Studie zu Corona-Schulschließungen : Kinder haben „wenig oder nichts“ gelernt

Niederländische Schulen gelten als digitale Vorreiter. Doch selbst dort zeigt eine Studie: Der Unterricht im Netz bringt kaum Lernfortschritte – besonders bei Kindern mit schwierigem sozialem Umfeld.

Dieser Artikel erschien am 04.11.2020 in DER SPIEGEL
Schülerin beim digitalen Unterricht über das Netz (Symbolbild)
Schülerin beim digitalen Unterricht über das Netz (Symbolbild)
©iStock

Ein ernüchterndes Fazit der Schulschließungen in den Niederlanden während der Coronakrise haben drei Sozial- und Bildungswissenschaftler an der Universität Oxford gezogen. Trotz des Onlineunterrichts hätten die Schülerinnen und Schüler „wenig bis nichts“ gelernt, heißt es in einer neuen Studie des Leverhulme Centre for Demographic Science.

Die Ergebnisse zeigten, „dass Onlineunterricht während des Lockdowns größtenteils ineffektiv war, selbst in einem Land, das für die Herausforderungen von Onlineunterricht gut gerüstet ist“, schreiben die Autorinnen und Autoren. Dabei sei die Situation im niederländischen Bildungssystem deutlich besser als in vielen anderen Staaten und daher eigentlich ein „Best Case“-Szenario: Die Niederlande hätten eine der weltweit höchsten Internetzugangsraten, es gab im Frühjahr nur einen relativ kurzen Lockdown von acht Wochen, außerdem sei die erste Welle der Pandemie im Land relativ mild verlaufen.

„Trotz dieser guten Voraussetzungen gingen die Fortschritte der Schüler erheblich zurück, was auf noch größere Verluste in Ländern hindeutet, die weniger gut auf die Herausforderungen von Onlineunterricht vorbereitet sind“, heißt es in der Auswertung. Die wichtigsten Ergebnisse:

Bei den Kindern und Jugendlichen lag der Lernfortschritt durchschnittlich 20 Prozent unter dem erwarteten Wert – das entsprach der Zeit, in der die Schulen keinen Präsenzunterricht anbieten konnten. „Mit anderen Worten haben die Schüler beim Lernen von zu Hause aus kaum oder gar keine Fortschritte gemacht“, sagt Co-Autor Per Engzell.

Soziale und ökonomische Faktoren wirken sich verschärfend aus: „Für Kinder aus benachteiligten Verhältnissen waren die Auswirkungen noch verheerender“, so die Forscher. Hatten die Eltern keine Hochschulausbildung, war der Verlust an Wissen um bis zu 50 Prozent stärker als bei Kindern aus Akademikerfamilien.

Die Forscher hatten für die Studie die Testergebnisse von rund 350.000 niederländischen Schülerinnen und Schülern im Alter von sieben bis elf Jahren genutzt. Zweimal pro Jahr gibt es in den Niederlanden zentrale Leistungstests; die Erhebungen fanden im Januar/Februar und im Mai/Juni 2020 statt. Die aktuellen Daten von vor und nach den Schulschließungen wurden außerdem mit Ergebnissen früherer Schülerjahrgänge verglichen.

„Besonders besorgniserregend“

„Die Ergebnisse der Studie sind besonders besorgniserregend, da die Niederlande so viele Dinge richtig gemacht haben“, sagt Mitautor Arun Frey: Lehrer und Schulbeamte hätten „enorme Anstrengungen unternommen und die Regierung hat sogar Laptops für alle Kinder gekauft, die einen benötigen“. Trotzdem bestätigten die Ergebnisse des Onlineunterrichts „viele der schlimmsten Befürchtungen, die Pädagogen anfangs des ersten Lockdowns hatten“.

Noch allerdings, schränken die Forscher ein, sei unklar, ob es sich bei den gemessenen Wissenslücken um ein dauerhaftes Problem oder nur um einen vorübergehenden Rückschlag handle. Klar sei aber, „dass kleine Verluste mit der Zeit zu großen Nachteilen führen können, wenn keine geeigneten Maßnahmen ergriffen werden“, sagt Autor Mark Verhagen.

Auch das Münchner Ifo-Institut hatte in einer Untersuchung bereits vor Einkommensverlusten im Erwerbsleben bei Schülern und Schülerinnen gewarnt, deren Schulen in der Coronakrise lange geschlossen waren. „Geht etwa ein Drittel eines Schuljahres verloren, so geht dies über das gesamte Berufsleben gerechnet im Durchschnitt mit rund drei bis vier Prozent geringerem Erwerbseinkommen einher“, prognostiziert Ludger Wößmann, Leiter des Ifo Zentrums für Bildungsökonomik. Nach Uno-Schätzungen sind weltweit rund 95 Prozent der Schülerinnen und Schüler von Schulschließungen betroffen. Die Coronakrise hat damit zur größten Bildungsunterbrechung in der Geschichte geführt.