Dieser Artikel erschien am 01.05.2020 in DER SPIEGEL
Autorin: Silke Fokken

Homeschooling mit Handicap : „Ich sehe, dass sie am Ende ihrer Kräfte ist”

Kinder mit Behinderung kommen in der Debatte über die Öffnung von Schulen bisher kaum vor. Dabei ist die Belastung dieser Familien besonders groß, viele Eltern sind 24 Stunden im Einsatz.

Bislang gibt es von der Politik kaum Vorgaben, wann oder wie Förderschulen wieder öffnen dürfen
©Getty Images

Es ist dieses Gefühl, sein Kind werde vergessen, das Marco Hörmeyer, 46, umtreibt. Seine Tochter Amelie, 12, geht zwar in Deutschland zur Schule. Aber wenn hier darüber diskutiert wird, wann genau der Unterricht trotz Corona-Pandemie wieder startet und mit welchen Schülern, wartet der Vater immer wieder vergeblich darauf, dass auch dieses Wort fällt: Förderschule.

Im Fahrplan der niedersächsischen Kultusbehörde zur Wiedereröffnung der Schulen tauchte es zunächst gar nicht auf, erzählt Hörmeyer am Telefon. Er lebt mit seiner Familie im Raum Osnabrück. Wann Kinder mit Behinderung wie Amelie wieder in die Schule gehen könnten, sei in der Politik kein großes Thema. Sie bleiben weitgehend unberücksichtigt, ebenso wie ihre Eltern. Dabei ist der Leidensdruck dieser Familien während des Shutdowns besonders groß.

Amelie ist körperlich und geistig schwer beeinträchtigt. Sie kann weder laufen noch krabbeln, sitzt im Rollstuhl. Sprechen geht auch nicht. Trotzdem habe sie „kognitiv einen starken Willen”, sagt ihr Vater, und wolle beschäftigt werden. Das gilt auch für andere Kinder im Homeschooling, aber die spielen zwischendurch mal allein. Und wenn ihnen gar nichts mehr einfällt, dürfen sie ein Weilchen das Tablet haben. All das geht bei Amelie nicht.

Das Kind braucht immer einen Erwachsenen neben sich. Jemanden, der Ansprache bietet. „Das ist unglaublich anstrengend”, sagt der Vater. Auch die Nächte sind für die Familie eine Herausforderung. „Amelie schläft selten durch, könnte einen Krampfanfall bekommen und hat Probleme damit, dass sie Essen aufstößt. Dann muss sie beruhigt werden, und wir müssen das Bett neu beziehen. Wir kommen kaum zur Ruhe, genauer gesagt meine Frau.”

Sie habe mit dem Schul-Shutdown unbezahlten Urlaub genommen, so Hörmeyer. Er selbst arbeite zwar im Homeoffice, müsse aber viele Stunden am Schreibtisch sitzen und könne seine Frau nicht so unterstützen, wie es nötig wäre. Hörmeyer sagt, ihm setze das extrem zu. „Ich sehe, dass sie am Ende ihrer Kräfte ist.” Seine Frau wolle sich lieber nicht selbst in den Medien äußern, das Thema sei für sie stark emotional besetzt.

Ersatzlehrer, Therapeut, Pflegekraft

Seit fast sieben Wochen springen Millionen Eltern in Deutschland unentgeltlich als „Ersatzlehrer” ein. Väter und Mütter wie Marco Hörmeyer und seine Frau sind zusätzlich noch Therapeut, Nachtwache und Pflegekraft.

Anregungen bekommen, gefördert werden, das ist für jedes Kind wichtig, bei Amelie aber auch ausschlaggebend für ihr körperliches Wohlbefinden. Normalerweise besucht sie jeden Tag von 8 bis 15 Uhr eine Förderschule, wo sie auch Therapien bekommt. Aber die ist seit Mitte März geschlossen und bietet seitdem nur eine Notbetreuung für Kinder von Eltern mit systemrelevanten Berufen an, und die haben Hörmeyers beide nicht. Er ist Pressereferent, sie Psychologin.

