Integration im Lehramtsstudium : „Ich fühle mich wie ein Außenseiter“

Wie zugehörig fühlen sich Menschen mit Migrationshintergrund im Lehramtsstudium und welchen Einfluss hat das auf einen Studienabbruch? Dieser Frage geht eine Studie des DIPF | Leibniz-Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation und der Goethe-Universität Frankfurt nach. Das Schulportal hat sich die wichtigsten Ergebnisse angeschaut und Lehrkräfte mit Migrationshintergrund nach ihren persönlichen Erfahrungen während der Ausbildung und in der Schule befragt.

Florentine Anders 18. Januar 2022
Eine Lehrerin erklärt einen Grundschulkind eine Aufgabe
Lehrkräfte mit Migrationshintergrund werden in den Schulen dringend gebraucht.
©Fat Camera/iStock

Studierende mit Migrationshintergrund fühlen sich im Lehramtsstudium weniger zugehörig als ihre Mitstudierenden. Das zeigt eine gemeinsame Studie des DIPF | Leibniz-Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation und der Goethe-Universität Frankfurt. Studentinnen und Studenten mit Migrationshintergrund haben demnach im Vergleich zu ihren Mitstudierenden nicht nur ein geringeres Zugehörigkeitsgefühl, sie neigen auch eher dazu, das Studium abzubrechen. „Die Untersuchung belegt einen Zusammenhang: Menschen, die sich nicht zugehörig fühlen, ziehen häufiger auch in Erwägung, das Studium abzubrechen“, erklärt Bildungsforscherin Kristin Wolf vom DIPF. Das sei fatal, sagt Wolf, denn in den Schulen gebe es zu wenige Lehrkräfte mit Migrationshintergrund. Die interkulturelle Kompetenz sei angesichts der diversen Schülerschaft dringend gefragt. Unabhängig davon sei es auch eine Frage der Bildungsgerechtigkeit, dass Menschen mit Migrationshintergrund erfolgreich das Lehramtsstudium abschließen.

925 Lehramtsstudierende an vier Standorten befragt

Wolf hatte gemeinsam mit weiteren Forschenden 925 Lehramtsstudierende unterschiedlicher Fachrichtungen und Semester an vier Universitäten in Hessen, Nordrhein-Westfalen, Bayern und Baden-Württemberg mit standardisierten Fragebögen befragt. 28,5 Prozent der Befragten hatten einen Migrationshintergrund, das heißt, der oder die Studierende selbst oder mindestens ein Elternteil war im Ausland geboren. Gefragt wurde nach dem Zugehörigkeitsgefühl sowohl in fachwissenschaftlichen als auch in den bildungswissenschaftlichen Veranstaltungen. Die Befragten wählten auf einer Skala zwischen eins und sechs aus, wie sehr sie verschiedenen Aussagen zustimmen. Dazu gehörten beispielsweise Aussagen wie „Ich fühle mich wie ein Außenseiter/eine Außenseiterin“, „Ich fühle mich unwohl und fehl am Platz“ oder auch „Meine Kommilitonen scheinen mich zu mögen“.

Beim Zugehörigkeitsgefühl ergab sich insgesamt sich ein Mittelwert von 4,62 in den bildungswissenschaftlichen Veranstaltungen und 4,93 in den fachwissenschaftlichen Veranstaltungen. Die Studienabbruchintention lag bei 1,96 auf der Skala von eins bis sechs.

Studierende mit Migrationshintergrund hatten insgesamt ein signifikant geringeres Zugehörigkeitsgefühl und dachten gleichzeitig häufiger darüber nach, das Studium abzubrechen. Ist das mangelnde Zugehörigkeitsgefühl für die Abbruchintention verantwortlich? Oder sind es möglicherweise andere Faktoren, die dabei eine Rolle spielen?

Kooperative Lernformen können Zugehörigkeitsgefühl stärken

Um diesen Zusammenhang zu untersuchen, rechneten die Forschenden verschiedene weitere Variablen, die ebenfalls Einfluss auf das Zugehörigkeitsgefühl und die Abbruchintention nehmen können, soweit es geht heraus. Dazu gehören zum Beispiel der Bildungshintergrund der Eltern, die Abiturnoten oder auch der Universitätsstandort. So konnte das Forschungsteam tatsächlich einen individuellen – wenn auch kleinen – Effekt des Zugehörigkeitsgefühls auf die Abbruchintention der Studierenden mit Migrationshintergrund belegen.

