Gesellschaftliches Engagement : „Jugendliche unterscheiden nicht zwischen online und offline“

Wie gelingt Schule in Zeiten der Digitalisierung? Das ist die Leitfrage der Online-Themenwoche „Digitale Schule“ der Deutschen Schulakademie vom 20. bis 26. September. Um diese Frage zu beantworten, ist es wichtig zu verstehen, wie digitale Technologien auf die Gesellschaft wirken und welche neue Formen demokratischen Handelns und Kommunizierens sie hervorbringen. Mit diesem Thema beschäftigt sich Jeanette Hofmann, Professorin für Internetpolitik an der Freien Universität Berlin. Im Interview mit dem Schulportal erklärt sie, wie die Digitalisierung die junge Generation prägt, wie sich dadurch ihre Teilhabe an der Gesellschaft verändert und was das für die Schule bedeutet.

Annette Kuhn / 15. September 2020
Klimaprotest vor dem Reichstag
In ihrem Engagement nutzen Jugendliche vor allem digitale Wege. Auch die Fridays-for-Future-Bewegung setzt ihre Protestaktionen wie hier in Berlin vor allem digital um - und das nicht nur zu Corona-Zeiten.
©Kay Nietfeld/dpa

Deutsches Schulportal: Schülerinnen und Schülern von heute sind Digital Natives. Wie verändert das ihr Leben?
Jeanette Hofmann: Alle Fragen, die auf das Verhältnis zwischen online und offline zielen, gehen an der jungen Generation, die mit dem Internet aufwächst, vorbei. Diese Unterscheidung ist nicht mehr wichtig, weil beides miteinander verschmilzt. Diese Erfahrung unterscheidet sich grundlegend von der der Elterngeneration.

Das Leben junger Menschen wird ständig digital gespiegelt, sie sind immer Teil von sozialen Netzwerken. Das hat enorme Auswirkungen – im positiven wie im negativen Sinne. Es bieten sich viele Möglichkeiten, zugleich kann dieses Leben aber auch für junge Menschen eine enorme Belastung sein. Weil sie keinen Rückzugsraum haben oder ihn zumindest nicht sehen.

Haben die Jugendlichen überhaupt die entsprechenden Digitalkompetenzen, um sich in der digitalen Welt zurechtzufinden?
Wenn digitale und analoge Welt miteinander verschmelzen, sind die digitalen Tools als solche kaum identifizierbar. Das bedeutet allerdings auch, dass sich die frappierenden Bildungsunterschiede, die wir aufgrund unseres Schulsystems kennen, auch massiv im Digitalen niederschlagen. Erstens ist die Gerätevielfalt bei Menschen mit einem bildungsarmen Hintergrund nicht so groß, und zweitens trauen sie sich sehr viel weniger zu. Wenn man aber ein geringes Selbstbewusstsein hat und von seinen eigenen Fähigkeiten nicht viel hält, bewegt man sich im digitalen Raum eher passiv-konsumierend als aktiv-nutzend und gestaltend. Damit entsteht ein negativer Kreislauf.

Der Deutsche Schulpreis 2020: Das sind die besten Schulen

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Wie kann Schule dem entgegenwirken?
Das Bildungsgefälle, das wir generell haben, ist eine große Herausforderung für die Schulen, für das Bildungssystem überhaupt. Das Digitale ist nur eine Facette. Das heißt aber auch, dass alle Maßnahmen, die man ergreift, um dem Bildungsgefälle entgegenzuwirken, sich auch in Bezug auf das Digitale niederschlagen müssen. Es kommt also darauf an, digitale Kompetenzen im pädagogischen Kontext zu stärken.

Schauen wir zum Beispiel auf das Thema Partizipation. Schon in der Schule sollten Kinder und Jugendliche lernen, sich einzubringen und sich zu engagieren. Engagement findet heute bei der jungen Generation aber vor allem digital statt. Das heißt, Jugendliche werden sich nur engagieren, wenn sie auch Zutrauen in ihre eigenen digitalen Fähigkeiten haben.

Auch der Dritte Engagementbericht „Jung, digital, motiviert! Die Zukunft des Engagements in Deutschland“ hat gezeigt, dass sich junge Menschen vor allem über digitale Wege engagieren. Befördern die Möglichkeiten der Digitalisierung das Engagement?
Die Bereitschaft, sich zu engagieren, ist bei jungen Menschen auf jeden Fall groß. Viel größer, als ihnen oft unterstellt wird. Denn die Art und Weise, wie sie sich engagieren, unterscheidet sich deutlich von älteren Generationen und findet dort auch teilweise weniger Anerkennung. Dem Engagementbericht liegt eine repräsentative Umfrage von 14- bis 18-Jährigen zugrunde. Darin gaben 60 Prozent der Jugendlichen an, dass sie sich für einen gesellschaftlichen Zweck einsetzen. Die Hälfte der Befragten übt dieses Engagement über digitale Medien und Kanäle aus.

