Bessere Förderung von Kindern : Kabinett beschließt Corona-„Aufholprogramm“ und Ganztagsanspruch

Die Corona-Folgen für Kinder sollen gemildert werden: Die Bundesregierung will zwei Milliarden Euro in schulische und soziale Förderprogramme stecken – ein Bildungsforscher kritisiert das als nicht nachhaltig.

Dieser Artikel erschien am 05.05.2021 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Heike Schmoll
©Sören Stache/dpa

„Wir haben jetzt alle Vorhaben des Koalitionsvertrags zu hundert Prozent erfüllt“, sagte Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) bei der Vorstellung des Aufholpakets und des Ganztagsanspruchs für Grundschulkinder voller Stolz in Berlin. Sowohl das zwei Milliarden schwere Aufholpaket für frühkindliche Bildung, Jugendhilfe und Schule, wie auch die Aufstockung des Ganztagsprogramms stehen im Zeichen des Wahlkampfs. Ab August 2026 soll es einen Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung für Grundschulkinder geben. Dazu hat das Kabinett am Mittwoch in Berlin einen Gesetzentwurf beschlossen, der noch durch den Bundestag muss und in der letzten Sitzung des Bundesrats im Juni beschlossen werden soll. Zunächst sollen die Erstklässler einen Anspruch auf die Betreuung haben, dann soll jedes weitere Jahr eine Klassenstufe dazu kommen, bis 2030 alle Grundschulkinder der ersten vier Klassen einen Ganztagsplatz haben können.

Der Ausbau der Ganztagsbetreuung wird vom Bund mit bis zu 3,5 Milliarden Euro finanziert. Seinen ursprünglich geplanten Anteil von 360 Millionen Euro an den Betriebskosten will der Bund stufenweise auf 960 Millionen Euro aufstocken. Damit sei man den Ländern enorm entgegengekommen, sagte Giffey, die von einem echten „Gamechanger“ für mehr Vereinbarkeit von Familie und Beruf, sowie Bildungsgerechtigkeit sprach. Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU) hält den Rechtsanspruch auf Ganztag für einen Meilenstein in der weiteren Modernisierung Deutschlands und für eine Chance auf individuelle Förderung. Durch die gestaffelte Einführung gewönnen die Länder Zeit, das entsprechende Personal auszubilden.

Sommercamps und Lernwerkstätten für den Beginn des Schuljahres

Darüberhinaus hat das Bundeskabinett das zwei Milliarden schwere „Aktionsprogramm Aufholen nach Corona für Kinder und Jugendliche“ beschlossen. Es besteht aus einem Nachholprogramm für pandemiebedingte Lernrückstände und einem umfangreichen Maßnahmenpaket zur Förderung frühkindlicher Bildung, von Freizeit-, Ferien- und Sportaktivitäten. Insgesamt hat das Programm vier Säulen. Die erste Säule soll Förderangebote für Schüler schaffen, um pandemiebedingte Lernrückstände durch zusätzliche Förderangebote aufzuholen. Hier müssen sich Bund und Länder auf die konkreten Schritte einigen.

Da eine direkte Finanzierung über Artikel 91 b des Grundgesetzes nicht möglich ist, soll das Geld über das Finanzausgleichsgesetz und über Umsatzsteuerpunkte laufen. Mit den vom Bund zur Verfügung gestellten Mitteln sollen die Länder im Schwerpunkt in den Sommerferien Sommercamps und Lernwerkstätten und mit Beginn des neuen Schuljahres unterrichtsbegleitende Fördermaßnahmen in den Kernfächern anbieten. Gedacht ist an Lehramtsstudenten und pensionierte Lehrer.

Bildungsforscher fordert bessere Erhebung des Lernstandes

Die zweite Säule betrifft die frühkindliche Bildung. Im Rahmen des Bundesprogramms „Sprach-Kitas“ soll es tausend zusätzliche Sprach-Kitas geben. Dafür stehen 100 Millionen Euro bereit. Mit weiteren 50 Millionen Euro werden die Mittel der Bundesstiftung Frühe Hilfen aufgestockt. Damit können mehr junge Familien erreicht und weitere Angebote wie Elternkurse zur Sprach- oder Ernährungsbildung für belastete Familien mit Kindern unter drei Jahren finanziert werden. Die dritte Säule hält Unterstützung für Ferienfreizeiten und außerschulische Angebote bereit. Sozialleistungsabhängige Familien soll bis zu einer Woche Urlaub in gemeinnützigen Familienferienstätten ermöglicht werden, wobei der Bund 90 Prozent der Kosten finanziert.

Außerdem soll es einen Kinderfreizeitbonus in Höhe von einmalig 100 Euro, den bedürftige Familien pro Kind erhalten. Außerdem werden die Mittel des Kinder- und Jugendplans für Ferienfreizeiten, die kulturelle, sportliche, politische und internationale Jugendarbeit sowie die Jugendverbände erhöht. Über den Bundesverband der Schülerlabore sollen zusätzliche außerschulische Lernangebote in Naturwissenschaft, Technik und Sprachen zur Verfügung gestellt werden. Bei der vierten Säule geht es um die Stärkung der sozialen Kompetenzen und die Unterstützung der Schulsozialarbeit. Auch Freiwilligendienste könnten Kinder und Jugendliche gezielt in Schulen und Einrichtungen der Kinder und Jugendhilfe unterstützen.

Der Kieler Bildungsforscher Olaf Köller kritisierte das Aufholpaket als strukturell nicht nachhaltig. Er hält nichts davon, Nachhilfeinstitute zu unterstützen, sondern fordert eine Konzentration auf bestimmte Schulformen und Altersgruppen, sowie Kernfächer. Viele der Erstklässler könnten nach einem Jahr Pandemie nicht richtig schreiben und lesen. Wegen des Klassenlehrerprinzips in der Grundschule sei es leicht, den Unterricht in den Kernfächern zu verdichten. Köller forderte dem Lernstadt spätestens zu Beginn des kommenden Schuljahrs genau zu erheben. Nur Hamburg und Berlin testen bisher umfassend.