Lehrermangel : „Ich habe es gehasst, zu betteln“

Felicitas Albers war gerne Lehrerin. Sie stand morgens um fünf auf, machte selten Pause. Doch trotz Lehrermangel bekam sie keine feste Stelle. Mit Anfang 30 gab sie auf.

Dieser Artikel erschien am 10.09.2022 auf ZEIT Online
Parvin Sadigh
Klasenzimmer einer Grundschule
„Mehrere Schulen hätten mich gerne behalten, aber selbst wenn sie eine Stelle schaffen konnten, durften sie mich nicht einstellen.“
©dpa

Lehrer und Lehrerinnen fehlen überall: Der Lehrerverband geht von 40.000 fehlenden Lehrkräften im laufenden Schuljahr aus. Bildungsforscher Klaus Klemm hat berechnet, dass bis 2030 sogar 80.000 von ihnen fehlen werden. Trotzdem schaffen viele Lehrer und Lehrerinnen den Job nur in Teilzeit. Andere verabschieden sich ganz. Wie Felicitas Albers, Anfang 30, die ihren richtigen Namen lieber nicht veröffentlichen möchte – vielleicht will sie ja doch noch einmal in den Schuldienst.

Ich hatte sieben Stellen als Lehrerin. Sieben Jahre Erfahrung sind zwischen Köln, Aachen und Düsseldorf zusammengekommen – aber immer nur mit dem Status als Vertretungslehrerin. Für eine Planstelle als Englischlehrerin am Gymnasium hatte ich in manchen Bewerbungen bis zu 200 Konkurrenten und Konkurrentinnen. Lehrermangel ist relativ. Zwar waren die Englischfachschaften alle am Limit und hätten dringend Zuwachs gebraucht, feste Stellen gab es aber kaum. Ich habe einen guten Job gemacht, meine Abschlussnote war auch sehr gut. Mehrere Schulen hätten mich gerne behalten, aber selbst wenn sie eine Stelle schaffen konnten, durften sie mich nicht einstellen. Es wurde dann nämlich eine verbeamtete Lehrerin bevorzugt, die sich versetzen lassen wollte – Qualifikation hin oder her.

Konkret bedeutete der Status als Vertretungslehrerin für mich, dass ich mit einer Vollzeitstelle für dieselbe Arbeit netto rund 1.000 Euro weniger verdient habe als die verbeamteten Lehrerinnen. Dazu habe ich lange Fahrtzeiten fürs Pendeln hingenommen, bin morgens um 5 aufgestanden. Näher an die Schule zu ziehen, hätte sich nicht gelohnt, ich wusste ja nie, wie lange ich dort arbeiten würde. Manchmal musste ich mich in den Sommerferien arbeitslos melden, obwohl Kündigungen über die Ferien in Nordrhein-Westfalen nicht erlaubt sind. Aber dann war es halt so, dass der alte Vertrag vor den Ferien endete und der neue erst danach begann. Doch ich habe immer ja gesagt, wenn ich noch eine Zusatzaufgabe übernehmen sollte. Hätte ja sein können, dass ich doch eine Stelle bekomme. Und ich habe es gehasst, wie ich zur Bettlerin wurde: Ständig saß ich vor einem Schulleiter oder einer Schulleiterin: Bitte, kann ich nicht doch bleiben?

Dabei habe ich den Job wirklich geliebt. Es ist unglaublich schön, wenn es gelingt, die Biografie eines jungen Menschen positiv zu beeinflussen. Einmal sagte mir eine Oberstufenschülerin, dass sie das Leben anders sehe, nachdem sie mich als Lehrerin hatte, weil sie nun doch daran glaube, dass andere Menschen sie ernst nehmen und lieben können.

