Lehrermangel : „Ich bin pessimistisch, dass man den Trend ändern kann“

Mathe-, Physik- und Chemielehrer fehlen schon jetzt. Aber bis 2030 wird der Lehrermangel noch dramatisch wachsen, hat Bildungsforscher Klaus Klemm errechnet.

Dieser Artikel erschien am 28.01.2021 auf ZEIT Online
Thomas Kerstan
Notbetreuung
Notbetreuung – bald werden noch mehr Lehrerinnen und Lehrer fehlen.
©dpa

Lehrerinnen und Lehrer fehlen an den weiterführenden Schulen besonders häufig in den MINT-Fächern – also etwa in Mathe, Physik, Informatik und Technik. Der Bildungsökonom Klaus Klemm erforscht seit vielen Jahren den Lehrermangel, diesmal hat er Zahlen aus Nordrhein-Westfalen analysiert.

ZEIT ONLINE: Herr Professor Klemm, Sie haben für die Telekom-Stiftung untersucht, ob wir in zehn Jahren genug Lehrkräfte für Mathematik, Informatik, die Naturwissenschaften und Technik haben, also für die sogenannten MINT-Fächer. Was haben Sie herausgefunden?
Klaus Klemm: Der Lehrkräftemangel in diesen Fächern wird weiter zunehmen – und zwar dramatisch. Für Nordrhein-Westfalen konnte ich das für die allgemeinbildenden weiterführenden Schulen genauer berechnen. Nur rund ein Drittel der MINT-Lehrkräfte, die bis 2030/31 neu eingestellt werden müssten, um den Bedarf zu decken, steht dann tatsächlich zur Verfügung.

ZEIT ONLINE: Wie kommen Sie darauf?
Klemm: Ich habe Nachfrage und Angebot gegenübergestellt. Jede dritte MINT-Lehrkraft wird bis dahin aus dem Schuldienst ausscheiden, vor allem aus Altersgründen. Zusätzlich wachsen seit ein paar Jahren die Schülerzahlen wieder stark an. 2018/19 wurden 487.000 Wochenstunden MINT-Unterricht erteilt, 2030/31 sind dann 577.000 nötig. Stellt man diesem Bedarf den Nachwuchs an Lehrkräften gegenüber, ergibt sich eine große Lücke. In den kommenden zehn Jahren müssten in NRW Jahr für Jahr circa 3.300 neue MINT-Lehrkräfte in den Schuldienst eintreten. Es werden aber nur 1.100 pro Jahr sein, wenn man die heutigen Vorlieben der Lehramtsstudierenden zugrunde legt. Und ich rechne nicht damit, dass plötzlich dreimal so viele von ihnen die MINT-Fächer stürmen.

ZEIT ONLINE: Gilt Ihre Prognose nur für Nordrhein-Westfalen?
Klemm: Für Nordrhein-Westfalen konnte ich die Zahlen genauer berechnen, weil ich Zugang zu differenzierteren Statistiken hatte. Ich habe aber die begründete Annahme, dass der Trend bundesweit gilt.

ZEIT ONLINE: Im Osten wachsen aber die Schülerzahlen nicht so stark.
Klemm: Dafür scheiden dort mehr Lehrkräfte aus Altersgründen aus. Ich sehe leider nirgends Lichtblicke, die Anlass zur Zuversicht geben könnten.

ZEIT ONLINE: Im Jahr 2014 haben Sie schon einmal eine ähnlich alarmierende Berechnung vorgelegt. Hat sich seitdem etwas getan?
Klemm: Leider nichts Positives. Die Prognose hat sich noch einmal deutlich verschlechtert.

ZEIT ONLINE: Haben Sie Vorschläge, wie die Kultusministerinnen und Kultusminister und die Universitäten Ihre düstere Prognose zum Platzen bringen könnten?
Klemm: Ehrlich gesagt bin ich pessimistisch, dass man den Trend ändern kann. Es wurden nicht nur die Warnungen von 2014 in den Wind geschlagen. Es ist ja überhaupt sehr schwer, MINT-Fachkräfte für den Schuldienst zu gewinnen, weil sie in der Wirtschaft viel mehr verdienen können.

ZEIT ONLINE: Trotzdem muss sich der Nachwuchs ja in Mathematik und den Naturwissenschaften auskennen, als künftige Fachkraft in der Wirtschaft oder als Ingenieur, um die Klimakrise abzuwenden. Geben Sie uns Hoffnung.
Klemm: Ich will mich nicht drücken. Man braucht dazu auf jeden Fall viel Fantasie, auch für ungewöhnliche Maßnahmen. So könnten etwa Fachleute aus der Wirtschaft und der Wissenschaft stundenweise unterrichten. Oder man bildet Lehrkräfte anderer Fächer dazu aus, zumindest in der fünften und sechsten Klasse Mathematik zu unterrichten. Letztlich löst man das Problem aber nur, wenn mehr grundständig ausgebildete MINT-Lehrkräfte an die Schulen kommen. Dazu sollte man systematisch Studienanfänger in Lehramtsstudiengängen zur Wahl eines MINT-Fachs motivieren.

Noch wichtiger wäre es, die Zahl der Studienabbrecher in diesen Fächern zu senken. Dazu muss mehr in eine gute Lehre und eine durchgehend gute Studienberatung investiert werden. Es muss auch gesichert werden, dass an den Universitäten genug MINT-Fachdidaktiker vorhanden sind, also die Lehrkräfte der Lehrkräfte. Das durchzusetzen erfordert viel Kraft und Beharrlichkeit. Ich wäre sehr froh, wenn sie jemand aufbrächte.