Ganztagsgrundschulen : In Deutschland fehlen 645.000 Betreuungs­plätze

Vor allem Mütter würden gern mehr arbeiten – fehlende Kinderbetreuung hindert sie oft daran. Eine neue Studie zeigt, wie groß die Lücken in den Bundesländern sind.

Dieser Artikel erschien am 02.07.2021 in DER SPIEGEL
Miriam Olbrisch
Kind spielt während Mutter im Homeoffice arbeitet
©dpa

In Deutschland fehlen rund 645.000 Ganztages-Betreuungsplätze für Grundschulkinder. Das geht aus einer bisher unveröffentlichten Berechnung des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln (IW) hervor, die dem SPIEGEL vorliegt. Die Ökonomen Wido Geis-Thöne und Axel Plünnecke verglichen dazu die Anzahl der belegten Betreuungsplätze in Ganztagsgrundschulen und Horten im Schuljahr 2018/2019 mit den Wünschen der Eltern. Demnach besuchte jedes zweite Kind eine solche Betreuung, Bedarf hatten aber 73 Prozent der Familien.

Die Unterschiede zwischen den Bundesländern sind dabei erheblich (siehe Grafik). Während in Hamburg neun von zehn Grundschulkindern eine Bildungseinrichtung mit Ganztages-Angebot besuchen, trifft das in Baden-Württemberg nur auf 22 Prozent der Kinder zu. Überdurchschnittlich hoch sind die Betreuungsquoten in Ostdeutschland.

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Ein Grund für diese Spanne liegt nach Ansicht der Ökonomen im vorherrschenden Familienbild in den verschiedenen Regionen des Landes. So sei es in Ostdeutschland schon seit längerer Zeit üblich, dass in Paarfamilien beide Partner in Vollzeit oder zumindest mit hohen Stundenzahlen arbeiten gingen.

Hamburg hat massiv ausgebaut

Auch in den Metropolen beobachten Ökonomen diese Rollenverteilung. „In Städten wie München, Hamburg oder Köln wollen oder müssen beide Partner oft viele Wochenstunden arbeiten, da viele Jobs attraktiv und die Lebenshaltungskosten hoch sind“, sagt IW-Ökonom Axel Plünnecke. Hamburg habe vor einigen Jahren auf diese Entwicklung reagiert und die Ganztagesbetreuung an Schulen massiv ausgebaut.

Auch in den ländlichen Regionen im Süden und Westen der Republik zeichne sich ab, dass vor allem die Mütter gern mehr arbeiten würden. Ökonomisch ergebe das Sinn, sagt Plünnecke. „Die Digitalisierung dürfte dazu führen, dass sich Berufe und Arbeitswelt stark wandeln und Qualifikationen unter Umständen entwertet werden.“ Gleiches gelte für Berufe, die künftig direkt oder indirekt von einer veränderten Klimapolitik betroffen sein könnten, etwa in der Autoindustrie.

„Wenn der bisherige Hauptverdiener seinen Job verliert oder seine Arbeit aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr ausüben kann, wächst das Armutsrisiko.“ Für die wirtschaftliche Stabilität einer Familie sei es deshalb wichtig, dass beide Partner ein ausreichendes Erwerbseinkommen erzielen könnten.

Die Nachfrage übersteigt das Angebot

Allerdings scheitere dies immer wieder an der Sorgearbeit in der Familie. „Eine bessere institutionelle Betreuung und eine gleichmäßigere Aufgabenteilung mit den Vätern könnten die Frauen entlasten“, sagt Plünnecke. Noch gehe der Ausbau der Ganztagsbetreuung in einigen Bundesländern allerdings recht langsam voran. „Das Angebot ist auch bei der Qualität nicht optimal und hält mit der Nachfrage nicht Schritt.“ Derzeit fehlen rund 120.000 Betreuungsplätze für Grundschulkinder in Bayern, in Baden-Württemberg sind es rund 118.000 und in Niedersachsen sogar rund 140.000.

Vor wenigen Wochen hatte der Bundestag ein Gesetz beschlossen, das jedem Grundschulkind ab dem Sommer 2026 eine tägliche Betreuungszeit von acht Stunden per Rechtsanspruch garantiert.

Die Coronakrise werde den Bedarf nach Ganztagsbetreuung wohl noch weiter erhöhen, glaubt Plünnecke. „In der Pandemie haben viele Menschen die Erfahrung gemacht, dass scheinbar sichere Jobs, etwa in der Reisebranche, in der Gastronomie oder im Messegeschäft, plötzlich bedroht waren.“ Um das Familieneinkommen zu sichern, seien Paare stärker auf das Gehalt des zweiten Partners angewiesen gewesen.