IQB-Bildungstrend 2018 : Jungen bauen in den MINT-Fächern ab

Der IQB-Bildungstrend 2018 zeigt insgesamt stabile Leistungen der Neuntklässler in Mathematik und Naturwissenschaften. Allerdings gibt es erkennbare Unterschiede zwischen den Bundesländern, zwischen den Schulformen und auch besonders deutliche Unterschiede zwischen Jungen und Mädchen. Im Interview mit dem Schulportal erklärt Stefan Schipolowski, wissenschaftlicher Leiter der Studie, warum wir unsere Aufmerksamkeit auf die Jungen richten sollten. In einem Infokasten finden Sie außerdem eine Zusammenfassung der wichtigsten Ergebnisse.

Florentine Anders / 18. Oktober 2019
Ein Junge experimentiert am Mikroskop
Jungen haben deutlich weniger Interesse an Biologie als Mädchen. Das zeigt der IQB-Bildungstrend 2018.
©dpa

Schulportal: Herr Schipolowski, wie haben sich die Kompetenzunterschiede zwischen Jungen und Mädchen in den vergangenen sechs Jahren in den MINT-Fächern entwickelt?
Stefan Schipolowski: Die Unterschiede zwischen Jungen und Mädchen haben sich im Fach Mathematik etwas verringert, hier ist der Kompetenzvorsprung der Jungen nun relativ klein; in den Naturwissenschaften haben sich die Disparitäten in wenigen Fällen erhöht. Diese Veränderungen beruhen vor allem auf ungünstigen Entwicklungen bei den Jungen. Besonders in Mathematik sind bei den Jungen in einer Reihe von Ländern Kompetenzrückgänge zu verzeichnen. Aber auch in den naturwissenschaftlichen Fächern gibt es bei den Jungen häufiger Kompetenzrückgänge als bei den Mädchen. Einen Vorsprung haben die Mädchen in den Fächern Biologie und Chemie. In Physik erreichen Jungen und Mädchen im Schnitt ähnliche Kompetenzwerte.

Schulportal: Überrascht Sie das Ergebnis? Bisher galten doch Fächer wie Mathematik in Physik als klare Jungen-Domäne, während die Mädchen eher in den Sprachen einen Vorsprung hatten?
Überraschend ist das für uns nicht. Tatsächlich ist der Vorsprung der Mädchen im sprachlichen Bereich in Schulleistungsstudien gut belegt, auch international. In den Naturwissenschaften ist die Befundlage nicht so eindeutig. Allerdings zeigte sich schon im IQB-Ländervergleich 2012, dass die Mädchen auch in den meisten naturwissenschaftlichen Fächern höhere Kompetenzwerte aufwiesen. Besonders groß war und ist der Unterschied in Biologie. Hier liegen die Mädchen ganz klar vorn.

Woran liegt das?
Dazu kann ich nur spekulieren. Für den Kompetenzvorsprung in Biologie spielt möglicherweise die Motivation eine Rolle: Die Mädchen sind an diesem Fach viel stärker interessiert als an den anderen naturwissenschaftlichen Fächern und sie schätzen hier ihre Kompetenzen auch höher ein als Jungen. In den anderen Fächern sieht das anders aus. Obwohl Mädchen zum Beispiel in Physik genau so gute Ergebnisse haben wie die Jungen, schätzen sie sich selbst hier viel schlechter ein.

Und wie sieht es bei den Jungen mit der Selbsteinschätzung aus?
Die Jungen schätzen ihr Können in den Fächern Physik, Chemie und Mathematik deutlich höher ein als die Mädchen, obwohl das für die Leistungen in den Tests nicht gilt. Sie zeigen auch ein größeres Interesse an diesen Fächern. Zum Beispiel geben in unserer Studie fast 60 Prozent der Jungen ein mittleres oder hohes Interesse für das Fach Physik an, während es bei den Mädchen nur knapp 40 Prozent sind. Allerdings haben sich neben den Kompetenzen auch das Selbstkonzept und das Interesse der Jungen im Vergleich zu 2012 ungünstig entwickelt.

Gibt es Bundesländer, in denen der Negativtrend für die Jungen besonders auffällig ist?
In den meisten Bundesländern, für die wir negative Trends gefunden haben, sind die Jungen stärker von den ungünstigen Entwicklungen betroffen als die Mädchen. In Brandenburg, Sachsen-Anhalt, Schleswig-Holstein und Thüringen haben sich die von Jungen erreichten Kompetenzen in allen untersuchten Fächern im Vergleich zu 2012 negativ entwickelt. Am deutlichsten ist diese Entwicklung in Brandenburg: In Mathematik haben die Jungen dort 37 Kompetenzpunkte gegenüber 2012 verloren. Zum Vergleich: In einem ganzen Schuljahr gewinnen die Schülerinnen und Schüler im Durchschnitt etwa 50 Kompetenzpunkte dazu.

