Dieser Artikel erschien am 25.03.2020 in DIE ZEIT
Autor: Martin Spiewak

Abiturprüfungen : „Jahrgang mit dem besten Abi-Schnitt“

Schleswig-Holstein will die Abiturprüfungen absagen. Der Kieler Bildungsforscher Olaf Köller hält das für eine Bankrotterklärung der Politik – und erläutert, warum viele Schüler nun jubeln dürfen.

Leeres Klassenzimmer – wegen Corona geschlossen
Leeres Klassenzimmer – wegen Corona geschlossen
©dpa

DIE ZEIT: Herr Köller, Schleswig-Holstein will die diesjährigen Abiturprüfungen aufgrund der Corona-Krise absagen. Andere Länder werden diesem Entschluss vielleicht folgen. Wie finden Sie das?
Olaf Köller: Ich bin überrascht. Denn das bedeutet wohl auch, dass der Schulbetrieb mindestens bis Pfingsten oder gar bis zum Sommer ausgesetzt bleibt. Denn wenn man jetzt die Schule für einen Abiturjahrgang sperrt, wird man erst recht nicht nach Ostern die Schulen für alle andere Schüler wieder öffnen.

ZEIT: Was genau heißt das für die Abiturienten?
Köller: Die dürfen sich freuen. Zum einen wird in diesem Jahr niemand durchfallen. Zum anderen werden wir einen Jahrgang mit dem besten Abi-Schnitt seit Langem bekommen. Denn fallen die Abiturprüfungen jetzt weg, wird man die Leistungen aus den vier Semestern der Oberstufe zum Maßstab nehmen müssen – und da fallen die Noten in der Regel immer besser aus als bei der Abiturprüfung selbst.

ZEIT: Um wie viel besser?
Köller: Im Gymnasium macht das ein oder zwei Zehntelpunkte der Gesamtnote aus.

ZEIT: Das sind minimale Unterschiede.
Köller: In Fächern wie Psychologie oder Medizin entscheiden solche Unterschiede darüber, ob man einen Studienplatz bekommt. Das bedeutet, dass die jetzigen Abiturienten gegenüber dem Jahrgang von 2019 oder auch dem von 2021 einen Vorteil haben werden. Denn die Jahrgänge bewerben sich ja nicht immer alle geschlossen für einen Studienplatz. Geradezu jubeln dürfen dieses Jahr alle Schüler, die ihr Abitur nicht auf einem Gymnasium ablegen, sondern auf Gesamtschulen, Sekundarschulen oder beruflichen Gymnasien.

ZEIT: Warum?
Köller: Weil in diesen Schulformen die Diskrepanz zwischen den Vornoten und den Abiturnoten weit größer ist. Da haben sie Schüler, die mit einer Zwei auf dem Zeugnis in die Abi-Prüfung gehen und mit einer Drei oder Vier wieder herauskommen.

ZEIT: Wie ist das möglich?
Köller: Wir wissen aus vielen Studien, dass das Leistungsniveau in diesen Schulformen im Schnitt niedriger ist. In den Vornoten machen sich die Unterschiede aber nicht so sehr bemerkbar. Denn Lehrer orientieren sich nun einmal nicht an objektiven Kriterien, wenn sie Aufgaben stellen oder Noten vergeben, sondern am Durchschnittsniveau ihrer Klasse oder ihres Kurses. Die Abiturprüfung wirkt da normalerweise als Korrektiv, denn hier gibt es dieselben Aufgaben für alle. Dieses Korrektiv fällt jetzt weg.

ZEIT: Die schleswig-holsteinische Schulministerin Karin Prien will das irgendwie alles umrechnen.
Köller: Viel Erfolg dabei! Das wird eine ganz schöne Rechnerei. Denn einige Bundesländer wie Hessen haben mit den Abiturprüfungen ja bereits begonnen. Schon heute wissen wir, dass sich die Abiturdurchschnitte zwischen den Ländern stark unterscheiden. Zu dieser Ungerechtigkeit werden jetzt weitere dazukommen.

ZEIT: Aber sind die Gründe für die Absage der Abschlussprüfungen nicht nachvollziehbar?
Köller: Für mich nicht. Die einzigen plausiblen Gründe für die Absage sind aus meiner Sicht infektiologische oder epidemiologische Erwägungen. Also die Gefahr, dass sich die Schüler anstecken beziehungsweise das Virus massiv verbreiten. Insofern würde ich gern wissen, was der Virologe Christian Drosten von dieser Maßnahme hält.

ZEIT: Aber die Gefahr einer Verbreitung besteht doch in jedem Fall, wenn ein Abiturjahrgang in der Schule zusammenkommt.
Köller: Ein ganzer Jahrgang kommt selten an einem Prüfungstag zusammen. Zudem stehen die Schulen ja jetzt leer. Man kann die Prüflinge auf sämtliche Klassenräume verteilen und sie mit großem Abstand voneinander entfernt platzieren. Ich verstehe nicht ganz, warum man das Abitur – immerhin die wichtigste Prüfung des Landes – einfach absagt, während gleichzeitig auf Baustellen und in vielen Büros noch gearbeitet wird. Da wird ja auch eine Risikoabwägung gemacht. Ich weiß nicht, ob die Kultusminister solche Risikoabwägungen wirklich vornehmen.