Junge Menschen nutzen dabei die neuen Organisations- und Kommunikationsformen, die die Digitalisierung bietet. Dazu gehört das Teilen von Inhalten in Social Media, das Agieren in Netzwerken, Crowdsourcing und auch Modelle der Beteiligung über Datenmanagement oder technische Konzepte wie Civic Tech.

Wie kann so ein Engagement konkret aussehen?
Ein Beispiel für projektbezogenes Engagement im Bereich Datenmanagement ist CorrelAid. Die Initiative führt für verschiedene NGOs Datenprojekte durch. Eine Organisation möchte ihre Kundendaten ausgewertet haben und beauftragt damit CorrelAid. Dann finden sich Mitglieder der Initiative an verschiedenen Orten für einen bestimmten Zeitraum zusammen und erledigen das Projekt. Danach gehen sie wieder auseinander. Das Digitale unterstützt hier die neue Organisationsform des sozialen Engagements, ohne dass das Internet dafür aber ursächlich wäre.

Gesellschaftliche Trends bestimmen darüber, wie wir das Digitale nutzen. Das Digitale ist ein Möglichkeitsraum. Es liegt an uns, ihn zu füllen.

In welcher Weise hat sich die Form des gesellschaftlichen Engagements verändert?
Junge Menschen wollen sich heute nicht mehr so lange binden, sie haben eher einen temporären und projektbezogenen Zugang zum politischen oder gesellschaftlichen Engagement. Und sie wollen ihre individuelle Identität nicht zugunsten einer kollektiven Identität zurückstellen. Ihnen geht die Formulierung „Wir Sozialdemokraten“ oder „Wir Grünen“ nicht mehr so leicht über die Lippen. Diese Entwicklung verläuft unabhängig von der Digitalisierung. Aber die Digitalisierung bietet ihnen die entsprechenden Möglichkeiten. Gesellschaftliche Trends bestimmen darüber, wie wir das Digitale nutzen. Das Digitale ist ein Möglichkeitsraum. Es liegt an uns, ihn zu füllen.

Themenwoche „Digitale Schule“

Jeanette Hofmann hält am 23. September um 20.15 Uhr einen Online-Vortrag zum Thema „Demokratie und digitaler Wandel“.

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Zeigt sich das Bildungsgefälle auch beim gesellschaftlichen Engagement?
Ja. Die Umfrage für den Bericht hat ergeben, dass sich 73 Prozent der Schülerinnen und Schüler von Gymnasien engagieren, aber nur 48 Prozent der Schülerinnen und Schüler von Hauptschulen. Das hängt auch mit einer fehlenden Förderung zusammen: Engagement, das institutionalisiert gefördert wird, zum Beispiel das „Freiwillige Soziale Jahr“, richtet sich häufig an Abiturientinnen und Abiturienten. Für Hauptschülerinnen und Hauptschüler gibt es kaum Angebote, sie fallen durch das Raster.

Außerdem gibt es auch eine starke Abgrenzung. Diejenigen, die sich zum Beispiel bei der Bewegung „Fridays for Future“ engagieren, haben meist einen bildungsbürgerlichen Hintergrund, machen Abitur oder studieren. Die Jugendlichen von anderen Schulformen spielen da kaum eine Rolle. Es wäre gut, wenn es da einen Austausch zwischen Schulen geben würde. Und wenn die Jugendlichen sichtbar werden, die sich trotz schwieriger Voraussetzungen engagieren. Diese Jugendlichen können für andere ein Vorbild sein. Auch dabei können digitale Kanäle unterstützend wirken.

Die digitale Schule hat eine starke Integrationswirkung.

Wie wünschen Sie sich die digitale Schule?
Die digitale Schule ist eine, die einem gar nicht als digitale Schule auffällt, weil der Zugang zu digitalen Mitteln nahtlos in den Schulalltag integriert ist. Und die digitale Schule hat eine starke Integrationswirkung. Sie verbindet Kinder an verschiedenen Orten, aus verschiedenen Lebenswelten und auch Kinder, die zum Beispiel nicht zur Schule gehen können – sei es, weil sie krank sind oder aus anderen Gründen. Die digitale Schule kann den Zusammenhalt zwischen Schülerinnen und Schülern fördern. Und sie verändert die Kommunikation in der Schule, macht sie einfacher und offener.

Zur Person

Jeanette Hofmann
Politikwissenschaftlerin Jeanette Hofmann
©David Ausserhofer
  • Das Institut untersucht, wie sich die Digitalisierung auf die verschiedenen Lebensbereiche auswirkt.
  • Jeanette Hofmann ist auch Mitglied in verschiedenen politikberatenden Gremien. So ist sie Vorsitzende der Sachverständigenkommission für den Dritten Engagementbericht der Bundesregierung, der im Juni 2020 erschienen ist.