Neue Studie : Wie Schulen Digitalkompetenzen optimal vermitteln

Die neue Studie „Digitales Potenzial“ zeigt, dass die Vermittlung von Digitalkompetenzen an nicht gymnasialen Schulen mit durchschnittlicher technischer Ausstattung genauso gut funktionieren kann wie an Gymnasien. Für die Untersuchung im Auftrag der Vodafone Stiftung Deutschland wurden Daten der internationalen Vergleichsstudie ICILS 2018 analysiert und herausgearbeitet, von welchen Faktoren eine erfolgreiche Vermittlung von Digitalkompetenzen abhängt. Das Schulportal fasst die wichtigsten Punkte der Studie zusammen.

Annette Kuhn / 08. Oktober 2020
Digitalkompetenzen Schüler mit Tablet
Wie gut die Digitalkompetenzen von Jugendlichen sind, hängt wesentlich von ihrem Bildungshintergrund ab. Aber es gibt auch Schulen, denen es gelingt, Digitalkompetenzen chancengerechter zu vermitteln. Das zeigt eine neue Studie.
©Julian Stratenschulte/dpa

Je schlechter die Bildungschancen, desto schlechter sind meistens auch die Digitalkompetenzen der Schülerinnen und Schüler. Zwar verfügen fast alle Jugendlichen heute über ein digitales Endgerät, aber „allein der Zugang zu digitalen Medien reicht eben nicht aus“, so Birgit Eickelmann, Professorin für Schulpädagogik an der Universität Paderborn im Interview mit dem Schulportal. Viel zu sehr seien digitale Kompetenzen abhängig vom Bildungshintergrund des Elternhauses und von der jeweiligen Schulform.

Aber es geht auch anders, haben nun Birgit Eickelmann und die Privatdozentin Kerstin Drossel in der  neuen Studie „Digitales Potenzial” für die Vodafone Stiftung Deutschland festgestellt. Drossel gehört ebenfalls zur Arbeitsgruppe Schulpädagogik der Universität Paderborn.

Ausgangspunkt waren die Daten der jüngsten internationalen Vergleichsstudie „International Computer and Information Literacy Study“ (ICILS) 2018, bei der die Digitalkompetenzen von Achtklässlerinnen und Achtklässlern untersucht wurden. ICILS 2018 hatte gezeigt, dass Jugendliche, die die achte Klasse auf einem Gymnasium besuchen, im Schnitt  über deutlich höhere Digitalkompetenzen verfügen als Gleichaltrige in der Sekundarstufe I an nicht gymnasialen Schulen.

Vermittlung von Digitalkompetenzen braucht pädagogische Konzepte

Eickelmann und Drossel haben nun in einer Sekundärauswertung von ICILS 2018 herausgearbeitet, dass es aber durchaus auch nicht gymnasiale Schulen gibt, denen die Vermittlung von Digitalkompetenzen ebenso gut gelingt wie Gymnasien. Die Achtklässlerinnen und Achtklässler können hier ein ähnlich hohes Kompetenzniveau erreichen wie Gleichaltrige an Gymnasien. Erstaunlich dabei: Es sind Schulen, deren digitale Ausstattung nicht umfangreicher ist als am Gros der Schulen. Hardware, Software und Netzanschluss sind weder besser noch schlechter. In der Studie werden sie „digitale Optimalschulen“ genannt. Etwa jedes zehnte Nicht-Gymnasium haben die beiden Bildungsforscherinnen als „Optimalschule“ ausgemacht. Im internationalen Vergleich von ICILS 2018 zeigt sich, dass diese Schulen sogar in Bezug auf die computer- und informationsbezogenen Kompetenzen besser abschneiden als der Durchschnitt aller Schulen in Deutschland.

Was machen diese Schulen nun besser? Die Analyse zeigt, dass es nicht einzelne Faktoren sind, sondern dass es auf das gute Zusammenspiel verschiedener Faktoren ankommt. Zum einen muss natürlich die technische Ausstattung inklusive IT-Support stimmen. Allerdings muss es auch ein Ausstattungskonzept geben, das zu den jeweiligen pädagogischen Bedarfen passt. Zum anderen ist es wichtig, dass das Kollegium durch entsprechende Fortbildungen die erforderlichen Kompetenzen mitbringt, um die digitalen Mittel pädagogisch sinnvoll einzusetzen.

