Geflüchtete aus der Ukraine : Gibt es eine Ungleichbehandlung Geflüchteter?

Wenige Wochen nach Kriegsbeginn zählte die Kultusministerkonferenz bereits Zehntausende ukrainische Schülerinnen und Schüler an deutschen Schulen, und erste pädagogische Fachkräfte konnten beschäftigt werden. Geschah dies schneller und bereitwilliger als in den Jahren zuvor, insbesondere während der letzten Fluchtbewegung 2015/2016? Was sind mögliche Ursachen für eine Ungleichbehandlung, die sich mitunter beobachten lässt? Darüber hat das Schulportal mit Rassismusforscher Karim Fereidooni gesprochen.

Annette Kuhn 29. Juni 2022
Ukrainische Geflüchtete bei einer Jobmesse
Für Geflüchtete aus der Ukraine gibt es Jobmessen, wie hier in Berlin. Für Geflüchtete aus anderen Ländern gibt es teils weniger Angebote zur Integration in den Arbeitsmarkt.
©Christoph Soeder/dpa

Deutsches Schulportal: Es gibt eine Diskussion über eine mögliche Ungleichbehandlung von Geflüchteten. Geflüchtete aus der Ukraine würden besser behandelt als Geflüchtete aus anderen Staaten. Worauf stützt sich diese Debatte?
Karim Fereidooni: Die Besserstellung ukrainischer Geflüchteter im Vergleich zu Menschen, die vor einigen Jahren und/oder aus anderen Staaten nach Deutschland geflüchtet sind, hat viele Ursachen. Ich möchte hier nur mal einige Punkte nennen:

  • Die EU-Innenminister:innen haben am 4. März 2022 die Anwendung der „Massenzustrom-Richtlinie“ beschlossen, wonach Ukrainer:innen – ohne vorheriges Asylverfahren – europaweit Zugang zum Arbeitsmarkt sowie zu Bildung, Sozialversicherung und medizinischer Versorgung erhalten.
    Durch dieses Vorgehen fallen viele administrative Hürden weg, die andere Geflüchtete überwinden müssen. Wenn die Empfehlungen der EU-Kommission Anwendung finden, müssen Ukrainer:innen nicht jahrelang (und oftmals vergeblich) um die Anerkennung ihrer Bildungs- und Berufsabschlusszertifikate kämpfen, wie es andere geflüchtete Menschen tun mussten oder immer noch müssen.
  • Die Bundesregierung, die Bildungsadministrationen in den Bundesländern, zivilgesellschaftliche Organisationen, Schulleitungen und Lehrer:innen haben aufgrund der Fluchtmigration der vergangenen Jahre und Jahrzehnte Kompetenzen erworben, auf die sie jetzt zurückgreifen können.
  • Die Programmatik der jetzigen Bundesregierung unterscheidet sich von derjenigen konservativerer Bundesregierungen zuvor. In den Programmen der Parteien zur Arbeitsmarkt- und Bildungsintegration geflüchteter Menschen existieren Unterschiede, die einen positiven bzw. negativen Einfluss auf die Praktiken bei der Anerkennung von Bildungs- und Berufsabschlusszertifikaten haben.
  • Deutschland hat sich in den vergangenen 20 Jahren gewandelt, und viel mehr Bundesbürger:innen besitzen eigene Fluchterfahrungen. Deswegen können viel mehr Menschen nachvollziehen, was es heißt zu fliehen.
  • Die geografische Nähe zum Ukraine-Krieg führt dazu, dass sich viele Menschen in Deutschland mit diesem Krieg beschäftigen.
  • Die Zusammenhänge des Kriegs in der Ukraine sind klarer als in anderen Kriegen bzw. Konflikten. Das führt dazu, dass die deutsche Bevölkerung besser nachvollziehen kann, warum Ukrainer:innen nach Deutschland fliehen.
  • Auch Rassismus spielt eine Rolle für die Besserstellung ukrainischer Geflüchteter.

Deutschland hat sich in den vergangenen 20 Jahren gewandelt, und viel mehr Bundesbürger:innen besitzen eigene Fluchterfahrungen.

Können Sie das näher erläutern?
Ukrainer:innen werden in manchen Teilen der deutschen Bevölkerung und der Medien als „zivilisiert“ bezeichnet, wohingegen andere Geflüchtete als negatives Gegenteil konstruiert werden. In dieser Weise äußerte sich zum Beispiel gleich zu Beginn des Kriegs ein Auslandskorrespondent von CBS News, einem der größten US-Nachrichtensender. Dieser Rassismus trägt dazu bei, dass es mehr Vorbehalte gegenüber der Aufnahme anderer Geflüchteter gibt als gegenüber Ukrainer:innen.

