Dieser Artikel erschien am 17.08.2018 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Autorin: Heike Schmoll

Bildung in Berlin : In sieben Tagen zum Lehrer

In Berlin haben die meisten neu eingestellten Lehrer kein entsprechendes Studium absolviert. Viele lernen das grundlegende Handwerk im Schnellverfahren in Crashkursen. Vor allem Schulen in Brennpunktvierteln trifft das hart.

Ein Mann und eien Frau stehen vor einem Whiteboard
Quereinsteiger erhalten oft kurze Crashkurse, die das Handwerkszeug vermitteln sollen.
©unsplash/rawpixel

Noch im Juni fehlten der Berliner Bildungs­senatorin Sandra Scheeres (SPD) mehrere hundert Lehrer. Nun seien die Lücken gefüllt, sagte sie wenige Tage vor Beginn des neuen Schul­jahrs am Montag. Ein Grund zur Freude ist das jedoch nicht. Denn es handelt sich um eine heikle Not­lösung. Von 1240 neu ein­gestellten Grund­schul­lehrern erfüllen nur 362 die Anforderungen an einen ausgebildeten Elementar­pädagogen. 389 sind Quer­ein­steiger, die berufs­begleitend das Referendariat durch­laufen sollen und die Mehr­heit von 489 sind sogenannte Lovls (Lehrer ohne volle Lehr­befähigung). Das seien Kandidaten, die ein Fach­studium absolviert und teilweise auch Unter­richts­erfahrung etwa an Universitäten hätten oder Lehrer aus Willkommens­klassen, sagt Scheeres. Doch seit wann qualifiziert universitäres Lehren zur Alpha­betisierung und zum Elementar­unterricht?

Die „Lovls“ werden zunächst für ein Jahr befristet eingestellt, über die Entfristung entscheidet der zuständige Schul­leiter. Quer­ein­steiger müssen einen Master-, Diplom- oder Magister­abschluss in mindestens einem Fach haben, das einem Schul­fach mit einem besonders hohen Bedarf entspricht. Sie werden in einem un­befristeten Angestellten­verhältnis ein­gestellt. Da Berlin nicht verbeamtet, werden einige Lehrer möglicher­weise auch in andere Bundes­länder abwandern. Der Direktor des Instituts für die Pädagogik der Natur­wissen­schaften in Kiel, Olaf Köller, sagte der F.A.Z., es sei offen­kundig, dass dem Senat „die Unter­richts­versorgung wichtiger ist als die Unter­richts­qualität“. Zugleich warnte er davor, Probleme mit der Lehrer­versorgung mit „unqualifiziertem Personal“ lösen zu wollen, weil die unzureichend ausgebildeten Lehrer für Jahr­zehnte in der Schule verharrten und verbesserungs­würdigen Unter­richt hielten. Köller schlug vor, die bundes­weit etwa 20 Schüler umfassenden Grund­schul­klassen um jeweils vier Schüler zu erhöhen, wenn damit der Unter­richt durch eine aus­gebildete Grund­schul­lehr­kraft gesichert werden könnte. Dass dieser Vorschlag wenig wahl­kampf­tauglich ist, weiß der Bildungs­forscher.

Grundlegendes in sieben Tagen

Es sei absurd, meint Köller, dass Grundschullehrer einerseits fünf Jahre lang studierten und die Länder anderer­seits glaubten, Quer­ein­steiger in wenigen Tagen mit Crash­kursen das grund­legende Handwerk vermitteln zu können, das schon die Voraus­setzung für ein Referendariat bilden soll. In Berlin jeden­falls dauert der Crash­kurs nur sieben Tage. In den ersten acht Wochen wird ihnen ein erfahrener Lehrer, etwa ein Pensionär, zur Seite gestellt, doch das wird nicht reichen, um mit Störungen und anderen Problemen des Schul­all­tags professionell umzugehen, ohne selbst dabei unter­zu­gehen. Der Eltern­verband in Berlin hat an die Bildungs­senatorin appelliert, wenigstens in den ersten beiden Klassen­stufen nur Profis einzusetzen, doch das wird ein frommer Wunsch bleiben. Die vorhandene Zahl der aus­gebildeten Grund­schul­lehrer reicht dafür nicht.

Hinzu kommt in Berlin, dass ausgerechnet die Brenn­punkt­schulen die meisten Quer­ein­steiger aufweisen. Das Personal der Sonnen-Grund­schule hat am Freitag vor dem Gebäude der Senats­verwaltung für Bildung, Schule und Familie protestiert. Denn auch im neuen Schul­jahr wird der Anteil der Quer­ein­steiger in dieser Schule in Neukölln, die im Früh­jahr einen Brand­brief veröffentlichte, bei 50 Prozent liegen. „Es drängt sich der Gedanke auf, dass Bildung in Berlin keinen aus­reichenden Stellen­wert bekommt“, heißt es in dem Aufruf zur Protest­kund­gebung. Das Kollegium halte es für „fahr­lässig, angehende Lehrer an so belasteten Schulen“ auszubilden, denn das Problem lande ohnehin wieder bei den Lang­zeit­belasteten, die neben­bei noch einem jungen Kollegen das Hand­werks­zeug und die Freude am künftigen Beruf vermitteln sollten. Das Kollegium hat deshalb schon im Mai zwei Ent­lastungs­stunden für die Einarbeitung von Quer­ein­steigern gefordert.

Qualifiziertes Personal – in begehrten Vierteln

Da sich Lehrer in Berlin auch direkt an Schulen bewerben können, sind die in den begehrten Vierteln selbst­verständlich mit quali­fizierterem Personal aus­gestattet. Denn kein Lehr­amts­anwärter geht frei­willig an eine Brenn­punkt­schule, wenn er eine Alter­native hat. Von drei­hundert Euro Brenn­punkt­zulage bleibt nach Versteuerung kaum etwas übrig. Die Berichte von früheren Kollegen, die massive gesund­heitliche Probleme bis hin zum Burn­out hatten, tun ihr Übriges. Die CDU forderte angesichts der derzeitigen Situation in Berlin den Rück­tritt der Senatorin. Sie habe schon als „lang­jährige Wissen­schafts­senatorin versäumt, recht­zeitig die Weichen zu stellen: Es wurden zu wenig Plätze für Lehr­amts­studenten und Referendare eingerichtet“, sagte der CDU-Fraktion­svor­sitzende Burkard Dregger.