Dieser Artikel erschien am 06.12.2019 in der Süddeutschen Zeitung
Autor: Susanne Klein und Bernd Kramer

Personalmangel an Grundschulen : Kultusminister finden 1700 Lehrer, Experten wundern sich

Vor kurzem schlug die Bertelsmann-Stiftung Alarm: 26000 Grund­schul­lehrer könnten bald fehlen. Jetzt haben die Bildungs­politiker nach­gerechnet – und kommen zu ganz anderen Zahlen.

Zukunft Deutschland: So könnte sie aussehen - ohne die Frau an der Tafel.
Zukunft Deutschland: So könnte sie aussehen - ohne die Frau an der Tafel.
©dpa

Lehrerinnen und Lehrer fehlen schon jetzt an vielen Schulen im Land, und die Lücke dürfte in den kommenden Jahren noch größer werden. Bloß wie groß genau?

Die zuständigen Kultusminister lagen mit ihren Prognosen in der Vergangenheit oft daneben. Nun haben sie ihre Zahlen aktualisiert, wenn auch zwei Monate später als angekündigt. Laut nun offizieller KMK-Prognose fehlen durch­gängig bis 2030 vor allem an Haupt-, Real- und Berufs­schulen Lehr­kräfte. An den Grund­schulen schließe sich die Lücke bereits 2025, zuvor jedoch sei sie mit rund 12.400 fehlenden Lehrern sehr groß.

Auf deutlich höhere Zahlen war erst im September die Bertelsmann-Stiftung gekommen: Nach ihrer Prognose fehlen 26.300 Grund­schul­lehrer bis 2025 – mehr als doppelt so viele wie die KMK annimmt. Warum liegen die Politik und Bildungs­experten der Stiftung in ihrer Einschätzung schon wieder so weit aus­einander? Und vor allem: Welche Zahl stimmt denn nun?

Die Bertelsmann-Stiftung erklärt die Differenz auf Anfrage der Süddeutschen Zeitung mit Unterschieden in der Berechnung. Drei Punkte erklären laut der Denk­fabrik, warum der Kreis der Kultus­ministerinnen und Kultus­minister die Lücke geringer ansetzt:

  • Anderes Vergleichsjahr: Die Kultus­minister beginnen ihre neue Berechnung mit dem Jahr 2019 und addieren die jeweils fehlenden Lehr­kräfte für die kommenden Jahre auf. Die Bertelsmann-Stiftung beginnt ihre Rechnung ein Jahr früher. Daher fließt in ihrer Berechnung auch mit ein, wie viele Lehr­amts­absolventen im Jahr 2018 bereits fehlten, um alle Stellen an den Schulen zu besetzen. Daraus ergibt sich ein Unterschied von 3260 fehlenden Lehr­kräften an den Grund­schulen.
  • Weniger Schüler: Die Kultus­minister gehen von deutlich geringeren Schüler­zahlen für die kommenden Jahre aus als die Stiftung. Die Minister rechnen damit, dass im Jahr 2025 3,192 Millionen Kinder einen Platz in einer Grund­schule brauchen werden. Die Bertelsmann-Stiftung rechnet mit 3,232 Millionen Grund­schülern im Jahr 2025 – also 40.000 Grund­schul­kinder mehr. Sie stützt sich dabei auf – vergleichs­weise konservativ geschätzte – Bevölkerungs­prognosen des Statistischen Bundes­amts. Die Kultus­minister ziehen dagegen laut Stiftung zum Teil andere Daten heran, die stark von der offiziellen Statistik abweichen. Bei 40.000 zusätzlichen Grund­schülern bräuchte es laut Bertelsmann-Stiftung bis 2025 auch 2600 Lehrkräfte mehr, als nun von der Kultus­minister­konferenz veranschlagt.
  • Mehr Lehramtsabsolventen: Besonders erstaunlich ist für die Bertelsmann-Stiftung, dass die Kultus­minister in ihrer Berechnung plötzlich neue Lehramts­absolventen aus dem Hut zu zaubern scheinen. So geht die Minister­runde nun davon aus, dass bis 2025 in Nieder­sachsen 6500 Grund­schul­lehr­kräfte mehr die Universitäten verlassen werden, als bislang prognostiziert. Dahinter steckt aber vor allem eine Umetikettierung: An den Gesamtschulen in Niedersachsen sollen künftig nur noch Gymnasial­lehr­kräfte eingestellt werden. Die Absolventen, die bisher für die Gesamt­schulen vorgesehen waren, werden in der Statistik daher nun als potenzielle Grund­schul­lehr­kräfte gezählt. Rätsel­hafter ist für die Fachleute der Stiftung, wie die Kultus­minister auf 1700 Grund­schul­lehr­kräfte bis 2025 in Baden-Württemberg kommen, die bei der letzten Prognose im vergangenen Jahr noch nicht einberechnet waren. „Auf den ersten Blick ist nicht nach­voll­zieh­bar, woher die zusätzlichen Absolventen in Baden-Württemberg so kurz­fristig herkommen sollen“, sagt Dirk Zorn, Bildungs­experte der Bertelsmann-Stiftung. „Dafür müssten sie ihr Studium ja bereits aufgenommen haben, bislang aber nicht mitgezählt worden sein.“

Der Lehrermangel war nicht das einzige brisante Thema beim Treffen der Kultus­minister. Auch mit dem Nationalen Bildungs­rat befasste sich die Runde. Wochen­lang war heftig über ihn gestritten worden, dann galt er als gescheitert, nun sieht es nach einer Wieder­auferstehung aus – allerdings in neuer Gestalt. Anstelle eines Bildungs­rats unter Beteiligung des Bundes, wie es im Koalitions­vertrag vorgesehen war, wollen die Bundesländer nun ohne Zutun von oben für ein Experten­gremium sorgen, das ihnen hilft, sich bildungs­politisch besser zu koordinieren. Und das sogar zügig, wie der hessische Kultus­minister und Präsident der Kultus­minister­konferenz (KMK) Alexander Lorz (CDU) am Freitag versprach, soll heißen: im neuen Jahr.

„Mit unserem neuen Vorschlag bieten wir einen Ausweg aus der Blockade“, sagte Hamburgs Schul­senator Ties Rabe (SPD) nach der KMK-Tagung in Berlin. Alle Kultus­minister seien sich darin einig, „dass ein Bildungs­rat entscheidend dabei helfen kann, mehr Qualität und Vergleich­barkeit im Bildungs­wesen der Länder sicher­zu­stellen“. Nach dem Zwist der letzten Wochen darf das als Fortschritt gelten, war doch der von Bundesbildungs­ministerin Anja Karliczek (CDU) favorisierte Nationale Bildungs­rat vor allem am zornigen Veto aus Bayern und Baden-Württemberg und nicht etwa am Wider­stand aller Länder gescheitert. Nun hat man sich bei der Ersatz­lösung offenbar zusammen­gerauft. „Es ist gut, dass die Kultus­minister diesen Handlungs­bedarf sehen“, kommentierte die düpierte Ministerin, nicht ohne zu betonen, das deutsche Bildungs­system müsse „tatsächlich verbessert“ werden.

Nötig dafür wären in jedem Fall: genügend gute Lehrer.