Quereinstieg ins Lehramt : Knifflige Aufgaben

Die Bundesländer setzen wegen des Lehrermangels auf Seiteneinsteiger. Doch für diese Zielgruppe gibt es viele Hürden: Fehlende Qualitätsstandards bei der Weiterbildung sind nur eine von ihnen.

Dieser Artikel erschien am 25.03.2021 in der Süddeutschen Zeitung
Christine Demmer
©Sebastian Gollnow/dpa

Seit 2015 ist die Anzahl der Lehramtsstudenten rückläufig. Bis 2023, so prognostizieren es die in der Kultusministerkonferenz (KMK) zusammengeschlossenen Fachminister der Bundesländer, fehlen daher an den Grundschulen bis zu 12 400 Lehrerinnen und Lehrer. Für die allgemeinbildenden Fächer der Sekundarstufe II werde es zwar ein Lehrer-Überangebot geben. Doch insgesamt benötigen die allgemeinbildenden Schulen wie Gymnasien, Realschulen oder Haupt- und Mittelschulen der KMK zufolge bis 2025 einige Zehntausend mehr Lehrkräfte. Bei dieser Hochrechnung sind die Nachholaufwendungen aufgrund der pandemiebedingten Schulschließungen noch gar nicht eingerechnet. Aber wo findet man zusätzliches Personal? Infrage kommen zum Beispiel Absolventinnen und Absolventen anderer Studienrichtungen, die sich zum Lehramt hingezogen fühlen.

Nur wenige Hochschulen bieten Master-Studiengänge für Quereinsteiger an

Tatsächlich bemühen sich zahlreiche Bundesländer seit einigen Jahren, auch nicht traditionell ausgebildete Lehrkräfte, sogenannte Quer- und Seiteneinsteiger, für das Lehramt zu gewinnen. Der Anteil von Seiteneinsteigerinnen und Seiteneinsteigern an neu eingestellten Lehrkräften erreichte dem Verbundprojekt „Monitor Lehrerbildung” zufolge im Jahr 2018 mit 13,3 Prozent bundesweit einen neuen Höchststand. Träger des Verbundprojekts sind der Stifterverband und private Stiftungen. Den Hochschulrektoren sind Lehrer, die nicht auf direktem Weg in diesem Beruf angekommen sind, ebenfalls willkommen. „Auch durch den Seiteneinstieg in den Vorbereitungsdienst und den Quereinstieg direkt in den Schuldienst soll die Lücke geschlossen werden”, heißt es in einer Entschließung des Senats der Hochschulrektorenkonferenz vom Juni 2020.

Bundesweit nicht einheitlich festgelegt ist, welche Qualifikationen interessierte Seiten- und Quereinsteiger mitbringen müssen und wer ihnen das nötige Wissen vermittelt. „Die akademischen Ausbildungsinstitutionen sind nicht systematisch in die Qualifikation eingebunden”, hatte die HRK in der Senatsentschließung beklagt. Dem setzt das Verbundprojekt „Monitor Lehrerbildung”, eine neue Untersuchung entgegen, wonach sich die Hochschulen selbst kaum um ein Qualifizierungsangebot bemühen. Der „Monitor Lehrerbildung” bietet seit 2012 Daten und Informationen zum Lehramtsstudium, das in den 16 Bundesländern sehr unterschiedlich geregelt ist.

Die jüngste Untersuchung stammt von November 2020 und heißt „Flexible Wege ins Lehramt?! – Qualifizierung für einen Beruf im Wandel”. Gegenwärtig bieten demnach nur acht von 61 deutschen Hochschulen berufsbegleitende Weiterbildungsstudiengänge für Seiteneinsteiger ohne Lehramtsqualifikation an. Von 16 Hochschulen, die angaben, Quereinstiegs-Masterstudiengänge in Vollzeit für das Lehramt konzipiert zu haben, schränkten elf ein, solche Studiengänge gebe es nur für das Lehramt an Berufsschulen und hier fast ausschließlich in den gewerblich-technischen Fachrichtungen. An fünf Hochschulen kann man der Untersuchung zufolge mit einem Fach-Bachelor über einen entsprechenden Quereinstiegs-Masterstudiengang die Voraussetzung für den Übergang in den Vorbereitungsdienst an allgemeinbildenden Schulen erwerben. Laut der Untersuchung planten nur drei weitere Hochschulen zu der Zeit der Befragung im Herbst 2020 die Einrichtung solcher Quereinstiegs-Masterstudiengänge.

Für Akademiker, die sich beruflich neu orientieren und persönlich dem Lehrermangel entgegentreten wollen, gibt es also offenbar nur wenige Studienmöglichkeiten. Der Wechsel in das Lehramt dauert in der Regel insgesamt drei bis vier Jahre, heißt es in der 20-seitigen Publikation “Flexible Wege ins Lehramt?! – Qualifizierung für einen Beruf im Wandel”. Viele Berufstätige, von denen die meisten mit Mitte dreißig oder vierzig ins Lehramt streben, dürfte die mit einem Wechsel verbundene Verringerung ihres Einkommens letztlich von einem Quereinstieg abhalten.

