Chancengerechtigkeit : 15. März 1907

„Auch der Verstand“ von Frauen solle künftig geschult werden. Mit diesen Worten kündigte Preußens Kultusminister Konrad von Studt am 15. März 1907 eine Umgestaltung im Mädchenschulwesen an. Die Reform, die 1908 in Kraft trat, war ein wichtiger Fortschritt im Bereich der Bildung und ein großer Erfolg der deutschen Frauenbewegung.

Carolin Simon / 13. März 2020
Des écolières lèvent le doigt pour répondre à leur professeur en cours d'anglais à Berlin, Allemagne. (Photo by Keystone-France/Gamma-Rapho via Getty Images)
1908 verabschiedete Preußen eine Bildungsreform und verpflichtete sich damit zur Förderung der Mädchenbildung.
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Heute ist es selbstverständlich, dass Mädchen und Jungen gemeinsam im Klassenzimmer sitzen. Doch vor 100 Jahren war das nur in der Grundschule üblich. Danach teilte sich die Schulbildung auf: Jungen besuchten das Gymnasium, Mädchen das Lyzeum. Der Schwerpunkt ihrer Ausbildung lag auf Hauswirtschaft, Handarbeit und Religion. Mit spätestens 16 Jahren verließen Mädchen die Schule und auch das nur, wenn sich die Eltern so lange das Schulgeld leisten konnten. Dann warteten häusliche Aufgaben auf die jungen Frauen: Entweder waren sie privilegiert und führten ihren eigenen Haushalt, oder sie waren als Dienstmädchen einer anderen Familie angestellt. Die Berufung der Frau als Gattin und Mutter wurde lange Zeit nicht in Frage gestellt. Zumindest von einem Großteil der Bevölkerung.

Die Bildungsbewegung war gleichzeitig eine Frauenbewegung

Doch nicht alle wollten sich damit abfinden. In den schlechten Bildungschancen der Mädchen liegen auch die Wurzeln der Frauenbewegung. Helene Lange ist eine der bekanntesten Persönlichkeiten der frühen Gleichstellungsbewegung. Lange war selbst Lehrerin und wusste damit ganz genau um die eingeschränkten Lehrinhalte für Mädchen. Während sich die Gesellschaft durch die Industrialisierung veränderte, blieb in der Mädchenbildung alles wie gehabt. Und das obwohl viele junge Frauen gezwungen waren, ihren eigenen Lebensunterhalt zu verdienen.

Bereits 1888 verfassten Lange und andere engagierte Frauen eine Petition, in der sie die Gleichstellung der Ausbildung von Mädchen und Jungen forderten. In der Begleitschrift, der „Gelben Broschüre“, schrieb Lange: „1. dass dem weiblichen Element eine größere Beteiligung an dem wissenschaftlichen Unterricht auf Mittel- und Oberstufe der öffentlichen höheren Mädchenschulen gegeben und namentlich Religion und Deutsch in Frauenhand gelegt werden. 2. dass von Staatswegen Anstalten zur Ausbildung wissenschaftlicher Lehrerinnen für die Oberklassen der höheren Mädchenschulen mögen errichtet werden.”

Eine „Oberstufe” für Mädchen wird eingerichtet

In anderen europäischen Staaten wurden bereits weiterführende Schulen für Mädchen eingerichtet und jungen Frauen damit auch der Zugang zu Universitäten nach und nach geöffnet. In Preußen hingegen dauerte es noch bis 1907, dass Kultusminister von Studt eine Umgestaltung im Mädchenschulwesen ankündigte. Es solle nicht nur noch „das Gefühl“, sondern „auch der Verstand“ der Mädchen gefördert werden. Mathematik und Grammatik sollten fortan auch auf dem Stundenplan der Mädchen stehen.

1908 wurde die Bildungsreform verabschiedet und der Staat verpflichtete sich zu einer Förderung der Mädchenbildung. Es wurden Mädchengymnasien eingerichtet und junge Frauen hatten zum ersten Mal die Wahl, eine „Frauenschule“ zur Vorbereitung auf ein Universitätsstudium zu besuchen. Im Rahmen der Reform wurde der Unterricht der Mädchen nahezu an den der Jungen angepasst, häusliche Tätigkeiten standen aber nach wie vor im Fokus der Ausbildung.