Interview : „Digitale Medien können die Lehrkraft nicht ersetzen“

Intelligente Lernsoftware, die den Stoff passgenau auf die Schülerinnen und Schüler zuschneidet, wird weltweit erprobt. Wie können die Erfahrungen der anderen Länder in Deutschland genutzt werden? Über diese Frage sprachen wir mit Heike Schaumburg vom Forschungs­team der neuen Studie „Personalisiertes Lernen mit digitalen Medien“.

Florentine Anders / 26. Juni 2018
DSP 2016: die Freiherr-vom-Stein-Schule, Gemeinschaftsschule der Stadt Neumuenster. KULT: offene Lernphase Deutsch, Mathematik, Englisch Jg. 5-7.
Die Freiherr-vom-Stein-Schule in Neumünster hat ein Medienkonzept für die Bildung in der digitalen Welt erarbeitet. Die Schule gehörte 2016 zu den Preisträgern des Deutschen Schulpreises.
©Theodor Barth (Robert Bosch Stiftung)

Das Deutsche Schulportal: Digitale Medien werden derzeit oft als Heilsbringer gesehen, wenn es darum geht, dass jede Schülerin und jeder Schüler im eigenen Tempo und nach individuellen Interessen lernt. Ist Lern­soft­ware tatsächlich die Zukunft für den personalisierten Unter­richt?
Heike Schaumburg: Ja und Nein. In Zukunft werden digitale Medien im Unterricht sicher vieles erleichtern und auch ganz neue Möglichkeiten eröffnen. Aber auch ohne digitale Medien können ja die Schüler­innen und Schüler in den herkömmlichen Arbeits­heften oft schon nach ihrem eigenen Tempo lernen. Mit einer Lern­software geht das noch einfacher. So erhalten die Lehrerinnen und Lehrer zum Beispiel eine übersichtlichere Rück­meldung, wo der Einzelne gerade steht.

Allerdings können digitale Medien nicht die Lehrkraft ersetzen. Die Pädagogik steht immer im Vordergrund. Eine komplette Individualisierung des Unterrichts sollte aus meiner Sicht auch gar nicht die Zukunft der Schule sein. In der Schule geht es auch immer um gemeinsames Lernen und um soziale Erfahrungen.

Die aktuelle Studie zeigt, dass andere Länder wie etwa die USA oder Kanada viel weiter sind, was den Einsatz von Lern­software im Unterricht betrifft. Lassen sich die Erfahrungen und Methoden auf Deutschland über­tragen?
Man muss gar nicht so weit in die Ferne schauen – schon in unseren Nachbar­ländern Dänemark oder Nieder­lande werden digitale Lern­werkzeuge viel häufiger im Unter­richt eingesetzt als hier. Einige dieser Erfahrungen ließen sich auf jeden Fall auf unser Schul­system übertragen. Allerdings ist Vorsicht geboten, wenn es darum geht, Methoden eins zu eins zu über­nehmen. Pisa hat uns gezeigt, dass es eben nicht so einfach ist, die Erfolgs­faktoren beispiels­weise von Finnland auf Deutschland zu über­tragen – die Bildungs­systeme sind zu unter­schiedlich. Hinzu kommt, dass die technische Ausstattung an den deutschen Schulen nach wie vor schlechter ist als in vielen anderen Ländern. Und unter den Lehrkräften hier ist oft eine gewisse Technik­skepsis verbreitet, die es so in den Niederlanden zum Beispiel nicht gibt. All diese Faktoren müssen mit bedacht werden, wenn man sich die inter­nationalen Erfahrungen ansieht.

Portrait von Heike Schaumburg
Heike Schaumburg, Erziehungswissenschaftlern an der Humboldt Universität zu Berlin
©Bernd Prusowski

Viele Lehrerinnen und Lehrer scheinen aber auch überfordert, wenn es darum geht, aus der Fülle der Möglichkeiten eine geeignete Software auszuwählen.
Das ist tatsächlich ein Problem. Hier wäre es wichtig, wenn die Angebote lehr­planbezogen über­sichtlich zusammen­gestellt und Empfehlungen für die Nutzung im Unterricht gegeben werden würden. In einigen Bundes­ländern gibt es schon solche Angebote, beispiels­weise auf den Bildungs­servern. Es gibt auch Einzel­initiativen von engagierten Lehrerinnen und Lehrern, die sich im Netz austauschen. Und dann gibt es noch die Schwierigkeit der Finanzierung. Die Kosten für die Software werden bei den Kosten der Digitalisierung meist noch gar nicht mitgedacht. Die Schulen haben bisher in der Regel kein ausreichendes Budget, um Lizenzen zu kaufen. Eine Möglichkeit wäre es aus meiner Sicht, dass die Bildungs­behörden der Länder Lizenz­vereinbarungen für alle Schulen des jeweiligen Bundeslands abschließen würden.

Die Kosten für die Software werden bei den Kosten der Digitalisierung meist noch gar nicht mitgedacht. Die Schulen haben bisher in der Regel kein ausreichendes Budget, um Lizenzen zu kaufen.
Heike Schaumburg, Erziehungswissenschaftlerin der Humboldt-Universität zu Berlin

Eine Hürde scheint auch der Datenschutz zu sein. Können die Lehrerinnen oder Lehrer in Deutschland überhaupt digitale Lernwerkzeuge einsetzen, wie etwa in Asien oder USA?
Die Unsicherheit ist bei den Lehrerinnen und Lehrern groß. Wenn sie zum Beispiel mit den Schülerinnen und Schülern Platt­formen wie Instagram oder Youtube nutzen wollen, weil diese sich dort viel bewegen, ist die rechtliche Lage häufig unklar. Wenn wir von Software für das personalisierte Lernen sprechen, dann geht es dabei außerdem auch immer darum, große individualisierte Datenmengen zu erfassen. Die Programme verarbeiten diese Daten und geben dann Rückmeldungen, zum Beispiel zum aktuellen Lernstand des Einzelnen. So können etwa Aufgabentypen angepasst werden.

Über die datenschutzrechtlichen Voraussetzungen, die für die Nutzung solcher Programme gegeben sein müssen, hat man sich aber bisher noch nicht ausreichend Gedanken gemacht. Anderer­seits wird in einigen Ländern, wie in China oder der Schweiz, in Forschungs­projekten bereits mit Programmen experimentiert, bei denen die Schülerinnen und Schüler im Unterricht permanent mit Kameras gefilmt werden. Über die Gesichts­erkennung erfasst der Computer dann, wer gerade aufmerksam zuhört oder wer unaufmerksam ist. Entsprechend werden auf den Tablet-PCs der Schülerinnen und Schüler unter­schiedliche Aufgaben eingespielt. Auch die Lehr­kräfte können auf diesem Weg einen Überblick über die Aufmerk­samkeit der Schülerinnen und Schüler ihrer Klasse einholen.

Das wäre an einer staatlichen Schule in Deutschland nicht denkbar – die Frage ist aber auch, ob wir zu einer solchen Form der Technisierung des Unterrichts hinwollen.

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