Experten plädieren für bessere Wechselmöglichkeiten zwischen Fach- und Lehramtsstudium

Das ist für alle Beteiligten unglücklich: Für interessierte Umsteiger wie für die Schüler und die Schulen, die weiterhin mit ihrem knappen Personal haushalten müssen. „Die Bewältigung des Lehrermangels ist eine der größten Aufgaben der nächsten Jahre”, sagt Jörg Dräger, Vorstand der Bertelsmann-Stiftung, einem der Träger des „Monitor Lehrerbildung”. Er stellt fest: „Wir brauchen mehr und flexiblere Einstiegsmöglichkeiten ins Lehramtsstudium sowie verbindliche Qualitätsstandards für die Ausbildung von Seiten- und Quereinsteigern, damit guter Unterricht für alle Schülerinnen und Schüler gesichert werden kann.” Das Konsortium des „Monitor Lehrerbildung” plädiert darüber hinaus für strukturierte Wechselmöglichkeiten zwischen einem Fachstudium und dem lehramtsbezogenen Studium.

Mangel an Fachlehrern

Schon heute fehlen in den weiterführenden Schulen viele Lehrkräfte für die Mint-Fächer – also Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik. Die Folge: Einen Teil des Unterrichts gestalten Lehrer, die das jeweilige Fach nicht studiert oder darin keinen Abschluss gemacht haben. Besserung ist nicht in Sicht – im Gegenteil: Der Bildungsforscher Klaus Klemm, emeritierter Professor an der Universität Duisburg-Essen, erstellte im Auftrag der Telekom-Stiftung die Studie „Lehrkräftemangel in den Mint-Fächern: Kein Ende in Sicht” – und konstatierte auf Basis aktueller Berechnungen am Beispiel Nordrhein-Westfalen einen weiteren Abwärtstrend. Demnach wird sich bis zum Schuljahr 2030/31 in den allgemeinbildenden Schulen der Einstellungsbedarf für die Mint-Fächer nur zu einem Drittel mit ausgebildeten Fachlehrkräften decken lassen. Dieses Ergebnis ist deutlich negativer als das der Vorgängerstudie von 2014. Darin wurde eine voraussichtliche Bedarfsdeckungsquote von etwa zwei Dritteln bis 2025/26 ermittelt. CDE

Volker Meyer-Guckel, stellvertretender Generalsekretär des Stifterverbands, sieht in den Bologna-Strukturen gute Voraussetzungen für neue Ausbildungsmöglichkeiten für das Lehramt. „Eine geordnete Flexibilisierung der Zugangswege, die sich in einer gestuften Studienstruktur ideal umsetzen ließe, ist für die Gewinnung von Lehrkräftenachwuchs eine bessere Lösung”, sagt Guckel, „als alle Jahre wiederkehrende Ad-hoc-Maßnahmen, die im Zweifel auf jegliche Qualitätsstandards verzichten.”

Angesichts der zunehmenden Knappheit des Lehrpersonals fordert der „Monitor Lehrerbildung” die schnellstmögliche Aufwertung und den Ausbau der bestehenden Qualifizierungsangebote für Quer- und Seiteneinsteiger ins Lehramt: Im Alltag der Schulen sei die Einstellung von Personen ohne vorangegangene Lehramtsausbildung bereits eine wichtige kurzfristige Maßnahme, um den Unterricht in verschiedenen Fächer für Schülerinnen und Schüler sicherzustellen. Die derzeitigen Maßnahmen seien aber in der Regel rein berufspraktisch ausgelegt. Wichtige wissenschaftliche Grundlagen, etwa im pädagogisch-psychologischen Bereich, die das klassische Lehramtsstudium vermittelt, fehlten folglich in der Qualifizierung.

Eine Ende 2018 aufgelegte zusätzliche Förderlinie des Bund-Länder-Programms „Qualitätsoffensive Lehrerbildung” nimmt die Lehrerbildung insbesondere für die beruflichen Schulen in den Blick. Sie fördert unter anderem gezielt Projekte, die sich mit der Gewinnung neuer Gruppen in der Gesellschaft befassen, die künftig als Lehrkräfte in beruflichen Schulen eingesetzt werden könnten. In diesem Lehramtstyp sind die Zugangswege nicht zuletzt aufgrund der als höher eingeschätzten Relevanz außerschulischer berufspraktischer Erfahrungen wesentlich breiter als im Lehramt für die allgemeinbildenden Schulen. In der Studie des „Monitor Lehrerbildung” heißt es auffordernd: „Ein Blick in diese Projekte könnte sich jedoch auch im Zuge der Gewinnung von Lehrkräftenachwuchs an den allgemeinbildenden Schulen lohnen.”