Ferien-Förderprogramm : Jetzt schmeißt sie hin

Eine pensionierte Lehrerin will Kindern helfen, in den Ferien Lernrückstände aufzuholen. Gute Idee! Wäre da nicht der Staat im Weg.

Dieser Artikel erschien am 18.08.2021 in DIE ZEIT
Elisabeth Kagermeier
80 Seiten Anträge, Kopien, Zeugnisse, Impfnachweise: Marliese Siering wollte helfen – verzweifelte aber an Datenschutz und Bürokratie.
80 Seiten Anträge, Kopien, Zeugnisse, Impfnachweise: Marliese Siering wollte helfen – verzweifelte aber an Datenschutz und Bürokratie.
©Julian Baumann für DIE ZEIT

„Das wird komisch morgen“, sagt Marliese Siering, wenn sie ausschlafe, anstatt in die Schule zu gehen. Sie hatte sich so auf die Kinder und Jugendlichen gefreut. Und jetzt? Vor ihr liegen seitenweise Unterlagen, manche mit Heftklammern zusammengehalten, andere mit Post-its versehen. 80 Seiten Papier, die ihr immer noch zu schaffen machen. Sie stehen für eine absurde Reise durch die bayerische Kultusbürokratie.

Die pensionierte Lehrerin hatte einen Plan. In diesen Sommerferien wollte sie zurück an ihre alte Mittelschule in Oberhaching, im Süden von München. Sie wollte zu jenen gehören, die jetzt, da manche Kinder und Jugendliche besonders viel Unterstützung brauchen, bereitstehen. Warum sie nun aber zu Hause sitzt, viel nachdenkt und sich ärgert, hat mit all dem Papier zu tun, einem Termin im Schulamt, einem Eid, den sie schwören sollte. Und mit einem Brief, den Marliese Siering schrieb, als sie nicht fassen konnte, was ihr passiert war.

14 Jahre lang unterrichtete die 67-jährige Lehrerin an der Mittelschule. Eine Schulform, die in Bayern seit rund zehn Jahren die Hauptschule ersetzt. Als die Pandemie kam und die Kinder über Monate zu Hause lernen mussten, war sie froh, nicht mehr in der Verantwortung zu sein. Ehemalige Kollegen erzählten ihr von Schülerinnen und Schülern, die komplett abtauchten, die sie nicht mehr erreichten. Siering weiß, dass das nächste Schuljahr entscheidend dafür sein wird, ob manche Kinder dauerhaft den Anschluss verlieren oder nicht. Sie ging davon aus, dass jede Art von Hilfe gebraucht – und unkompliziert angenommen würde. „Gerade auf unsere Schüler, die keine zusätzliche Förderung bekommen, weder vom Elternhaus noch durch andere Angebote, muss man jetzt besonders schauen“, sagt Siering.

Das Ferien-Förderprogramm des bayerischen Kultusministeriums klang genau richtig für Marliese Siering: Nicht nur Wissenslücken sollen geschlossen werden, es geht auch um soziales und emotionales Lernen. Das war Siering sowieso immer wichtig. Wenn sie davon erzählt, wie sie jahrelang Übergangsklassen mit Flüchtlingen aus dem Kosovo unterrichtet habe, ohne Bücher und ohne Lehrplan, dann spricht sie lauter und gestikuliert so viel, dass sie fast die Kaffeetasse vom Tisch fegt. Beim Kauf von U-Bahn-Tickets habe sie mit ihren Schülern rechnen geübt und anhand der Klingelschilder an Hochhäusern deutsche Ordnungssysteme erklärt – und beim Wählen des Klassenrats das deutsche Wahlsystem.

Sofort sagt sie ja

Als die stellvertretende Schulleiterin von Sierings alter Schule sie gefragt habe, ob sie für das Sommerprogramm zurückkommen wolle, habe sie sofort Ja gesagt, erzählt Siering. Es ging um die erste und letzte Ferienwoche, jeden Tag zwei Stunden, elf Kinder, gemischt aus der fünften bis achten Klasse. Das mache sie ganz locker.

Siering ist seit drei Jahren in Rente, aber den Anschluss an ihren Beruf hat sie nie verloren. Über ihre Tochter, die ebenfalls Lehrerin ist, lernte sie Neues mit. Sie erzählt von Lern-Apps und davon, wie sie sich an der Schule für besseres WLAN eingesetzt habe, mit dem Whiteboard kann sie sowieso umgehen. An der Mittelschule unterrichtete Siering aus Überzeugung. „Das sind die Schüler, die einen brauchen“, sagt sie. Ihre frühere Kollegin Barbara Basko erzählt, wie Siering es verstand, sich als Lehrerin Respekt zu verschaffen. „Auch die großen Kerle hattest du immer im Griff“, sagt Basko. Die beiden sitzen an einem Sonntagnachmittag bei Pflaumenkuchen und Milchkaffee zusammen, während es auf das Dach von Sierings Wintergarten nieselt. „Aber natürlich!“, ruft Siering. „Wenn die zu viert auf mich zukommen und den Flur in der Schule komplett ausfüllen, da geh ich nicht aus dem Weg. Da sage ich: Den Kampf verliert ihr.“ Einschüchtern dürfe man sich nicht lassen, und wegschauen dürfe man auch nicht.