Diese Aufgabe ist so sinnhaft

Ich habe auch eine Zusatzausbildung als Lehrerin für Deutsch als Zweitsprache (DaZ) gemacht. Eigentlich wollte ich vor allem meine Chancen auf eine Stelle erhöhen. Aber dann habe ich gemerkt, wie sinnhaft diese Aufgabe ist und wie sehr mir das liegt. Mit geflüchteten Kindern bekommt man noch einmal eine viel intensivere Verbindung als mit den anderen Schülern und Schülerinnen. Sie bekommen keine Noten, ich habe ihnen vermittelt, dass dieser Unterricht ihr safe space ist, dass sie erst einmal ankommen dürfen. Mit einem syrischen Jungen, den ich vor Jahren unterrichtet habe, bin ich noch im Kontakt. Er wartet gerade auf einen Studienplatz in Medizin.

Als der Vertrag einer meiner Stellen auslief, musste ich die internationale Klasse aufgeben – es war sehr hart, diese oft schwer traumatisierten Kinder zurückzulassen, die endlich eine Bezugsperson gefunden hatten.

Ich habe es auch mit anderen Schulformen versucht, wo der Lehrermangel deutlich spürbarer ist als an den Gymnasien und wo es viele freie Stellen gibt. Ich habe dort extrem viel gelernt – aber einsehen müssen, dass es nichts für mich ist. Einmal war ich an einer Brennpunktschule, weil es mich reizte, dass hier der pädagogische Anspruch, die Empathie, so viel wichtiger ist als am Gymnasium. Ich war jedoch schockiert, wie die Kinder miteinander umgegangen sind. Ich habe viel Gewalt und Verrohung schon in ganz jungem Alter gesehen. Einmal drehte sich im Unterricht ein Mädchen um, schaute nach hinten. Ein Junge stand auf und trat ihr ins Gesicht. Er sagte: „Die hat mich angeguckt, die soll nach vorne gucken.“ Ich habe mich so ohnmächtig gefühlt.

Über eine Schwangerschaft kann sich keiner freuen

An einer Grundschule habe ich tolle Erfahrungen gemacht, aber doch gemerkt, dass ich nicht am richtigen Platz war. Grundschullehrerinnen leisten enorm viel, ich bewundere sie sehr. Hier ist der Lehrermangel real. Die meisten powern durch von 8 bis 15 Uhr: Unterricht in fast allen Fächern, Konflikte schlichten, Aufsicht, Hausaufgabenbetreuung. Sie haben an schlimmen Tagen nur zweimal am Tag an ihrer Wasserflasche genippt und einmal in ihr Brot gebissen.

Aber ich arbeite anders. Brenne mehr für die englische Literatur als für die pädagogischen Methoden, kleine Kinder zum Lernen zu befähigen, wenn in einer Ecke ein Junge Bauchweh hat, gleichzeitig ein hochbegabtes Mädchen sich langweilt und hinten zwei sich kloppen. Der Beruf am Gymnasium ist nicht besser oder herausfordernder als der an Grundschulen – aber er ist eben eher meiner.

Einige Erfahrungen am Gymnasium haben mir den Rest gegeben. Ich habe gehört, wie abfällig über den Kinderwunsch junger Frauen gesprochen wurde und dass sie deshalb kaum eingestellt würden. Es ist tragisch, aber tatsächlich kann sich an Schulen über die Schwangerschaft einer Kollegin niemand nur freuen. Denn sie wird wegen Corona vom ersten Tag an von der Arbeit befreit. Mir wurde deshalb schon geraten, bei Vorstellungsgesprächen den Verlobungsring abzunehmen. Der nächste Schlag war, dass an die Schule, an der ich lange gerne und gut gearbeitet habe, mehrere schon verbeamtete Englischlehrerinnen versetzt wurden – ich bekam wieder keine Stelle.

Ab 2025 sollen es laut der Prognose zum Lehrkräftearbeitsmarkt in Nordrhein-Westfalen neue Stellen für Gymnasiallehrerinnen geschaffen werden, weil es wieder neun statt acht Schuljahre am Gymnasium geben wird. Ich habe aber inzwischen anderes vor und lerne in einem Coachingseminar mit anderen Aussteigerinnen, wo wir unsere Fähigkeiten einbringen können – und vielleicht mehr geschätzt werden.