Corona-Lockerungen in den USA : Kampf um die Schulen

Die Regierung Donald Trumps drängt die Schulen in den USA, wieder für Präsenz­unterricht zu öffnen – trotz enorm hoher Infektions­zahlen. Doch es gibt Widerstand.

Dieser Artikel erschien am 21.07.2020 auf ZEIT Online
Jörg Wimalasena, New York
Reinigung und Desinfektion eines Klassenzimmers
Manche Schulen haben in den USA auch während des Sommers geöffnet. Hier wird ein Klassenzimmer einer Grundschule gereinigt und desinfiziert.
©dpa

Stefanie Miller weiß, wie sich eine schwere Covid-19-Erkrankung anfühlt. Ende März hatte es die Lehrerin aus Broward County in Florida erwischt. Sie musste 21 Tage lang künstlich beatmet werden, und noch immer gerät sie hörbar außer Atem, wenn sie mehrere Sätze hintereinander spricht. „So etwas wünsche ich wirklich niemandem“, sagt sie am Montag während eines Pressegesprächs von Floridas Lehrergewerkschaft FEA über Zoom.

Dennoch sollen Miller und die knapp 180.000 Lehrer an Floridas öffentlichen Schulen schon in wenigen Wochen den Unterricht im Klassenraum wieder aufnehmen – zumindest wenn es nach Floridas republikanischem Gouverneur Ron DeSantis und der Landesschulbehörde geht. Die Behörde hat Anfang Juli einen Erlass verabschiedet, der Floridas Schulen zwingen soll, an fünf Tagen pro Woche Präsenzunterricht abzuhalten.

Nun ist Florida nicht irgendein Bundesstaat, sondern gehört derzeit zu den USA- und weltweit besonders schwer von der Corona-Pandemie betroffenen Regionen. 12.479 neue Infektionsfälle wurden am Montag in dem Staat registriert – in ganz Deutschland waren es nur 202. Kein Wunder, dass Floridas Lehrergewerkschaft FEA, die rund 140.000 Lehrende vertritt, Bedenken hat. Am Dienstag erhob sie Klage gegen die Landesregierung, um die Wiedereröffnung der Schulen zu verhindern. Schulen müssten eine sichere Umgebung sein, heißt es in der Klageschrift, doch in Florida sei das Coronavirus „außer Kontrolle“. Die Gewerkschaft will verhindern, dass andere Lehrer ebenfalls stark erkranken.

Online klappt nicht immer gut

Der Streit um die Schulen spaltet die USA – mitten in der größten Gesundheitskrise der vergangenen Jahrzehnte. Auf der einen Seite: die Bundesregierung unter Präsident Donald Trump, der seit Wochen darauf besteht, dass die Schulen möglichst zu Beginn des neuen Schuljahres Mitte August wieder für den Präsenzunterricht öffnen sollen. Auf der anderen Seite: um die eigene Gesundheit und die ihrer Schüler besorgte Lehrerinnen und Lehrer im ganzen Land.

Vorübergehend war das Thema aus der Öffentlichkeit verschwunden, nachdem ab Ende Mai das Schuljahr in den Bundesstaaten nach und nach zu Ende gegangen war. Zuvor hatten die meisten Bundesstaaten ihre öffentlichen Schulen geschlossen, um die Ausbreitung des Coronavirus einzudämmen. Für den Rest des Schuljahres fand der Unterricht weitgehend online statt – doch das klappte nicht immer gut.

Gerade in ärmeren Schulbezirken verfügten die Schülerinnen und Schüler oft nicht über eigene Laptops, die sie gebraucht hätten, um am Onlineunterricht teilzunehmen. In New York City beispielsweise hatten 19.000 Kinder und Jugendliche, auch fünf Wochen nachdem die Schulen geschlossen hatten, noch immer keine Geräte. Und berufstätige Eltern berichteten überall im Land über Probleme, Betreuung für ihre Kinder zu organisieren und neben dem Berufsalltag auch noch die Schularbeit des Nachwuchses zu überwachen. Seit Monaten steht deshalb die Befürchtung im Raum, dass gerade Schüler aus armen Gegenden und schwierigen sozialen Verhältnissen unter der dauerhaften Schließung der Schulen leiden. Allerdings fehlt es bisher an umfassenden Studien, um die These zu überprüfen.

Trumps Motiv

Nun steht der Beginn des neuen Schuljahres an, und die Debatte um die Schulen ist neu entbrannt. Vor allem der Präsident wirbt für eine rasche Wiedereröffnung: In Deutschland, Dänemark, Norwegen und Schweden habe es ja auch geklappt, twitterte er am 8. Juli. Allerdings liegen die Corona-Infektionen in allen genannten Ländern weit unter den astronomisch hohen Fallzahlen, die die USA täglich vermelden.

Trumps Motiv wurde in seinem Tweet ebenfalls deutlich. „Die Demokraten denken, dass es für sie ein politischer Nachteil wäre, wenn die US-Schulen vor der Wahl im November öffnen“, schrieb er. Offenbar ist es dem Präsidenten besonders wichtig, vor der Wahl im November die Rückkehr zur Normalität zu signalisieren. Er braucht positive Nachrichten, denn in den Umfragen liegt er derzeit weit hinter seinem demokratischen Herausforderer Joe Biden zurück.