Wie lässt sich das ändern? „Wir wissen aus der Forschung, dass zum Beispiel die bessere soziale und akademische Unterstützung der Studierenden durch die Dozierenden zu einem besseren Zugehörigkeitsgefühl führen kann“, sagt Wolf. Studien aus der Schulforschung würden zudem belegen, dass sich auch kooperative Lernformen positiv auswirken. Und natürlich würden auch gemeinsame Aktivitäten außerhalb der Lehrveranstaltungen eine Rolle spielen. „Bei den Medizinern etwa gibt es Partys, Olympiaden und andere regelmäßige Aktivitäten. Das ist im Lehramt schwieriger, weil die Studierenden ja hier nicht in einer gemeinsamen Kohorte lernen, sondern aus verschiedenen Disziplinen kommen.“

Das Thema Diversität gehört in die Lehramtsausbildung

Lehrerin Francesca Lüdecke und Lehrer Hari Sriramalu können das aus ihren Erfahrungen bestätigen. Beide engagierten sich bereits während des Bachelorstudiums im Berliner Netzwerk für Lehrkräfte mit Migrationshintergrund. Das Netzwerk berät Lehramtsstudierende und Lehrkräfte und hat sich zum Ziel gesetzt, mehr Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund für das Lehramtsstudium zu begeistern.

Hari Sriramalu ist vor mehr als zehn Jahren in das Netzwerk eingestiegen. Damals hat er im ersten Semester Politik und Englisch auf Lehramt an Gymnasien in Berlin studiert. „Als Außenseiter habe ich mich zwar nicht gefühlt, aber ich habe von Anfang an versucht, über Netzwerke in Kontakt mit anderen zu kommen“, sagt er. Dazu gehörte zum Beispiel ein Mentoring-Programm, in dem höhere Semester die Erstsemester begleitet haben. Das habe ihm geholfen, sich in den Abläufen zurechtzufinden und Mitstudierende kennenzulernen. Später war er selbst Mentor, insbesondere für Studienanfängerinnen und Studienanfänger mit Migrationshintergrund. „Themen wie Diversität und institutionelle Diskriminierung müssten in der Hochschule auch in der Lehramtsausbildung eine größere Rolle spielen, dann gebe es auch später im Schulalltag ein anderes Bewusstsein dafür“, sagt Sriramalu. Denn auch dort würden sich Lehrkräfte mit Migrationshintergrund oft als Außenseiter im Kollegium fühlen.

Lehrkräfte mit Migrationshintergrund werden oft als „interkulturelle Experten“ abgesondert

Francesca Lüdecke hat sich im Studium häufig als Einzelkämpferin gefühlt, erzählt sie. „Man ist von einem Kurs zum nächsten gewandert und traf überall wieder neue Leute, dabei gab es selten kooperative Lernformen oder Lernumgebungen, die einen Austausch untereinander anregten, durch die man ein Zugehörigkeitsgefühl zu einer Gruppe hätte entwickeln können.“ Eine das Studium durchgehend begleitende Lehramtscommunity, in der man über Erfahrungen oder Probleme sprechen könnte, habe es praktisch nicht gegeben, sondern nur zeitlich begrenzte Programme. Auch später beim Einstieg in die Schule wäre es wünschenswert, statt einer Willkommensmappe ein begleitendes Mentoring an der Schule zu bekommen, um Teil der Community zu werden. Lehrkräfte mit Migrationshintergrund würden an der Schule oft nicht mit all ihren Ressourcen wahrgenommen, sondern schnell als „interkulturelle Experten“ abgesondert nach dem Motto: „Du kümmerst dich jetzt um die interkulturellen Probleme an der Schule.“ Dieser „Stempel“ ist ein Problem, denn die Gruppe der Menschen mit Migrationshintergrund ist sehr heterogen, die Lehrkräfte bringen in die Institutionen verschiedene Kompetenzen und Erfahrungen ein, weit mehr als die zugeschriebene Expertise im Bereich der soziokulturellen Diversität. „Das ist eine Form der Stigmatisierung, von der wir sowohl an der Hochschule als auch an der Schule wegkommen müssen“, sagt Lüdecke.