Dieser Artikel erschien am 15.10.2019 auf ZEIT Online
Autor: David Gutensohn

Klaus Hurrelmann : „Ich würde von der Generation Greta sprechen“

Deutschlands Jugendliche sind laut Shell-Studie politisiert und anfällig für Populismus. Bildungs­forscher Klaus Hurrelmann sagt, wie darauf reagiert werden sollte.

Teilnehmer einer Fridays for Future-Demonstration bilden eine Menschenkette vor dem Kanzleramt.
Teilnehmer einer Fridays for Future-Demonstration bilden eine Menschenkette vor dem Kanzleramt.
©dpa

Die neue Shell-Jugendstudie zeigt: Die junge Generation ist widersprüchlich. Sie ist zufrieden mit unserer Demokratie, vertraut aber den Parteien nicht. Sie blickt optimistisch in die Zukunft, fürchtet sich aber vor dem Klima­wandel. Sie ist gebildet, aber auch anfällig für populistische Thesen. Klaus Hurrelmann, Bildungs­forscher und Co-Autor der Jugend­studie, erklärt im Gespräch, wie die Politik darauf reagieren sollte.

ZEIT ONLINE: Herr Hurrelmann, vor vier Jahren sagten Sie in einem ZEIT-Interview die Politisierung der jungen Generation voraus. Weshalb war das abzusehen?
Klaus Hurrelmann: In unseren regel­mäßigen Umfragen konnten wir einen Prozess sehr gut beobachten: Anfang des Jahr­zehnts war das politische Interesse der 12- bis 20-Jährigen auf einem historischen Tief­stand. Doch schon damals und bei den Folge­unter­suchungen konnten wir sehen, dass in den jeweils jüngsten Gruppen das politische Interesse stieg. Dass da eine politische Generation heran­wächst, konnte ich deshalb schon 2015 prognostizieren. Auch wenn nicht abzusehen war, dass es sie in Massen auf die Straße treiben würde.

ZEIT ONLINE: Der jungen Generation geht es gut. Sie hält Deutschland für gerecht, blickt optimistisch in die Zukunft. Warum geht sie dann auf die Straße?
Hurrelmann: Das ist tatsächlich paradox. Die Vor­gänger­generation hätte allen Grund gehabt, um zu demonstrieren: Die Sorge vor Terror­anschlägen, Jugend­arbeits­losig­keit, Wirtschafts­krise. Genau deshalb hat sich die Vor­gänger­generation offen­bar auf sich selbst konzentriert. Wir haben das damals eine pragmatische Grund­haltung genannt. Den Jugendlichen ging es stark um Selbst­optimierung und gute Bildungs­abschlüsse und weniger um politisches Engagement. Während der Finanz­krise war die junge Generation mit sich selbst beschäftigt und es fiel ihr offenbar schwer, einen Schuldigen für dieses große globale Problem zu identifizieren.

Klaus Hurrelmann ist Bildungswissenschaftler an der Hertie School of Governance in Berlin und Mitautor der Shell-Jugendstudie.
Klaus Hurrelmann ist Bildungs­wissen­schaftler an der Hertie School of Governance in Berlin und Mitautor der Shell-Jugend­studie.
©dpa

ZEIT ONLINE: Auch der Klimawandel ist doch aber ein globales Problem ohne leicht auszumachende Schuldige.
Hurrelmann: Definitiv. Er bringt aber eine Generation auf die Straße, die eine völlig andere Ausgangs­situation hat. Die nach 2000 geborenen sorgen sich nicht um ihre Ausbildung oder den Beruf, sie leben in wirtschaftlich guten Zeiten. Sie sind nicht mit Unsicherheit aufgewachsen. Genau das macht sie politisch. Die Jugend scheint politisch aktiver zu werden, je besser es ihr geht. Je besser die soziale Perspektive und je höher der Bildungs­stand, desto stärker wird der Protest. Es ist sozusagen ein Protest aus der Zufriedenheit heraus.

ZEIT ONLINE: Trotzdem ist das Interesse der jungen Generation für Politik seit der letzten Studie von 43 Prozent auf 41 Prozent gesunken. Wie erklären Sie sich das?
Hurrelmann: Ja, das politische Interesse stagniert. Gewachsen ist hingegen die Zustimmung zu der Aussage, dass es modisch ist, politisch zu sein. Es ist auch nur eine Teilgruppe politisch aktiv, nicht die ganze Generation.

ZEIT ONLINE: Dann ist der Untertitel Ihrer Studie, Eine Generation meldet sich zu Wort, doch irre­führend.
Hurrelmann: Nein, denn es gab immer Meinungsführer inner­halb einer Generation, die auf eine große schweigende Mehr­heit trafen. Das war auch in der 68er-Bewegung so. Auch damals haben sich in Wohl­stands­zeiten, kurz nach dem Wirtschafts­wunder, einige junge Menschen politisiert. Aber es waren längst nicht alle jungen Menschen. Wie heute bei Fridays for Future war da eine kleine politische Elite aktiv – vielleicht fünf Prozent des Jahr­gangs – die aber hatten und haben die Fähigkeit, einen großen Sympathisanten­kreis zu bilden.