Die Bildungsministerin will die öffentlichen Schulen schwächen

Um seiner Forderung Nachdruck zu verleihen, schickte Trump in seinem Tweet noch eine Drohung hinterher. „Ich kürze (gemeint war wohl: den Schulbezirken) die Geldmittel, wenn sie nicht öffnen“, schrieb er. Die Drohung hat Gewicht, denn viele US-Schulen – gerade in ärmeren Gemeinden – sind von den Zuschüssen des Bundes abhängig, die im vergangenen Jahr knapp 16 Milliarden Dollar betrugen.

Der öffentliche Schulbetrieb wird in den USA zu großen Teilen über die Grundsteuer auf Immobilien finanziert. Doch in armen Bezirken ist das Steueraufkommen vergleichsweise gering, Land und Bund unterstützen die Schulen dort deshalb mit Zuschüssen. Ein Verlust der Bundesmittel wäre für ökonomisch abgehängte Gemeinden desaströs. Trump kann die Zuschüsse zwar nicht ohne Zustimmung des Kongresses kürzen. Aber er könnte möglicherweise Geld zurückhalten, das der Bund im Rahmen der Corona-Hilfspakete bereitgestellt hat – auch wenn der Kongress das vor Gericht anfechten würde.

DeVos für Privatschulen

Hinter dem Vorstoß der US-Regierung dürfte aber noch ein weiteres Ziel stecken, das Teile der Republikaner schon seit Jahrzehnten verfolgen – die finanzielle Austrocknung des öffentlichen Schulsystems zugunsten von Privatschulen. In den USA gibt es neben den öffentlichen Schulen ein weit verzweigtes Privatschulsystem. Dazu gehören christliche Bildungseinrichtungen, in denen zum Beispiel statt der Evolutionstheorie eine Art Schöpferlehre gelehrt wird, der Kreationismus, und Charter Schools, wie die von privaten Trägern organisierten Privatschulen genannt werden. Auch die Charter Schools erhalten öffentliche Gelder. Gerade in verarmten Städten wie zum Beispiel Chicago und Detroit gelten sie vielen als Alternative zum maroden öffentlichen Schulsystem.

Trumps Bildungsministerin Betsy DeVos gilt als Unterstützerin der Privatschulen. Sie ist für ein Wahlsystem, das es den Eltern erlaubt, selbst zu entscheiden, ob sie ihre Kinder auf Privatschulen schicken wollen – dafür sollen die Familien dann Zuschüsse erhalten, die sonst an öffentliche Schulen verteilt würden. Ein solches Wahlsystem existiert bereits in 29 Bundesstaaten. Dort werden mithin öffentliche Gelder auf Privatschulen umgeleitet, deren Besuch damit billiger wird, zulasten der öffentlichen Schulen.

DeVos gehört zu den bekanntesten Unterstützerinnen dieses Systems. Mitte Juli machte sie ihre Haltung in einem Interview mit Fox News noch einmal deutlich. Wenn die öffentlichen Schulen ihrer Aufgabe nicht nachkämen, sollten sie auch kein Geld erhalten, sagte sie dort. „Dann sollten die Familien (das Geld) bekommen, damit sie entscheiden können, ob sie es nicht lieber in Schulen investieren wollen, die ihren Verpflichtungen nachkommen.“ Gemeint waren offensichtlich private Anbieter. Offenkundig will die Ministerin den Druck auf die Schulen nutzen, um die Privatisierung des Systems weiter voranzutreiben, und hat nun in Donald Trump einen Unterstützer gefunden.

Eltern, Staaten, Kommunen sind dagegen

Eine Mehrheit der Bürgerinnen und Bürger scheint jedoch gegen die Vorschläge von DeVos und Trump zu sein. Laut einer aktuellen Umfrage von Morning Consult sind nur 38 Prozent der Eltern für eine vollständige Öffnung der Schulen zu Beginn des neuen Schuljahrs. 53 Prozent sprechen sich dagegen aus. Andere Erhebungen zeigten ähnliche Ergebnisse. In der Morning-Consult-Umfrage waren nur 22 Prozent der Befragten der Meinung, dass Schulen Bundesmittel verlieren sollten, wenn sie nicht vollständig wiedereröffnen. 65 Prozent waren dagegen.

Auch in den Bundesstaaten und Kommunen regt sich Widerstand. In Los Angeles wird es auch zu Beginn des neuen Schuljahrs zunächst nur Onlineunterricht geben. Das Gleiche gilt für die großen Schulbezirke von Atlanta, Dallas und Houston. Andere Städte wie New York und Chicago beginnen das Schuljahr mit einem Optionsmodell, das es den Eltern erlaubt, ihre Kinder nur virtuell am Unterreicht teilnehmen zu lassen. Und auch in Florida will man sich den Plänen des Gouverneurs widersetzen. In Miami-Dade, dem größten County des Bundesstaats, hat der Leiter der Schulbehörde bereits angekündigt, dass die Bildungseinrichtungen nicht öffnen werden, wenn die Gemeinde nicht die sogenannte zweite Wiedereröffnungsphase erreicht. Das würde unter anderem sinkende Fallzahlen voraussetzen. Doch aktuell zeigen weder Florida als Ganzes noch Miami im Besonderen, dass die Krise bald enden könnte. Den Schein der Normalität, den Trump so gern zur Wahl erwecken würde, werden viele Kommunen ihm vermutlich verweigern.

Floridas Lehrer wollen trotz der widrigen Umstände ihr Bestes tun, um den Unterricht virtuell abzuhalten. „Natürlich möchten wir wieder unterrichten“, sagt Stefanie Miller. „Aber es muss unter sicheren Bedingungen passieren.“