Dieser Artikel erschien am 16.12.2019 in DER SPIEGEL

Schlechte Noten für Deutschland : Kinder aus bildungs­fernen Haus­halten sind besonders armuts­gefährdet

In Deutschland gibt es einen starken Zusammenhang zwischen dem Bildungsniveau der Eltern und dem Armutsrisiko ihrer Kinder - das belegt eine Auswertung europaweiter Daten. Das Kinderhilfswerk ist alarmiert.

Taschengeld
Ein Junge spart sein Taschengeld
©dpa

Arm bleibt oft arm – das gilt besonders für Kinder in Deutschland, wie eine europa­weite Auswertung im Auftrag des Kinder­hilfs­werks zeigt. Demnach haben Kinder aus Haushalten mit einem niedrigen Bildungs­abschluss ein Risiko von 61 Prozent, in Armut aufzuwachsen.

Die Daten kommen von der Europäischen Statistik­behörde Eurostat. Deutschland steht im Negativ­ranking demnach auf Platz sieben der 28 EU-Staaten. Der Durch­schnitt in der Europäischen Union liegt bei 51 Prozent.

Besser als im europäischen Durch­schnitt stehen hingegen Kinder aus höher gebildeten Familien da: Während in Deutschland 20 Prozent der Kinder von Eltern mit mittlerem Bildungs­abschluss armuts­gefährdet sind, liegt dieser Wert im EU-Durch­schnitt bei knapp 24 Prozent. Bei einem höheren Bildungs­abschluss der Eltern liegen die Werte bei 6 Prozent in Deutsch­land und 8 Prozent im EU-Durch­schnitt.

Status in Deutschland zementiert

Die Auswertung macht damit erneut deutlich, dass der soziale Status der Eltern auch den der Kinder zementiert – und die Schere immer weiter auseinander­geht. Das zeigen auch Bildungs­vergleiche immer wieder, wie Anfang des Monats etwa die Pisa-Studie. Dieser Zusammenhang hat sich demnach sogar verstärkt.

Es gebe „Anlass zur Sorge“, dass Deutschland beim Armuts­risiko hier „so deutlich über dem EU-Durch­schnitt liegt“, sagt Thomas Krüger, Präsident des Deutschen Kinder­hilfs­werkes.

Im Alltag spiegele sich das Problem nicht nur in der Bildungs­ungerechtig­keit wider. Kinder nutzen das Essens­angebot der Tafeln zudem besonders oft: 30 Prozent der Kundinnen und Kunden seien minder­jährig, „und damit über­proportional mehr als ihr Anteil an der Gesamt­bevölkerung“, sagte Krüger. Auch auf die Gesundheit von Kindern wirkt sich Armut zum Beispiel negativ aus.

„Fehlender politischer Wille“

Das Hilfswerk „vermisst an vielen Stellen den politischen Willen“, die Probleme anzugehen. Es fordert, vorrangig in Familien mit einem niedrigen Bildungs­abschluss anzusetzen. Das fange bei höheren Löhnen und Steuer­entlastungen an, gehe über bezahlbaren Wohn­raum bis hin zu besseren Chancen im Bildungs­system. Zudem plädiert das Kinder­hilfs­werk für eine Kinder­gund­sicherung.

Die Große Koalition hat zuletzt das „Starke-Familien-Gesetz“ auf den Weg gebracht. Vier Millionen besonders benachteiligte Kinder sollen demnach von Angeboten wie kosten­losem Mittag­essen in der Schule, einem höheren Kinder­zuschlag oder mehr Nach­hilfe profitieren. Auch die Bürokratie­hürden, die oft dazu geführt haben, dass die Angebote nicht bei den Kindern ankommen, sollen weniger werden.

Und im Gegensatz zu den Pisa-Zahlen zur Bildungs­gerechtig­keit haben sich zumindest die Daten zur Kinder­armut in Deutschland leicht verbessert. Um sechs Prozent ging die Zahl der armuts­gefährdeten Minder­jährigen 2018 zurück. Laut Statistischem Bundes­amt waren insgesamt 2,4 Millionen Kinder und Jugendliche betroffen.