Job statt Ruhestand : Pensionäre sollen den Lehrermangel auffangen

Gut 40 Dienstjahre kommen zusammen, bis Lehrkräfte regulär in Pension gehen – das sind viele Jahre laute Klassen­räume, Korrekturen, Zeugnis­konferenzen, Unter­richts­vor­bereitungen. Wer das gemeistert hat, hat sich einen entspannten Ruhe­stand wohl­verdient. Wäre da nur nicht der Lehrer­mangel … Vor allem für Grund­schulen gibt es nicht genügend Fach­kräfte. Um Unter­richts­aus­fälle zu vermeiden, holen viele Bundes­länder Lehr­kräfte aus dem Ruhe­stand zurück. Finanzielle Anreize sollen die Pensionär­innen und Pensionäre motivieren, noch ein paar Dienst­jahre dranzuhängen.

Alexandra Mankarios / 04. Mai 2018
Um Unterrichtsausfall zu verhindern, versuchen einige Bundesländer, mit Lockangeboten Lehrkräfte aus dem Ruhestand zurück an die Schulen zu holen.
Um Unterrichtsausfall zu verhindern, versuchen einige Bundesländer, mit Lockangeboten Lehrkräfte aus dem Ruhestand zurück an die Schulen zu holen.
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Etwa 35.000 Lehrkräfte werden bis 2025 allein an deutschen Grundschulen fehlen – das hat die Bertelsmann Stiftung errechnet. Die Studie schlug Anfang 2018 hohe Wellen. Schon jetzt kann die Unterrichtsversorgung in vielen Bundesländern mit den verfügbaren ausgebildeten Lehrkräften nicht mehr sichergestellt werden. Deshalb gibt es immer mehr Möglichkeiten für Quer- und Seiteneinstiege – mancherorts füllen auch Gymnasiallehrkräfte die Lücken an Grundschulen.

Oder eben mit pensionierten Lehrerinnen und Lehrern: Anders als beim Quereinstieg besitzen sie die volle Lehramts-Qualifikation, und bei der Berufserfahrung haben sie ihren jüngeren Kolleginnen und Kollegen einiges voraus. Wie aber lassen sie sich wieder in den Schuldienst zurücklocken?

Zurückkehren oder gar nicht erst den Ruhestand antreten

Um den Schulbetrieb zu sichern, haben bereits mehrere Bundesländer – darunter Bremen, Hessen und Nordrhein-Westfalen – Hunderte Pensionärinnen und Pensionäre angeschrieben und um eine zeitweilige Rückkehr in den Schuldienst gebeten. Andere Länder versuchen, ältere Lehrkräfte bereits zu gewinnen, bevor sie ihren Ruhestand antreten. So hat zum Beispiel Hamburg im Januar die Pensionierungspflicht für Lehrkräfte aufgehoben: Anstatt mit 65 Jahren und sieben Monaten gehen zu müssen, dürfen Lehrerinnen und Lehrer ab diesem Alter noch zwei Jahre weiterarbeiten.

Drastischere Maßnahmen hat das Kultusministerium in Bayern im vergangenen Jahr getroffen. Als Notmaßnahme wurde vorübergehend ein Pensionierungsstopp ausgesprochen: Lehrerinnen und Lehrer, die an Grund-, Mittel-, und Förderschulen zum Halbjahr 2018 vorzeitig in Ruhestand gehen wollten, müssen demnach bis zum Ende des Schuljahres warten.

Mehr Geld für mehr Arbeit

Einige Lehrerinnen und Lehrer freuen sich über die Gelegenheit, länger zu arbeiten. So zitiert Radio Bremen einen Kunstlehrer, der seine Pensionierung zwei Jahre hinausgeschoben hat. Es treibe womöglich viele Rentnerinnen und Rentner in die Depression, dass sie das Gefühl hätten, nichts mehr bewirken zu können, sagt der Lehrer Wolfgang Ruszek. „Hier kann ich noch etwas bewirken.“

 

Hier kann ich noch etwas bewirken.
Wolfgang Ruszek, Kunstlehrer im Pensionsalter

Um aber auch diejenigen zu gewinnen, die nicht allein aus Freude am Beruf länger als nötig arbeiten möchten, locken die Länder mit finanziellen Anreizen. In Berlin ist ein Gesetzesentwurf in Arbeit, der Lehrkräften unter anderem einen 20-Prozent-Zuschlag zugesteht, wenn sie nach dem 65. Lebensjahr drei Jahre weiterarbeiten.

Nordrhein-Westfalen löst das anders, bietet unterm Strich aber ebenfalls deutlich mehr Geld: Das Land hat die Hinzuverdienstgrenze für Beamtinnen und Beamten im Ruhestand bis Ende 2019 ausgesetzt – das Einkommen aus der Lehrtätigkeit wird also nicht mit dem Ruhegeld verrechnet. Auch Baden-Württemberg weist zumindest darauf hin, dass die Hinzuverdienstgrenze „unter bestimmten Bedingungen aufgehoben werden könne“.

Neben dem finanziellen Nutzen dürfte vielen pensionierten Lehrkräften aber auch noch etwas anderes die Rückkehr schmackhaft machen: Etliche Länder räumen einsatzwilligen Pensionärinnen und Pensionären ein großes Mitspracherecht bei Umfang und Einsatzort ein – so aufreibend wie vor dem Ruhestand wird es für sie also vermutlich nicht mehr werden.

Auf einen Blick

So wollen die Bundesländer den Lehrermangel bekämpfen:

  • Quer- und Seiteneinstiege erleichtern
  • Lehrkräfte mit Lehramt für weiterführende Schulen an Grundschule einsetzen
  • Pensionierte Lehrkräfte zurückholen
  • Anstehende Pensionierungen aufschieben
  • Lehrkräfte in Teilzeit zum Aufstocken motivieren
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