ZEIT ONLINE: Eben diese politisch gut organisierte Generation äußert aber auch Misstrauen. 71 Prozent der Jugendlichen gelten trotz ihres Engagements als politik­verdrossen. Wie passt das zusammen?
Hurrelmann: Die Zufriedenheit mit der Demokratie ist über­raschend gestiegen, was erfreulich ist. Gleich­zeitig verlieren die demokratischen Parteien und Politiker aber an Ansehen. Sie gelten bei der jungen Generation als büro­kratisch, behäbig, wenig transparent. Der Anreiz, sich dort zu engagieren, ist gering, die Distanz zu den Parteien ist groß.

„Junge Männer sind anfälliger für populistische Thesen“

ZEIT ONLINE: Was müssen Parteien tun, um junge Menschen wieder für sich gewinnen zu können?
Hurrelmann: Ich vertrete schon lange die Position, dass das Wahl­alter gesenkt werden sollte – und zwar nicht nur auf 16 Jahre, sondern auf 14 Jahre. Ab dem Alter von 12 Jahren sind junge Menschen heute in der Lage, zwischen politischen Gesichtern und Positionen zu unter­scheiden. Warum sollen sie dann mit 14 Jahren nicht mitwählen? Aber viel entscheidender wäre es, wenn die Parteien nach dem Modell der Frauen­quote eine Jugend­quote einführen würden. Sie müssen deutlich machen, dass sie die jungen Menschen wert­schätzen. Eine Quote von 30 Prozent für Führungs­personal unter 30 Jahren wäre zum Beispiel ein Weg. Dann würden junge Leute sich vielleicht wieder mehr engagieren, denn sie hätten auch Vor­bilder. Noch hat die junge Generation keinen Gegen­entwurf geliefert, wie sie Politik betreiben möchte. Sie bringt bisher nur ein Unbehagen zum Ausdruck. Doch Fridays for Future ist eine Art Versuchs­labor. Dort organisieren sich junge Menschen in 500 basis­demokratischen Orts­verbänden. Vielleicht zeigt sich vor Ort bald, wie junge Menschen Politik organisieren wollen.

ZEIT ONLINE: Offenbar sind vor allem junge Frauen politisch aktiv. Wie erklären Sie sich das?
Hurrelmann: Das kann durchaus am Thema liegen. Der Klima­wandel bringt emotionale und existenzielle Fragen mit sich. Er beschreibt einen Lebens­wandel, ist weniger mit technischen oder materiellen Fragen verbunden. Statt­dessen sind grundsätzliche Fragen wichtig. Das passt ideal zu den vielen jungen Frauen, die die Geschlechter­rollen in der Gesellschaft verändert haben. Sie wollen eine gute Partnerschaft, Kinder, Karriere und sich für große Themen einsetzen. Junge Frauen haben ein anspruchs­volles Multi­rollen­konzept.

ZEIT ONLINE: Gleichzeitig zeigt Ihre Studie aber auch, dass junge Menschen sich heute auch an traditionellen Rollen­modellen orientieren, Retraditionalisierung genannt. Der Wunsch nach Kindern bleibt stabil, vor allem Frauen sehen sich bei der Erziehung gefragt und wollen ihre Arbeit dafür reduzieren.
Hurrelmann: Junge Frauen wollen eine Art Arbeits­teilung, aber sie möchten nicht voll weiter­arbeiten, wenn ihre Kinder geboren sind. Ich würde das, wenn überhaupt, als moderate Retraditionalisierung beschreiben. Noch vor wenigen Jahren war es ja völlig normal, dass Frauen gar nicht mehr weiter­arbeiten wollten. Ich denke, dass die heutigen Entwicklungen vor allem daher kommen, dass viele junge Menschen sich an ihren eigenen Eltern orientieren. Unsere Studie zeigt auch, dass die jungen Menschen ihre Eltern als Erziehungs­vor­bilder wahrnehmen. Das war früher nicht so und erklärt das heutige Verharren in einer vorsichtigen Emanzipations­stufe.

ZEIT ONLINE: Dass die junge Generation so politisch ist, hat aber auch Schatten­seiten: 68 Prozent sagen, dass man in Deutschland nichts Negatives über Ausländer sagen darf. Mehr als die Hälfte glaubt, dass die Regierung etwas verschweigt. Ein Drittel fürchtet die Islamisierung Deutschlands. Wie kommen diese Zahlen zustande?
Hurrelmann: Sie sind ein Spiegel­bild der Gesellschaft. Es ist der Gegen­pol zu den jungen erfolg­reichen und gebildeten Frauen, die welt­offen agieren. Wir reden von einem Drittel der Generation, das über­wiegend männlich und schlecht gebildet ist. Sie stehen vor beruflicher Unsicherheit, neigen sich autoritären Prozessen zu, sehen die Zuwanderung als Risiko für ihr eigenes Leben. Die jungen Männer sind pessimistischer und deshalb auch anfälliger für solche populistischen Thesen.

ZEIT ONLINE: Folgt auf die Generation Z also jetzt die Generation P, die des Populismus?
Hurrelmann: Das glaube ich nicht. Ich würde von der Generation Greta sprechen. Sie ist kritisch, sie hinterfragt, und ich könnte mir gut vorstellen, dass sie als Nächstes die Ungerechtigkeiten im Bildungs­system anpackt. Auch der große Generationen­konflikt könnte eine wichtige Rolle für sie spielen. Ich denke da an die Renten- und Schulden­problematik. Vielleicht politisiert das die nächste Generation. Denn dank Greta ist sie für Über­lebens­fragen nun sensibilisiert.