Knapp 3000 Förderschulen gibt es laut Statistischem Bundesamt in Deutschland, fast genauso viele wie Gymnasien. Aber während die Politik etwa für angehende Abiturienten genau festgelegt hat, wann sie wieder zum Unterricht gehen oder ihre Klausuren schreiben dürfen, gibt es kaum verbindliche Vorgaben für Förderschulen, ebenso wenig für den Umgang mit Kindern, die eine Behinderung haben und inklusiv beschult werden.

Forscher der Akademie der Wissenschaften Leopoldina hatten Bundeskanzlerin Angela Merkel und den Ministerpräsidenten der Länder Anfang April Vorschläge gemacht, wie der Schulbetrieb schrittweise wieder starten könnte. Die besonderen Bedürfnisse von Kindern wie Amelie wurden nicht erwähnt.

Gegenbeispiel Niederlande

Dabei geht es auch anders. In den Niederlanden ist es offenbar selbstverständlich, Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf besonders im Blick zu haben.

Als die Regierung mitteilt, dass die Schulen ab dem 11. Mai wieder starten, wird an zentraler Stelle erklärt, wie es für diese Kinder weitergeht: Während alle anderen Schulen erstmal in reduziertem Umfang loslegen, beginnt der Betrieb an den Sonderschulen direkt ganz normal. Die Politik kümmert sich um die besonderen Bedürfnisse der Kinder mit Behinderung und ihrer Eltern. Anders als in Deutschland.

Angela Ehlers, Vorsitzende des Verbandes für Sonderpädagogik e.V., vermisst, dass der Unterricht für Kinder mit Förderbedarf bundesweit im Blick ist. Es existiere ein bunter Flickenteppich. Die Regeln seien von Bundesland zu Bundesland, teils von Kommune zu Kommune und sogar von Schule zu Schule unterschiedlich und unübersichtlich. Einige Förderschulen nehmen ihren Betrieb schrittweise wieder auf, andere bleiben erstmal geschlossen. Die niedersächsische Kultusbehörde reagierte auf eine SPIEGEL-Anfrage zu dem Thema nicht.

„Viele Eltern von Kindern mit hohem Förderbedarf sind verzweifelt”, sagt Ehlers. Einige hundert Mails habe sie in den vergangenen Tagen von Müttern und Vätern bekommen, die seit Wochen mit ihren Kindern zu Hause sind. „Die Anspannung ist groß.”

„Viele rufen hier an und weinen”

Etwa bei Eltern, die Kinder mit Förderbedarf in der sozialen und emotionalen Entwicklung haben. Kinder, die wenig Frustrationstoleranz haben, „schnell mal austicken” sagt Ehlers. Bei diesen Kindern gebe es zu Hause ohnehin oft Reibereien. Werden Eltern über Wochen damit allein gelassen, „gehen manchem doch die Nerven durch, und es kann zu häuslicher Gewalt kommen”.

Die ohnehin schon belasteten Kinder würden durch die Schulschließungen noch einmal zurückgeworfen, die Eltern fühlen sich schlecht, sind dauergestresst. „Viele rufen hier an und weinen”, sagt Ehlers. „Sie sagen, dass sie einfach nicht mehr können, um das sonst eigentlich gute Verhältnis zu ihren Kindern fürchten und Angst haben, dass ihre Kinder nach der Zeit des Lernens zu Hause noch weiter abgehängt werden.”

Aber selbst wenn zu Hause alle entspannt bleiben, bräuchten gerade Kinder mit hohem Förderbedarf dringend den unmittelbaren, persönlichen auch körperlichen Kontakt. „Denen nützt kein Lehrvideo”, sagt Ehlers. „Ohne Reittherapie oder sonstige Angebote sind sie zu Hause völlig isoliert. Viele werden über Wochen, wenn nicht gar Monate, von der viel zitierten Teilhabe an Bildung abgeschnitten.”