Haben die Schulen in den MINT-Fächern zu sehr auf die Förderung der Mädchen geschaut und dabei die Jungen vernachlässigt
Angesichts der Ergebnisse sollten die Schulen jetzt nicht aufhören, die Mädchen zu fördern. Die Befunde legen nahe, dass Mädchen stärker von ihrem Leistungspotenzial im MINT-Bereich überzeugt und ihr Interesse an diesen Fächern besser gefördert werden sollte. Das ist wichtig, da sich diese motivationalen Merkmale auf die Wahl von Leistungskursen und später auch auf die Berufswahl oder Studienfachwahlen auswirken können.

Die Verlierer in der aktuellen Studie sind doch aber die Jungen. Wie können die Schulen den Negativtrend bei den Jungen umkehren?
Unsere Aufgabe ist es, Entwicklungen aufzuzeigen und Beschreibungswissen zu liefern. Über die Ursachen und Konsequenzen müssen sich nun die Länder Gedanken machen und dabei auch zusätzliche Informationen über das jeweilige Bildungssystem berücksichtigen. Die Gründe für die beobachteten Kompetenzrückgänge bei den Jungen können unterschiedlich sein. Die Forschung zu Geschlechterdisparitäten weist darauf hin, dass die Jungen möglicherweise größere Schwierigkeiten haben als Mädchen, ihre Lernprozesse selbstreguliert zu steuern. Es könnte also sein, dass sie bei den offenen Unterrichtskonzepten, die sich in den vergangenen Jahren etabliert haben, mehr Unterstützung benötigen. Das ist aber nur eine mögliche Hypothese von vielen.

Auf einen Blick

  • Im IQB-Bildungstrend 2018 untersuchte das Institut für Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) im Auftrag der Kultusministerkonferenz zum zweiten Mal die Kompetenzen der Neuntklässlerinnen und Neuntklässler in Mathematik und in den Naturwissenschaften. Durch einen Vergleich mit den Ergebnissen von 2012 kann erstmals ein Trend beschrieben werden. Gemessen wurde das Niveau anhand der KMK-Standards für den Mittleren Schulabschluss (MSA). Insgesamt bleiben die Leistungen weitgehend stabil ­– trotz einer wachsenden Heterogenität der Schülerschaft.
  • Ungünstige Trends gibt es mit Ausnahme von Sachsen in allen ostdeutschen Flächenländern (ausgehend von einem hohen Niveau 2012) und in Schleswig-Holstein. Ein positiver Trend zeigt sich nur in Bayern im Fach Physik.
  • In Mathematik erreichen 24 Prozent der Schülerinnen und Schüler der neunten Klasse noch nicht die Mindeststandards für den MSA, allerdings bleibt auch noch ein Jahr Zeit für die Entwicklung. Einbezogen waren auch Schülerinnen und Schüler, die nur einen Hauptschulabschluss anstreben. In Bayern liegt die Quote bei nur 17,2 Prozent, in Bremen bei 40,6 Prozent.
  • Im Fach Biologie verfehlen bundesweit fünf Prozent die Mindeststandards im Bereich Fachwissen, in Chemie sind es 17 Prozent und in Physik neun Prozent. Hier wurden nur Schülerinnen und Schüler einbezogen, die den MSA anstreben.
  • Für Gymnasien zeichnen sich in der Trendanalyse insgesamt für alle Fächer ungünstige Entwicklungen ab. Am stärksten fallen die Leistungen in Chemie und in Biologie an den Gymnasien ab. Am stärksten betroffen sind Brandenburg und Sachsen-Anhalt. Aber auch in Baden-Württemberg, Hessen, Schleswig-Holstein und Thüringen gibt es eine negative Tendenz.
  • Der Anteil der Neuntklässler mit Zuwanderungshintergrund hat sich seit 2012 in Deutschland um fast sieben Prozent erhöht und liegt im Jahr 2018 bei 34 Prozent. Der Nachteil für die Jugendlichen aus zugewanderten Familien ist in den naturwissenschaftlichen Fächern stärker ausgeprägt als in Mathematik. Zum ersten Mal konnten auch die Kinder mit Fluchthintergrund, die 2015/2016 nach Deutschland gekommen sind, in der Studie berücksichtigt werden.