Kinder und Jugendliche aus der Ukraine kommen schneller an die Schulen

Wo zeigt sich eine Ungleichbehandlung im Kontext Bildung?
Die Kultusministerkonferenz und alle Bundesländer haben sehr schnell reagiert, um die Beschulung ukrainischer Schüler:innen zu gewährleisten; schneller als bei der Beschulung syrischer Schüler:innen ab dem Jahr 2015. Zudem zeigt sich die Ungleichbehandlung auch darin, dass einzelne Schulen ukrainische Schüler:innen unkomplizierter aufnehmen als andere Geflüchtete. An einigen Schulen unseres Landes sind ukrainische Schüler:innen willkommen – und zum Beispiel afghanische Schüler:innen nicht. Das habe ich in eigenen Gesprächen mit Schulleitungen so erlebt.

Auch an den Universitäten zeigt sich die Besserstellung ukrainischer Geflüchteter. So gibt es spezifische Beratungs- und Betreuungsangebote für ukrainische Studieninteressierte, die es für andere Geflüchtete nicht gibt. Und auch wenn Ukrainer:innen wichtige Dokumente fehlen, wird eine Großzügigkeit an den Tag gelegt, die andere Geflüchtete in dieser Form nicht kannten. Dies zeigt Punkt 5 des Beschlusses der Ministerpräsidentenkonferenz von Anfang April 2022 (demnach würden „eine Selbsteinschätzung der Geflüchteten aus der Ukraine zu ihren beruflichen Qualifikationen ausreichen”, Anm.d. Red.).

Weniger Hürden für Lehrkräfte

Inwieweit sehen Sie eine Ungleichbehandlung auch bei der Aufnahme ukrainischer Lehrkräfte an Schulen?
Bisher konnten geflüchtete Lehrkräfte aus Nicht-EU-Staaten ihre Schulkarriere nicht unkompliziert in Deutschland fortsetzen. Die größten Hürden waren zum einen die verweigerte Anerkennung von Berufsabschlüssen, weil in vielen Staaten Lehrer:innen nur ein Fach unterrichten, und zum anderen das hohe Sprachniveau im Deutschen, das von Lehrer:innen verlangt wird. Mit Blick auf ukrainische Lehrkräfte haben die Bildungsadministrationen bei beiden Punkten zum Teil Erleichterungen geschaffen.

Lehrer:innen sollten nicht versuchen, unter den Teppich zu kehren, dass es Ungleichbehandlungen gibt. 

Welche Konsequenzen sollten aus Ihrer Sicht aus dem unterschiedlichen Umgang mit Geflüchteten gezogen werden?
Die großzügigen Regelungen, die für Ukrainer:innen gelten, sollten für alle Geflüchteten gelten. Denn Deutschland hat nicht nur ein humanitäres, sondern auch ein wirtschaftliches Interesse, geflüchteten Menschen zeitnah nach ihrer Ankunft eine dauerhafte und strukturierte Lebensperspektive im Arbeits- und Bildungsmarkt zu geben.

Wie lässt sich über das Thema Ungleichbehandlung zum Beispiel in der Schule, wo Geflüchtete aus verschiedenen Ländern unmittelbar aufeinandertreffen, diskutieren, ohne Fronten zwischen Geflüchteten aufzubauen und eine Neiddebatte zu befeuern?
Lehrer:innen sollten nicht versuchen, unter den Teppich zu kehren, dass es Ungleichbehandlungen gibt. Stattdessen sollten sie, auch mithilfe außerschulischer Partner:innen, Möglichkeitsräume der Solidarität schaffen und zudem darauf hinwirken, dass alle Schüler:innen in ihrer Individualität ernst genommen und nicht als Vertreter:innnen ihres Herkunftslands betrachtet werden. Lehrer:innen sollten mit diesem Thema auch proaktiv auf die Schüler:innen zugehen und nicht warten, bis es zu Streitigkeiten unter den Schüler:innen kommt.

Zur Preson

  • Karim Fereidooni ist seit 2016 Juniorprofessor für Didaktik der sozialwissenschaftlichen Bildung an der Ruhr-Universität Bochum.
  • Zuvor war er mehrere Jahre Lehrer für Deutsch, Politik/Wirtschaft und Sozialwissenschaften am Gymnasium St. Ursula Dorsten.
  • Fereidooni forscht vor allem zu Rassismus und Rassismuskritik in pädagogischen Einrichtungen. Zu diesem Thema hat er auch promoviert. Gerade ist zu dem Thema von ihm und seiner Mitherausgeberin die folgende Publikation erschienen: Fereidooni, Karim/Simon, Nina (Hrsg.), „Rassismuskritische Fachdidaktiken. Theoretische Reflexionen und fachdidaktische Entwürfe rassismuskritischer Unterrichtsplanung“, Band 1 der Buchreihe Pädagogische Professionalität und Migrationsdiskurse. Springer VS.
Karim Fereidooni
Karim Fereidooni
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  • 2021 hat Karim Fereidooni für seine Forschung und die Verankerung der Rassismuskritik in den Diskurs der politischen Bildung den Walter-Jacobsen-Preis von der Deutschen Vereinigung für Politische Bildung erhalten.