Ifo-Studie : Kinder lernen auch im zweiten Lockdown viel zu wenig

Fernsehen, Smartphone und Computerspiele statt Schulaufgaben: Auch im zweiten Lockdown lernen Kinder täglich drei Stunden weniger als vor der Pandemie, wie aus einer Ifo-Befragung hervorgeht.

Dieser Artikel erschien am 20.04.2021 in DER SPIEGEL
Kristin Haug
Schüler mit Smartphone auf der Couch
Kind auf der Couch: Weniger Zeit für die Schule
©dpa

Schülerinnen und Schüler haben im Corona-Shutdown Anfang dieses Jahres im Schnitt nur 4,3 Stunden am Tag mit Schulaufgaben verbracht. Das ist zwar eine knappe Dreiviertelstunde mehr als während der ersten Schulschließungen im Frühjahr vergangenen Jahres. Aber immer noch drei Stunden weniger als an einem üblichen Schultag vor Corona. Das geht aus einer Befragung des Ifo-Instituts mit 2122 Eltern hervor.

Die Lernzeitverluste konnten demnach auch ein Jahr nach Beginn der Pandemie nicht durch bildungspolitische Maßnahmen kompensiert werden.

Es zeigen sich hierbei deutliche Unterschiede zwischen leistungsschwächeren und -stärkeren Schülerinnen und Schülern und zwischen Akademikerkindern und Nicht-Akademikerkindern. Während sich die Lernzeit zwar nicht wesentlich zwischen diesen Gruppen unterscheidet, erhalten Nicht-Akademikerkinder deutlich seltener Online-Unterricht und haben – wie auch leistungsschwächere Kinder – weniger individuellen Kontakt zu ihren Lehrkräften. Dementsprechend sind Eltern benachteiligter Kinder mit den Aktivitäten der Schulen während der Schulschließungen auch deutlich weniger zufrieden.

Auch die Effektivität des Lernens zu Hause wird für leistungsschwächere Kinder und Nicht-Akademikerkinder als deutlich geringer eingeschätzt. Das darauf hindeutet, dass sich die Bildungsungleichheit durch die Corona-bedingten Schulschließungen weiter verschärfen dürfte.

„Besonders bedenklich ist, dass 23 Prozent der Kinder sich nicht mehr als zwei Stunden am Tag mit der Schule beschäftigt haben“, sagt der Leiter des Ifo-Zentrums für Bildungsökonomik, Ludger Wößmann. „Die Coronakrise ist eine extreme Belastung für die Lernentwicklung und die soziale Situation vieler Kinder.“

Die Ergebnisse im Einzelnen:

  • Mehr als viereinhalb Stunden verbringen die Schülerinnen und Schüler am Tag mit Fernsehen, Computerspielen und dem Handy (4,6 Stunden). Und sind damit deutlich mehr als mit dem Lernen beschäftigt.
  • Mehr als ein Viertel der Schülerinnen und Schüler (26 Prozent) hatten täglich gemeinsamen Unterricht, zum Beispiel per Video. Während der Schulschließungen im Frühjahr 2020 waren es nur sechs Prozent.
  • Mehr als ein Drittel (39 Prozent) hat nur maximal einmal in der Woche gemeinsamen Unterricht mit Klassenkameraden.
  • Mehr als die Hälfte der Eltern (56 Prozent) denkt, dass ihr Kind pro Stunde zu Hause weniger lernt als im regulären Unterricht in der Schule, 22 Prozent sind vom Gegenteil überzeugt.
  • Ein Fünftel der Schülerinnen und Schüler (21 Prozent) nahmen seit den ersten Schließungen an Maßnahmen wie Förder- oder Nachhilfeunterricht oder Ferienkursen teil. Benachteiligte Kinder nahmen wesentlich weniger daran teil.

Leistungsschwächere Schülerinnen und Kinder, die nicht aus Akademikerfamilien kommen, haben der Studie zufolge zu Hause deutlich weniger effektiv und konzentriert gelernt. Die große Mehrzahl der Schulkinder hat demnach zu Hause Zugang zu Computer und Internet. Für die Hälfte der Kinder aber war die Situation während der Schulschließungen eine große psychische Belastung – deutlich mehr als während der ersten Schließungen (38 Prozent).

Ein knappes Drittel der Befragten (31 Prozent der Eltern) berichtet, ihr Kind habe während der Coronapandemie wegen Bewegungsmangel an Körpergewicht zugenommen. Für 76 Prozent der Kinder war es eine große Belastung, nicht wie gewohnt Freunde treffen zu können.

Allerdings gibt es auch positive Aspekte: Die Mehrheit der Eltern gibt an, dass ihr Kind durch die Schulschließungen gelernt hat, sich eigenständig Unterrichtsstoff zu erarbeiten (56 Prozent) und mit digitalen Techniken besser umzugehen (66 Prozent).

Dennoch fällt das Fazit der Ifo-Untersuchung sehr schlecht aus: „Den zuständigen Akteuren ist es also auch mit langer Vorlaufzeit und nach eindringlichen Appellen von Eltern und Wissenschaft nicht gelungen, Distanzunterrichtskonzepte zu etablieren, die eine angemessene Beschulung aller Kinder und Jugendlichen sicherstellen“, heißt es im Bericht. Schülerinnen und Schüler könnten demnach weitere Lernrückstände aufbauen.

Die Studienmacher empfehlen daher, allen Kindern und Jugendlichen eine gute Bildung zu ermöglichen. Dafür sollten die Bildungsministerien der Länder universelle und verbindliche Konzepte für täglichen Online-Unterricht per Videokonferenz vorgegeben und umgesetzt werden. Diese Aufgabe den Schulen oder Lehrerinnen und Lehrern zu überlassen war falsch.

Von den Ministerien sollte einheitlich vorgegeben werden, welche Videokonferenzsysteme benutzt werden sollen – am besten bundesweit koordiniert durch länderübergreifende Rahmenregelungen und Standards. Die Konzepte sollten besonders darauf ausgerichtet sein, leistungsschwächere Kinder und Jugendliche aus bildungsfernen Familien zu unterstützen. In den Schulen selbst sollte flächendeckend Förderunterricht am Nachmittag sowie Ferienprogramme angeboten werden.