100 Tage im Amt : Bernd Sibler: „Zuhören, aufnehmen, nachdenken“

Die 100-Tage-Schonfrist für den neuen bayerischen Kultusminister Bernd Sibler ist vorbei – Grund genug, sich die Arbeit des CSU-Politikers genauer anzusehen. Das Schulportal hat den Staatsminister einen Tag lang 450 Kilometer quer durch Bayern begleitet und dabei interessante Einblicke in seinen Politikstil bekommen.

Florentine Anders / 28. Juni 2018
Der bayerische Kultusminister Bernd Sibler (CSU) sucht den Kontakt zu den Schulen vor Ort - hier beim Projekt "BallHelden" an der Grundschule Schwarzenfeld.
Der bayerische Kultusminister Bernd Sibler (CSU) sucht den Kontakt zu den Schulen vor Ort - hier beim Projekt "BallHelden" an der Grundschule Schwarzenfeld.
©Alexandra Beier
Bernd Sibler (CSU), Kultusminister von Bayern, ist seit 100 Tagen im Amt.
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Der neue Kultusminister von Bayern, Bernd Sibler, gibt sich vor allem kommunikativer als sein Vorgänger.
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Früh um sieben Uhr startet Bernd Sibler mit seinem Fahrer in einem schwarzen BMW vom Wohnhaus seiner Familie in Plattling, einer kleinen Stadt 130 Kilometer nordwestlich von München, in Richtung Vilshofen. Zuvor vergewissert sich der bayerische Kultusminister, ob im Wagen wie besprochen der Koffer mit den Akten liegt, die an diesem Tag noch unterzeichnet werden müssen.

Seit 100 Tagen ist Bernd Sibler (CSU) Bayerns neuer Staatsminister für Unterricht und Kultus. Völlig überraschend war sein Vorgänger und Parteikollege Ludwig Spaenle nach fast zehn Jahren vom Amt des Kultusministers abberufen worden, und Sibler, der bis dahin als Staatssekretär im Bildungsministerium tätig war, rückte am 21. März nach.

Viel Zeit bleibt ihm nicht, schließlich stehen im Herbst die Landtagswahlen in Bayern an, und dann könnten auch die Karten im Kabinett neu gemischt werden.

Seitdem durchquert der 47-Jährige im Eiltempo das Land, sucht den Kontakt zu den Lehrerinnen und Lehrern, hört sich deren Sorgen an, spricht seine Anerkennung für ihre Arbeit aus. Vor allem aber macht er deutlich, wie viel Veränderung und wie viel Kontinuität mit dem Amtswechsel zu erwarten sind.

Viel Zeit bleibt ihm nicht, schließlich stehen im Herbst die Landtagswahlen in Bayern an, und dann könnten auch die Karten im Kabinett neu gemischt werden. Wenn Sibler also wie an diesem sommerlichen Tag an den Schulen in dem großen Flächenland unterwegs ist, dann ist das nicht nur Alltagsgeschäft, sondern auch Wahlkampf.

Der Dienstwagen wird zum Minister-Büro

Sibler selbst würde das nicht so nennen. Er sei lieber an der Basis unterwegs, als in seinem Büro in München zu sitzen – so habe er es auch als Staatssekretär gehalten. „In meinem Dienstwagen habe ich alles, was ich zum Arbeiten brauche“, sagt er. Während der Fahrer mit rasanter Geschwindigkeit über die Autobahn fliegt, führt Sibler auf dem Beifahrersitz Telefongespräche. Am Handschuhfach mehren sich gelbe Klebezettelchen mit Notizen aus den Gesprächen.

In Vilshofen nimmt er um 8 Uhr an einer Gesprächsrunde zum Thema Bewegung an der Grundschule teil, gleich darauf geht’s weiter in das 155 Kilometer entfernte Schwarzenfeld. Der Zeitplan ist sportlich. Gerade noch rechtzeitig erreicht der Kultusminister um 11 Uhr das Spielfeld des Fußballturniers der örtlichen Grundschule, um dort das Finalspiel anzupfeifen. Er fühlt sich sichtlich wohl zwischen den Kindern und Lehrkräften. Sibler ist selbst ausgebildeter Lehrer für Deutsch und Geschichte und hat zwei Söhne im Alter von 13 und 17 Jahren. Er macht mit den Kindern die La-Ola-Welle, gibt Autogramme, trägt sich ins Gästebuch ein, lächelt fröhlich in die Kameras.