Besonders erfreulich ist, dass digitale Optimalschulen bei allen Schülerinnen und Schülern die digitalen Kompetenzen gezielt fördern und sie gleichzeitig chancengerecht sind und Bildungsungleichheiten überwunden werden.
Birgit Eickelmann, Leiterin der Studie und Professorin für Schulpädagogik an der Universität Paderborn

Nur wenn digitale Ausstattung, Kompetenz der Lehrkräfte und pädagogische Konzepte für den Einsatz digitaler Medien zusammenwirken, gelingt es, die Digitalkompetenzen der Schülerschaft zu verbessern – unabhängig von dem jeweiligen Hintergrund der Schülerinnen und Schüler. Die Ungleichheiten, die sich sonst im deutschen Bildungssystem aufgrund von Geschlecht, Migrationshintergrund oder sozialer Lage abbilden, spielen dann offenbar keine oder eine viel geringere Rolle. „Besonders erfreulich ist, dass digitale Optimalschulen bei allen Schülerinnen und Schülern die digitalen Kompetenzen gezielt fördern und sie gleichzeitig chancengerecht sind und Bildungsungleichheiten überwunden werden“, kommentiert Birgit Eickelmann die Ergebnisse der Studie.

Digitalkompetenzen erleichtern individuelle Förderung

Auffällig ist auch, dass die Zufriedenheit der Lehrkräfte mit der technischen Ausstattung an den „digitalen Optimalschulen“ höher ist als an anderen Schulen mit vergleichbarer Ausstattung. Während 62 Prozent der Lehrerinnen und Lehrer an diesen „Optimalschulen“ zufrieden sind mit der Ausstattung, sind das im Schnitt aller Schulen nur 47 Prozent.

Offenbar setzen Lehrkräfte digitale Mittel hier häufiger und effektiver ein – und zwar sowohl, um der ganzen Klasse Inhalte zu vermitteln, als auch für die gezielte individuelle Förderung. 69 Prozent der Lehrerinnen und Lehrer an „Optimalschulen“ nutzen digitale Medien demnach für die Präsentation von Informationen – im Schnitt sind es 44 Prozent. Ein Viertel arbeitet mit digitalen Medien zur Förderung einzelner Schülerinnen und Schüler oder kleiner Gruppen – im Schnitt aller Schulen tun dies 15 Prozent. „Die geschickte Kombination verschiedener Einsatzmöglichkeiten digitaler Medien scheint den entscheidenden Mehrwert auszumachen“, so Eickelmann.

Studie bietet wichtige Ansatzpunkte in Corona-Situation

Allerdings haben die beiden Bildungsforscherinnen auch festgestellt, dass knapp die Hälfte der Lehrerinnen und Lehrer an „digitalen Optimalschulen“ Weiterbildungen absolviert haben, um digitale Medien fachspezifisch besser einsetzen zu können. Im Schnitt aller Schulen haben nur 31 Prozent der Lehrkräfte entsprechende Fortbildungen besucht.

Die Daten zu ICILS 2018 wurden zwar schon deutlich vor der Corona-Pandemie erhoben, aber gerade auch in der aktuellen Situation bieten die Studienergebnisse wichtige Ansatzpunkte für Schulen, die sich jetzt auf den Weg der Digitalisierung machen und sich damit auseinandersetzen, wie sie die Vermittlung von Digitalkompetenzen verbessern und chancengerechter gestalten können.

Vergleichsstudie ICILS 2018

  • Die internationale Vergleichsstudie ICILS 2018 wurde im November 2019 veröffentlicht.
  • Teilgenommen haben Chile, Dänemark, Deutschland, Finnland, Frankreich, Italien, Kasachstan, Luxemburg, Portugal, Südkorea, Uruguay und die USA. Außerdem wurden Schülerinnen und Schüler in den Regionen Moskau und in Nordrhein-Westfalen getestet.
  • Die Daten zu den computer- und informationsbezogenen Kompetenzen von Achtklässlerinnen und Achtklässlern wurden im Frühjahr 2018 erhoben.
  • Die Daten wurden dabei fünf Kompetenzstufen zugeordnet. Das Gros der Schülerinnen und Schüler in Deutschland landete im Mittelfeld. Die höchste Kompetenzstufe haben nur 1,9 Prozent erreicht. Auf den beiden niedrigsten Kompetenzstufen landete hingegen ein Drittel. Diese Achtklässlerinnen und Achtklässler verfügen demnach nur über sehr rudimentäre und basale Digitalkompetenzen.