Siering ist eine, die immer noch genau weiß, was sie kann. „Die hätten für das Förderprogramm keine Bessere kriegen können als mich“, sagt sie und legt mit einem nachdrücklichen Nicken die Kuchengabel auf den Tisch. Sie wisse, wie das klinge, sagt sie lächelnd. „Aber es ist so“, sagt Basko.

Sie wundert sich, wie viele Unterlagen der Staat will

Um zu verstehen, warum Siering nun doch keinen Ferienkurs unterrichtet, muss man gut eineinhalb Monate zurückgehen. Ende Juni bringt sie wie verabredet Lebenslauf, Personalausweis und Uni-Zeugnis an die Schule. „Da haben die Schulleiterin und ich noch drüber gelacht, dass sie wirklich mein Zeugnis vom Staatsexamen braucht“, sagt Siering. Die Schulleiterin kopiert, beglaubigt, schickt alles ans Schulamt. Dann hört Siering wochenlang nichts, der Beginn der Sommerferien rückt immer näher.

Am 21. Juli erhält die pensionierte Lehrerin eine Mail vom Schulamt des Landkreises München mit zwölf Anlagen zum Ausdrucken, teils in vierfacher Ausführung. Siering wundert sich darüber, wie viele Unterlagen der Staat von ihr braucht, obwohl sie doch ihr ganzes Berufsleben an staatlichen Schulen gearbeitet und sogar jahrelang andere Schulen evaluiert hat: persönliche Angaben zu sich selbst, zu Ehepartner und Kindern, eine Erklärung zu Vorstrafen, Verfassungstreue, Datenschutz, personenbezogenen Daten, Anträge zu Steuer und Rente. Eine Befristungsvereinbarung liegt bei, und verlangt werden ein tabellarischer Lebenslauf, Ausbildungs- und Arbeitszeugnisse, Nachweis einer Masernimpfung und ein erweitertes Führungszeugnis.

Es möge bei einigen Bewerbern der Eindruck eines hohen Verwaltungsaufwands entstehen, schreibt das Kultusministerium in einer Stellungnahme an die ZEIT. Es dürfe aber nicht übersehen werden, dass im öffentlichen Dienst besondere Anforderungen zu stellen seien und dass die Überprüfung der vorzulegenden Unterlagen zum Schutz der Schülerinnen und Schüler erfolge. Das wolle sie überhaupt nicht infrage stellen, sagt Siering dazu. In dem Moment, wo man mit Kindern allein sei, müsse man natürlich vollständig überprüft werden. Aber sie sei doch keine Fremde, sondern Lehrerin mit jahrzehntelanger Erfahrung. „Die kennen mich und wissen, dass ich geeignet bin. Wozu all diese Informationen?“

„Bürokratisch vor die Wand gefahren“

Noch lässt sie sich nicht entmutigen. So schnell wie möglich versucht Siering, einen Termin bei der Gemeinde zu bekommen, um das Führungszeugnis zu beantragen. Sieben bis zehn Tage dauere das, heißt es – eigentlich schon zu spät, denkt Siering. Schließlich sollte sie schon eine Woche später vor der Klasse stehen.

Als Siering sechs Tage vor Beginn der Sommerschule im Flur des Schulamts München auf ihren Termin wartet, ist sie noch immer fest entschlossen, den Dienst anzutreten. Die Schule hat sie längst fest eingeplant. Der Elternbrief ist verschickt, die Übergabe des Schulschlüssels organisiert.

Eine gute halbe Stunde später aber, so erzählt es Siering jetzt am Kaffeetisch, habe sie das Schulamt wütend verlassen – und entschieden, dass sie weder bei der Sommerschule noch zu einer anderen Gelegenheit wieder in einer Schule aushelfen wolle. „Wenn sie die Lehrer nicht besser behandeln, bin ich nicht mehr bereit, für das Kultusministerium zu arbeiten“, sagt sie. „Mich brauchen die nicht mehr anrufen.“ Was aber ist in diesen 30 Minuten passiert?

Drei Personen hätten um sie herumgestanden, die Chefin des Schulamts und zwei weitere Mitarbeiter, und hätten Blatt für Blatt die Unterlagen abgehakt, erzählt Siering. Hier fehle noch ein Kreuzchen, jenes hätte noch beglaubigt werden müssen, der Lebenslauf müsse in die vorgefertigte Tabelle übertragen werden. Siering sagt, das Ministerium habe doch all diese Angaben schon von ihr vorliegen, dafür brauchte es nur ihre Personalnummer. Wieso ihr Dienstherr sie nicht finde. Die Antwort: Datenschutz. Der Beamte im Kultusministerium dürfe das nicht einsehen, deswegen müsse es neu eingereicht werden. Schulamt und Kultusministerium seien nicht vernetzt.