Warum das alles wichtig ist? „Weil unsere Lehrerinnen und Lehrer Wertschätzung verdient haben – gerade wenn sie tolle Projekte wie diese auf die Beine stellen“, sagt er. Aber es steckt noch mehr dahinter. Nach dem Fußballspiel zieht sich der Kultusminister zusammen mit dem Schulleiter zu einem Vier-Augen-Gespräch zurück. Sibler will wissen, wo es nicht rundläuft, was optimiert werden könne, wo er Schulleitungen oder Lehrkräfte entlasten könne. Der Schulleiter habe ihm eine interessante Idee zum Thema Führungsstrukturen vorgetragen, über die er nachdenken werde, sagt Sibler später im Auto auf dem 50 Kilometer langen Weg zum nächsten Termin: eine Buchpräsentation einer Realschule in Sulzbach-Rosenberg.

Sibler sucht den Kontakt zu den Menschen vor Ort

Wenn’s um die Frage geht, was Sibler von seinem Vorgänger unterscheidet, dann ist das vor allem der Politikstil. Während Spaenle eher als Mann der markigen Worte galt, will Sibler den Lehrerinnen und Lehrern auf seiner Tour vor allem vermitteln, dass er da ist, um sich ihrer Belange anzunehmen. „Zuhören, aufnehmen, nachdenken“, lautet sein Credo. Dabei gibt es in einem Land wie Bayern selten nur die eine Antwort. „Während zum Beispiel in München neue Schulen gebaut werden müssen, geht es im Bayerischen Wald darum, kleine Grundschulen zu erhalten“, sagt Sibler.

Natürlich muss er sich bei seinen Besuchen vor Ort auch der Kritik stellen. Von der Buchpräsentation geht es 135 Kilometer zu einer Personalversammlung der Grund- und Mittelschullehrerinnen und -lehrer in seinem Geburtsort Straubing, und dort wird Klartext geredet. Es geht um den Lehrkräftemangel an den Grundschulen, um zu viel Bürokratie für die Schulleitungen, um den Stress für die Schülerinnen und Schüler und um den Druck der Eltern in den vierten Klassen, wenn es um den Übertritt von der Grundschule an eine weiterführende Schule in dem gegliederten Schulsystem geht.

Er macht aber auch deutlich, dass er ganz klar für die Fortführung der konservativen Bildungspolitik steht.

Sibler legt sein Jackett ab, krempelt sich die Ärmel hoch und reagiert spontan und mit klaren Worten auf all die Fragen. Er zeigt Verständnis, verspricht mehr Effizienz in der Verwaltung und zusätzliche Sozialpädagoginnen und -pädagogen sowie Schulpsychologinnen und Schulpsychologen für das kommende Schuljahr. Er macht aber auch deutlich, dass er ganz klar für die Fortführung der konservativen Bildungspolitik steht. Ein Elternwahlrecht für den Übertritt an die weiterführenden Schulen, wie es in den anderen Bundesländern üblich ist, werde es mit ihm nicht geben. Die Mehrgliedrigkeit des bayerischen Schulsystems sei der Erfolgsgarant, und auch in der Lehrerbildung solle es trotz des Fachkräftemangels keine schulartübergreifenden Studiengänge geben.

Neue Akzente bei der Digitalisierung und Werteerziehung in Bayern

Bleibt also in Bayern mit dem neuen Kultusminister alles beim Alten? „Nein“, sagt Sibler. Er wolle durchaus eigene Akzente setzen, vor allem bei der Digitalisierung und bei der Werteerziehung. Das werde sich auch in der Ausgestaltung der bereits beschlossenen Rückkehr der Gymnasien von G8 zu G9 widerspiegeln, wo die Anzahl der Stunden für die historisch-politische Bildung und Informatik auch mit Inhalten zur Medienwirkung deutlich gestärkt werden sollen.

Am Ende gelingt es ihm, die Lehrerinnen und Lehrer in dem Straubinger Gasthaus für sich einzunehmen – nicht als einer „von oben“, sondern als einer von ihnen. Es ist 18 Uhr. Und vor ihm liegen an diesem Abend noch zwei Termine und 80 Kilometer Strecke zum Nachdenken über das Gehörte.

Zur Person

  • Der bayerische Kultusminister Bernd Sibler (CSU) wurde am 19. Februar 1971 in Straubing geboren. Er ist verheiratet und Vater von zwei Söhnen im Alter von 13 und 17 Jahren.
  • Sibler studierte an der Universität Passau Lehramt an Gymnasien für die Unterrichtsfächer Deutsch und Geschichte. Nach seinem Referendariat am Adalbert-Stifter-Gymnasium in Passau arbeitete er ein Jahr lang am Robert-Koch-Gymnasium Deggendorf.
  • Seit 1998 ist er Abgeordneter des Bayerischen Landtags. In den Jahren 2007 bis 2008 und 2013 bis 21. März 2018 war er Staatssekretär im bayerischen Kultusministerium.
  • 21. März 2018 ist Sibler Staatsminister für Unterricht und Kultus in Bayern.
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