Dieser Artikel erschien am 22.01.2020 in DER SPIEGEL
Autor: Armin Himmelrath

Neue Pisa-Auswertung : Jugendliche klammern sich an traditionelle Berufe

Ärztin, Lehrer, Polizist oder Managerin: Die meisten 15-Jährigen wollen einen traditionellen Beruf wählen - auch wenn es viele dieser Jobs bald schon nicht mehr geben könnte. Das zeigt eine neue Studie der OECD.

Ein Job als Ingenieur ist der meistgenannte Berufswunsch bei 15-jährigen Jungen
Ein Job als Ingenieur ist der meistgenannte Berufswunsch bei 15-jährigen Jungen.
©AdobeStock

Künstliche Intelligenz, soziale Medien, 3D-Druck: Dass sich die Arbeitswelt massiv verändert, spiegelt sich so gut wie gar nicht in den Berufswünschen vieler Jugendlicher wider. Auf die Frage, welchen Beruf sie mit 30 Jahren ausüben wollen, nennen 15-Jährige in aller Welt vor allem traditionelle Berufsbilder.

Das ist das Ergebnis einer neuen OECD-Untersuchung, die am Mittwoch veröffentlicht wurde. Ausgewertet wurden dafür die Daten der Pisa-Schulleistungsstudien aus den Jahren 2000 und 2018 in insgesamt 41 Ländern weltweit. Die Studie im Original können Sie hier finden.

Die Bildungsforscher äußerten sich erstaunt darüber, wie wenig sich der digitale Wandel bei den Berufswünschen der Jugendlichen bemerkbar macht. „Obwohl sich die Welt seit der ersten Pisa-Erhebung stark verändert hat, zeigen die Ergebnisse, dass das nur sehr gering auf die Berufserwartungen junger Menschen zutrifft“, stellt OECD-Bildungsdirektor Andreas Schleicher fest.

So gaben in der aktuellen, im Dezember veröffentlichten Pisa-Studie 47 Prozent der Jungen und 53 Prozent der Mädchen in den untersuchten Ländern an, dass sie erwarteten, in einem von zehn besonders bekannten Berufen zu arbeiten – ein Anstieg von 8 Prozentpunkten bei den Jungen und 4 Prozentpunkten bei den Mädchen seit 2000. Zu den Lieblingsberufen zählen demnach Lehrer, Manager oder Ärzte.

Wie stark Jugendliche an traditionellen Berufsbildern festhalten, variiert allerdings von Land zu Land zum Teil erheblich. So interessieren sich in Deutschland, Österreich und der Schweiz weniger Schüler als im weltweiten Vergleich für die besonders beliebten Berufe: Im Durchschnitt sind es nur vier von zehn Jugendlichen.

Dass in den deutschsprachigen Ländern die Konzentration auf wenige Berufe deutlich geringer ausfällt, könnte nach Einschätzung der Bildungsforscher an der Stärke der Berufsberatung liegen: Schulen würden den Jugendlichen hier schon frühzeitig Kontakte in die Arbeitswelt vermitteln und Einblicke in verschiedene, auch weniger bekannte Berufe ermöglichen.

Außerdem stellten die Forscher fest, dass sowohl das Geschlecht als auch die soziale Herkunft der Schülerinnen und Schüler ihre beruflichen Ambitionen beeinflussen: Leistungsstarke Jugendliche aus privilegierten Verhältnissen nannten im Schnitt viermal häufiger ambitionierte und mit höherer Bildung verbundene Berufsziele als Schülerinnen und Schüler mit vergleichbaren Leistungen aus benachteiligten Verhältnissen.

„Es ist weder gerecht noch effizient, wenn benachteiligte Schüler mit einer engstirnigen Sicht auf den Arbeitsmarkt und ihr eigenes Potenzial schauen“, sagt OECD-Bildungsdirektor Andreas Schleicher. Der Studie zufolge haben benachteiligte Schüler außerdem häufiger falsche Vorstellungen von dem Bildungsweg, den man für den jeweiligen Berufswunsch einschlagen muss.

Vom Aussterben bedrohte Jobs

Die neuen Daten weisen außerdem auf unterschiedliche Berufsvorstellungen zwischen den Geschlechtern hin – bei ähnlicher Leistung: Jungen, die in den Pisa-Erhebungen in Mathematik oder Naturwissenschaften gut abschnitten, interessierten sich häufiger für einen Beruf im Bereich Naturwissenschaften oder Ingenieurwesen als ähnlich talentierte Mädchen. Die wiederum konnten sich eher eine Zukunft im Gesundheitswesen vorstellen.

Mehr zur Studie

Wer sich als Jugendlicher zu sehr auf traditionelle Jobs beschränkt, riskiert laut den Studienautoren viel: Zahlreiche der Berufe seien möglicherweise bald schon vom Aussterben bedroht. So geht die OECD bei 39 Prozent der genannten Berufe in den nächsten zehn bis fünfzehn Jahren davon aus, dass sie durch Automatisierung wegfallen könnten.

In Deutschland, Griechenland, Japan, Litauen und der Slowakischen Republik liegt das Risiko demnach sogar bei über 45 Prozent. „In vielerlei Hinsicht scheinen die Signale des Arbeitsmarktes junge Menschen nicht zu erreichen“, so Bildungsexperte Schleicher. Zugängliche, gut bezahlte Arbeitsplätze mit Zukunft würden nicht unbedingt zu den Vorstellungen der Jugendlichen passen.

Schülerinnen und Schülern sollte deshalb frühzeitig vermittelt werden, dass der Arbeitsmarkt sich wandelt, fordern die Studienautoren – etwa durch Praktika oder Jobmessen. Für junge Menschen gibt es solche Angebote heute zwar häufiger als noch vor zwanzig Jahren. Trotzdem gaben lediglich 40 Prozent der Befragten an, bereits eine Jobmesse besucht oder ein Praktikum absolviert zu haben.