„Mündliche Prüfungen per Videokonferenz“

ZEIT: Vielleicht fürchtet man auch Corona-Partys nach der Prüfung!
Köller: Ich glaube, das könnte man mit der Androhung deutlicher Strafen in den Griff bekommen. Aber selbst wenn das nicht geht: Warum nimmt man die Prüfungen nicht digital ab?

ZEIT: Ein Digitalabitur kann doch niemand kontrollieren. Da könnte ja auch der Vater oder der größere Bruder die Aufgaben lösen.
Köller: Aber was spricht gegen mündliche Prüfungen per Videokonferenz? Wir haben doch datenschutzkonforme digitale Plattformen. Und wenn da eine Rechtsgrundlage fehlt, ließe sich diese sicherlich schaffen. Wir peitschen jetzt ganz andere Gesetze durch die Parlamente. Insofern ist die jetzige Absage auch eine Bankrotterklärung der Schulen in puncto Digitalisierung. Wir haben in den vergangenen Jahren viel über die digitale Schule geredet, aber wenig dafür getan. Das rächt sich nun.

ZEIT: Auch viele Schüler und Schülerinnen fordern in einer Petition jetzt eine Absage des Abiturs, weil sie sich angesichts der Krisensituation nicht optimal vorbereiten können – besonders diejenigen, die zu Hause keine guten Lernbedingungen haben. Alles nur vorgeschobene Argumente?
Köller: Gewiss nicht. Wir befinden uns in einer Extremsituation, die uns alle belastet. Ich würde Abiturienten jetzt aber auch nicht wie Kinder behandeln. Es sind junge Erwachsene, von denen man erwarten sollte, dass sie sich zu Hause auf ihre Prüfung vorbereiten. So viel Selbstregulation sollten sie gelernt haben.

ZEIT: Aber einige haben nicht einmal ein eigenes Zimmer, in dem sie jetzt lernen können.
Köller: Das ist richtig, die Krise trifft einige mehr und andere weniger hart. Diese Unterschiede sind aber nicht ganz neu. Auch in früheren Abi-Jahrgängen konnten sich die einen Schüler unter besseren Bedingungen vorbereiten als die anderen. Was man aber schon erwarten kann, ist, dass die Schulen ihre Abiturienten gerade jetzt besonders gut unterstützt. Und viele Lehrer machen das ja auch.

ZEIT: An was denken Sie?
Köller: Lehrer lassen ihre Schüler als Übung die Abituraufgaben der vergangenen Jahre schreiben und schicken sie nicht nur korrigiert zurück, sondern geben den Schülern ein intensives Feedback. Eine andere Möglichkeit sind regelmäßige Sprechstunden per Video. Da könnte man gerade schwachen Schülern oder solchen, die aus sozial schwierigeren Verhältnissen kommen, fast Einzelstunden erteilen.

ZEIT: Nicht nur die Abiturprüfungen könnten jetzt in einigen Bundesländern abgesagt werden, sondern auch die Prüfungen für den mittleren Abschluss und den Hauptschulabschluss. Sehen Sie da dieselben Probleme?
Köller: Auch hier gilt, dass die Durchschnittsnoten aus den Zeugnissen im Schnitt besser ausfallen als die Ergebnisse der Abschlussprüfungen. Auch diese Schüler werden also profitieren. Andererseits sollte man dem jetzigen Jahrgang der Haupt- und Realschüler den Vorteil gönnen. Denn angesichts der implodierenden Wirtschaft werden sie es wahrscheinlich deutlich schwerer haben als die Jahrgänge davor, einen Ausbildungsplatz zu finden.

ZEIT: Herr Köller, wenn man Ihnen so zuhört, wirken Sie richtig sauer auf die Bildungspolitik.
Köller: Nein, die Kultusminister wollen in dieser schwierigen Situation sicherlich nur das Beste für den Abiturjahrgang – auch wenn man sich wünschen würde, dass sie sich stärker abstimmen. Dafür ist die Kultusministerkonferenz ja da.

ZEIT: Der Alleingang Schleswig-Holsteins löste bereits heftige Kritik in anderen Bundesländern aus. Der sächsische Kultusminister Christian Piwarz sagte, man lasse die Schüler im Stich, wenn jedes Land mache, was es wolle.
Köller: Immerhin haben die Länder beschlossen, die jeweiligen Abiturzeugnisse gegenseitig anzuerkennen. Das ist in jedem Fall richtig. Was mich allerdings mehr schockiert ist die Fantasie- und Mutlosigkeit. Die Politik kapituliert vor der fraglos schwierigen Situation, ohne nach konstruktiven Lösungen zu suchen.