenverantwortung?
Wir müssen jetzt vor allem die Debatte führen, wie Schulen zukünftig gesteuert werden sollen. Das wird auch ein Thema meiner Präsidentschaft sein. Meine feste Überzeugung ist: Schulen brauchen mehr Autonomie, und sie müssen mehr experimentieren können – auch wenn es darum geht, die Lehren aus der Pandemie zu ziehen und umzusetzen. Aber das geht natürlich nur mit einer Output-Kontrolle. Es kann nicht jeder machen, was er will. Man muss zum Beispiel Parameter festlegen, wie Schulen mit Lernstandserhebungen und Daten umgehen. Zugleich muss man Schulen aber auch differenziert betrachten, weil sie ganz verschiedene Herausforderungen zu meistern haben.

Zur Person

  • Karin Prien (CDU) ist seit 2017 Ministerin für Bildung, Wissenschaft und Kultur des Landes Schleswig-Holstein.
  • 2022 ist sie Präsidentin der Kultusministerkonferenz. Schleswig-Holstein hat damit zum fünften Mal die Präsidentschaft der KMK übernommen.
  • Im Wahlkampf zur Bundestagswahl 2021 hatte der CDU-Kanzlerkandidat Armin Laschet die Politikerin aus Schleswig-Holstein in sein „Zukunftsteam“ gewählt.
  • Karin Prien ist seit 1981 Mitglied der CDU. 2011 wurde sie in die Hamburgische Bürgerschaft gewählt und war dort schulpolitische Sprecherin der CDU-Bürgerschaftsfraktion.
  • Sie hat Rechts- und Politikwissenschaften studiert und als Fachanwältin für Handels- und Gesellschaftsrecht gearbeitet.