„Eltern können Schule nicht ersetzen”

Das erlebt auch Dirk Pruschke, Leiter der Wartbergschule. Die Förderschule in Osterrode am Harz beschult Kinder mit verschiedenen Beeinträchtigungen. Hier gibt es Pferde, Schafe, Gänse und Meerschweinchen für die tiergestützte Therapie, eine Werkstatt für Holzarbeiten, eine Waschküche. „Die Eltern tun, was sie können”, sagt Pruschke, „aber die Förderung in der Schule können sie nicht ersetzen. Deshalb kommt es derzeit bei vielen Schülern zu einem Entwicklungsstau.”

Seit wenigen Tagen sind an der Wartbergschule immerhin die Neun- und Zehntklässler zurück. Ab dem 4. Mai werden die Viertklässler erwartet. Welche Kinder zu Risikogruppen gehören und vorerst lieber nicht in die Schule kommen sollten, klärt der Schulleiter mit den Eltern.

Für alle, die noch zu Hause bleiben müssen, versucht die Schule zumindest über Aufgaben auf der Schul-Homepage Kontakt zu halten: „Baue einen Turm.” Wie die Kinder das zu Hause gemeistert haben, ist auf Fotos zu sehen: Türme aus Schulranzen, Stiften, Töpfen und Büchern. Ein Trost in diesen Tagen, eine echte Förderung nicht.

Offener Brief an die Kanzlerin

Damit das Problem in der Prioritätenliste endlich höher rutscht, hat die Verbandsvorsitzende Ehlers einen Offenen Brief an die Kanzlerin geschrieben. Tenor: Die Politik müsse dringend Konzepte entwickeln, damit Kinder mit Förderbedarf nicht weiter ins Abseits geraten und ihre Eltern entlastet werden.

Marco Hörmeyer und seine Frau sind rund um die Uhr im Einsatz. Wickeln, Waschen, Anziehen, die Zwölfjährige mit ihren 40 Kilogramm in den Rollstuhl heben, das Essen mundgerecht vorbereiten, Amelie füttern, beschäftigen, wieder wickeln und so fort. All das begleitet von der Sorge, das Mädchen könne einen schlimmen, spastischen Anfall bekommen, so dass die Eltern mit ihm in die Notaufnahme müssen. Das war in den vergangenen Jahren schon einige Mal der Fall.

Er stehe frühmorgens auf und arbeite bis spät abends, um seiner Frau zumindest tagsüber ein paar Stunden helfen zu können, sagt Hörmeyer. Aber das koste ihn Schlaf und Kraft. Sehr viel länger sei das nicht durchzuhalten, weder für ihn geschweige denn für seine Frau.

„Kreative Lösungen ausdrücklich erwünscht”

Umso größer ist die Erleichterung, als sich die niedersächsische Kultusbehörde vor wenigen Tagen doch noch an Kinder wie Amelie erinnert. Sie verschickt einen Leitfaden an Förderschulen, wie sie den Betrieb wieder aufnehmen können. Hygiene- und Abstandsregeln müssten zum Schutz der Einzelnen eingehalten werden, an vielen Förderschulen eine besondere Herausforderung, aber dabei seien „ausdrücklich kreative Lösungen erwünscht”.

An Amelies Schule ist die Schulleitung dazu bereit, wie Hörmeyer sagt. Der Unterricht läuft schrittweise wieder an, die Notbetreuung wird ausgeweitet. Am Montag darf Amelie deshalb das erste Mal wieder in ihre Schule gehen. Und ihre Eltern können durchatmen.

Also doch noch alles gut? Für viele andere Familien bleibt die Lage katastrophal. Etliche Bundesländer haben keinen konkreten Plan für ihre Förderschulen oder lassen die meisten dieser Einrichtungen erstmal geschlossen, etwa Nordrhein-Westfalen. Die Eltern bleiben weiter allein mit ihren Kindern zu Hause.