Es hätte differenzierte Verträge gebraucht, um es qualifizierten Helferinnen leichter zu machen, meint Simone Fleischmann vom Bayerischen Lehrerinnen- und Lehrerverband (BLLV). „Warum man diese vielen Formulare ausfüllen lassen muss von einer Kollegin, die hier jeder kennt und die ein hohes Renommee hat: Das ist schon skurril und absolut kontraproduktiv“, sagt sie.

Sie soll erneut einen Eid schwören

Am Ende heißt es im Schulamt, man müsse nun noch einen Termin für die Vereidigung finden. Da kann Siering ihre Empörung nicht mehr verstecken. Dass sie erneut einen Eid schwören soll, findet sie respektlos. Die Verpflichtung, als Beamtin immer die Werte des Staats zu vertreten, habe sie sehr ernst genommen, sagt sie – auch über die Schulzeit hinaus. „Nun wird es aber schon sehr kabarettistisch!“, wird sie später in ihrer Mail an Schulamt, Ministerium und Schule schreiben. Hat ihr in der Lehramtszeit geschworener Eid ein Verfallsdatum?

Auf Anfrage der ZEIT teilt eine Sprecherin des Kultusministeriums später per Mail mit, es gebe keine Vorgabe des Staatsministeriums, dass pensionierte Lehrkräfte zu vereidigen seien. Das Schulamt aber wird sich darauf berufen, dass es die Anordnung des Kultusministeriums befolgen müsse und nur ausführendes Organ sei. Das Amt könne die vorgesehenen Vorgänge nicht eigenmächtig verändern.

Als sich dann im Gespräch zwischen Siering und Schulamt noch herausstellt, dass das erweiterte Führungszeugnis nicht rechtzeitig von der Gemeinde übermittelt wurde, steht fest: In der ersten Ferienwoche wird sie nicht unterrichten dürfen. Die Tätigkeit könne erst aufgenommen werden, wenn alle Unterlagen vollständig vorlägen, schreibt das Schulamt. Vom Kultusministerium heißt es: Eine vorläufige Erlaubnis wäre nur möglich, wenn die Pensionierung weniger als drei Jahre zurückläge. Sierings Pensionierung ist exakt drei Jahre her.

Siering schmeißt hin

Siering verlässt das Amt, ruft die Schulleiterin an und sagt ihren Einsatz ab.

Für die elf Schülerinnen und Schüler, die Siering betreut und gefördert hätte, heißt das: Die Sommerschule fällt aus. So bestätigen es einige Lehrer der Schule. Die Schulleitung selbst hat auf Anfragen der ZEIT nicht geantwortet.

Das Schulamt des Landkreises München gibt zu, dass einige der geplanten Kurse im Sommer-Förderprogramm ausfallen mussten – weil die Abwicklung von Verträgen so viel Zeit in Anspruch nahm; Führungszeugnisse nicht rechtzeitig vorgelegt wurden.

Auch der BLLV bestätigt, dass an zahlreichen Schulen, die eigentlich Bedarf gemeldet hatten, die Sommerschule ausfallen muss. Trotz der rund 2.400 Bewerber und Bewerberinnen, die sich bei der Vermittlungsbörse des bayerischen Kultusministeriums gemeldet haben. Die Sommerschule als Teil des Corona-Förderprogramms sei „bürokratisch vor die Wand gefahren“, sagt Fleischmann. Fälle wie die von Marliese Siering gebe es einige. Sie sei nicht die einzige Bewerberin, die vor den Hürden des Aufnahmeverfahrens kapituliert habe.

Am Abend nach dem Termin im Schulamt liegt Siering schlaflos im Bett. Sie wollte ihre Schule nicht enttäuschen, sagt sie. Am nächsten Morgen setzt sie sich hin und formuliert eine Mail. „Der Versuch einer Entschuldigung“, tippt sie in den Betreff. Sie hoffe, schreibt sie, „dass die Regierung/Kultusministerium/Schulamt aus dieser Komödie/Tragödie etwas lernen“. Doch weder vom Schulamt noch vom Ministerium erhält sie eine Antwort.

Als sie einige Tage später mit ihrer ehemaligen Kollegin Barbara Basko zusammensitzt, hat Siering den Vorfall noch nicht verwunden. „Ich bewundere dich dafür, dass du hingeschmissen hast“, sagt Basko. Sie selbst wird bei der Sommerschule aushelfen. Wütend darüber, wie mit ihnen bei der Bewerbung für das Förderprogramm umgegangen wurde, ist aber auch sie. „Du hast dich gewehrt, das ist gut!“ Marliese Siering nickt nachdenklich. „Ja, da hast du recht“, sagt sie. „Mir tut’s nur um die Kinder leid.“