Inklusive Schule : Chance auf Inklusion hängt von Wohnort und Förderbedarf ab

Überall in Deutschland nimmt die Exklusion von Kindern mit Förderbedarf ab – nur im Südwesten und Süden nicht. Dort stagniert die Exklusionsquote oder nimmt sogar zu. In ihrem aktuellen Lagebericht „Unterwegs zur inklusiven Schule“ weist die Bertelsmann Stiftung deutlich darauf hin, wie sehr der Wohnort darüber entscheidet, ob Schülerinnen und Schüler mit Handicaps eine Regelschule besuchen.

Antje Tiefenthal / 03. September 2018
Rollstuhlfahrende Kinder spielen Basketball
Immer mehr Schulen wollen eine Schule für alle Kinder sein. Die Europaschule in Bornheim ist bereits seit 2009 inklusiv.
©Theodor Barth/RB Stiftung

Gute Nachrichten: Immer mehr Kinder und Jugendliche mit Lernhandicaps werden inklusiv beschult. Das ist das zentrale Ergebnis einer jetzt veröffentlichten Analyse der Bertelsmann Stiftung zum Stand der Inklusion in der Bundesrepublik. Die Zahl der Schülerinnen und Schüler, die separate Förderschulen besuchen, ist demnach in den vergangenen Jahren zurückgegangen. Allerdings gibt es deutliche regionale Unterschiede: Je nach Bundesland ist diese Entwicklung unterschiedlich ausgeprägt. Das Schulportal stellt fünf wichtige Erkenntnisse aus der aktuellen Studie vor:

Inklusion in Deutschland ist auf einem guten Weg

Vor zehn Jahren lernten 4,9 Prozent aller Kinder auf einer Förderschule. In den vergangenen Jahren ist ihr Anteil um 0,6 Prozentpunkte gesunken (Stand 2017): Mehr Kinder mit und ohne Förderbedarf werden heute also gemeinsam unterrichtet.

Weniger Kinder mit Lernschwierigkeiten besuchen Förderschulen

Die positive Entwicklung ist besonders bei Kindern mit Förderbedarf im Bereich Lernen sichtbar: Die Exklusionsquote* dieser Schülerinnen und Schüler ist in Deutschland von 2,1 auf 1,3 Prozent gesunken. Laut des Lageberichts der Bertelsmann Stiftung findet Deutschland damit „Anschluss an internationale Standards: In den meisten anderen Ländern werden Kinder mit Lernschwierigkeiten schon seit langem in den Regelschulen unterrichtet.“

Entwicklung der Inklusion: große regionale Unterschiede

Allerdings gibt es von Bundesland zu Bundesland unterschiedliche Ausprägungen dieser Entwicklung. So ist die Exklusionsquote beispielsweise in Bremen besonders stark zurückgegangen: Dort beträgt sie nur noch 1,2 Prozent, vor einem Jahrzehnt waren es noch 3,4 Prozentpunkte mehr. Auch in Bundesländern wie Thüringen (-3,5 Prozent), Sachsen-Anhalt (-2,8 Prozent) und Mecklenburg-Vorpommern (-2,8 Prozent) ist die Exklusionsquote überdurchschnittlich gesunken. Im Saarland dagegen liegt dieser Wert seit dem Schuljahr 2008/2009 unverändert bei 4,2 Prozent – und in Baden-Württemberg und Bayern ist die Exklusionsquote sogar angestiegen.

Auch der Förderbedarf beeinflusst die Chance auf eine Regelschule

Die Analyse, die Bildungswissenschaftler Klaus Klemm für die Bertelsmann Stiftung durchgeführt hat, macht aber deutlich, dass nicht nur der Wohnort Einfluss darauf hat, ob Kinder mit Förderbedarf inklusiv beschult werden oder nicht. Je nach Förderbedarf sind die Chancen unterschiedlich verteilt. „Nur im Bereich Lernen gibt es einen bundesweiten Rückgang der Exklusion“, konstatiert die Stiftung in einer Mitteilung zur Veröffentlichung der Studie. Kinder, die im Bereich Sprache Förderbedarf haben, würden zumindest in 11 von 16 Bundesländern immer häufiger mit Kindern ohne Förderbedarf gemeinsam zur Schule gehen. Im Vergleich dazu hat sich im Zeitraum von 2008 bis 2017 für Schülerinnen und Schüler mit den Förderschwerpunkten geistige und soziale Entwicklung bundesweit kaum etwas verändert. Bei Kindern und Jugendlichen, die Unterstützung im sozial-emotionalen Bereich benötigen, hat die Exklusion aktuell sogar zugenommen.

Mehr Unterstützung für Lehrkräfte notwendig

Jörg Dräger, Vorstand der Bertelsmann Stiftung, fordert mit Blick auf die Ergebnisse des Lageberichts mehr „sonderpädagogische Kompetenz und Fortbildungen für die Lehrer, um den unterschiedlichen Schülern besser gerecht zu werden.“ Dräger pocht darüber hinaus auf bundesweit einheitliche Qualitätsstandards, um die Differenzen bei der Inklusion in den Bundesländern zu verringern. Er verweist auf den nationalen Bildungsrat: Das geplante Gremium könne gemeinsam mit den Ländern Maßstäbe für inklusive Schule konzipieren.

Hier geht es zur vollständigen Studie: „Unterwegs zur inklusiven Schule. Lagebericht 2018 aus bildungsstatistischer Perspektive“

*Anteil der Schülerinnen und Schüler mit Förderbedarf, die in Förderschulen unterrichtet werden, an allen Schülerinnen und Schülern

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